Hemauer/Keller — Wandel am Horizont? Veränderung der Himmelsbläue

Voyages atmosphériques (Concerning the Blueness of the Sky), 2016, Fotografie

Voyages atmosphériques (Concerning the Blueness of the Sky), 2016, Fotografie

Cyanometer nach Horace-Bénédict de Saussure, Courtesy Bibliothèque de Genève, Arch. de Saussure

Cyanometer nach Horace-Bénédict de Saussure, Courtesy Bibliothèque de Genève, Arch. de Saussure

Über die Blauheit des Himmels (Spektrometer-Messung und Verdünnungswerte des nachgebauten Cyanometers), 2015

Über die Blauheit des Himmels (Spektrometer-Messung und Verdünnungswerte des nachgebauten Cyanometers), 2015

Voyages atmosphériques (Concerning the Blueness of the Sky), 2016, Videostill

Voyages atmosphériques (Concerning the Blueness of the Sky), 2016, Videostill

Voyages atmosphériques (Concerning the Blueness of the Sky), 2016, Ausstellungsansicht Centre culturel suisse Paris

Voyages atmosphériques (Concerning the Blueness of the Sky), 2016, Ausstellungsansicht Centre culturel suisse Paris

Corona Skies (Zürich, Lutherwiese), 2020, Fotografie

Corona Skies (Zürich, Lutherwiese), 2020, Fotografie

 Hemauer/Keller

 Hemauer/Keller

Fokus

Der Schweizer Naturforscher Horace-Bénédict de ­Saussure bestieg im Jahr 1787 den 4810 m hohen Mont Blanc, den höchsten Berg der Alpen. Eines seiner Ziele: der Beweis, dass die Himmelsbläue in der Höhe zunimmt. Hier knüpft das Künstlerduo ­Christina Hemauer und Roman Keller an und will wissen, ob sich das Blau des Himmels jetzt verändert.

Hemauer/Keller — Wandel am Horizont? Veränderung der Himmelsbläue

Der Himmel! Auf ihm lastet kulturhistorisch betrachtet eine schwere Hypothek. Das ist ja nicht einfach irgendein Gemisch aus chemischen Gasen, das uns weiter nicht zu interessieren hat und das uns zufällig blau erscheint. Als (einstiger) Wohnort Gottes, als Sehnsuchtsraum der Romantik, wo die Farbe Blau symbolisch für die Unendlichkeit stand, aber auch im täglichen Sprachgebrauch bleibt der Himmel vielfach ein Hoffnungsbegriff. Gleichzeitig verleiht die Klimadebatte dem Themenkomplex einen neuen und ungemütlichen Dreh. Doch beginnen wir am Anfang.

Die Farbe des Himmels
Bruggmann: Christina und Roman, warum ist der Himmel blau?
Keller: Das Sonnenlicht trifft auf dem Weg durch die Atmosphäre auf Partikel und wird von diesen abgelenkt. Die sogenannte Rayleigh-Streuung ist abhängig von der Grös­se der Teilchen. Sind sie sehr klein, wie Stickstoff- oder Sauerstoffatome, wird das kurzwellige, blaue Licht stark gestreut. Sind sie grösser, wie Wassermoleküle oder Russ, wird Licht über den ganzen Wellenlängenbereich gestreut. Verkürzt ausgedrückt: Je trockener und sauberer die Luft ist, desto blauer erscheint der Himmel.
Bruggmann: Dabei mag uns die Tatsache überraschen, dass der Himmel nicht immer schon blau war. Ihr thematisiert das in eurer installativen Arbeit ‹Untitled (blue)› von 2017. Im Austausch mit Geologinnen und Geowissenschaftlern taucht ihr tief in die Entwicklungsgeschichte der Erde ein. «Im Anfang war der Himmel – für all jene, die Zeugnis davon hätten ablegen können – schwarz, und die Welt vom Nichts umgeben», heisst es in der Tonspur.
Christina Hemauer: Uns interessiert, wie der Himmel einst ausgesehen hat und wie er zukünftig aussehen wird. Er war wohl zu Beginn ganz schwarz, dann aufgrund der starken Vulkantätigkeit gelbbraun, und erst mit dem Erscheinen von photosynthetisch aktiven Organismen, die Sauerstoff als Abfallprodukt an die Atmosphäre abgaben, lichtete sich die dicke Wolkendecke und der Himmel wurde blau.
Bruggmann: Das geht gerne vergessen. Immerhin wird heute von einer vierstufigen Entwicklung der Erdatmosphäre ausgegangen. Genauer: Die Uratmosphäre ging fast ganz verloren und die Zusammensetzung der sekundären Atmosphäre wandelte sich dreimal grundlegend. Nun steht der Mensch in starkem Verdacht, die Zusammensetzung der Atmosphäre durch den erhöhten CO2-Ausstoss erneut zu verändern – und damit auch die Farbe des Himmels.
Keller: Ja, davon gehen wir aus. Und das ist ein emotionales Thema. Wenn wir anderen sagen, dass wir Menschen die Himmelsfarbe bereits beeinflusst haben, reagieren sie beinahe schockiert: «Nein, das darf doch nicht wahr sein, dass wir unseren Himmel verändern!» Und offen gestanden, uns erschreckt das auch!

Die Kunst der Prognose
Bruggmann: Was heisst das konkret? Wird der Himmel in Zukunft grauer oder blauer?
Hemauer: Wie sich die Farbe des Himmels verändern wird, das hängt von lokalen und globalen Klimaveränderungen und von unserem Emissionsverhalten ab. Entsprechend gehen die Prognosen auseinander. Manche Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich die Himmelsfarbe in Richtung Hellgrau verschieben wird, unter anderem aufgrund eines Anstiegs der Luftfeuchtigkeit und der Aerosole in der Atmosphäre. Andere vertreten hingegen die Ansicht, dass der Himmel aufgrund der Klimaerwärmung wolkenloser und damit blauer werden wird.
Bruggmann: Diese Diskrepanz macht die Deutung der Veränderung der Himmelsbläue natürlich nicht einfacher. Wie messt ihr diese eigentlich?
Keller: Wir orientieren uns – zumindest der Idee nach – am Cyanometer von Horace-Bénédict de Saussure (1740–1799). Er wollte mit diesem eigens entwickelten Messapparat beweisen, dass der Himmel dunkler erscheint, je höher man steigt – beispielsweise auf einen Berg wie den Mont Blanc. Das Cyanometer bestand aus einem Kreis mit verschiedenen Blaunuancen zwischen den Polen Weiss und Schwarz. Später wurde es von Alexander von Humboldt in Südamerika genutzt, und auch Johann Wolfgang von Goethe ging damit spazieren. Saussure beeindruckt uns – nebst seinem Willen, die Welt zu vermessen! – durch seinen Erfindergeist und die Fähigkeit, Messgeräte selber herzustellen.
Bruggmann: Auch ihr zeigt Erfindergeist. Ich denke da an eure selbstgebauten und mit Kameras versehenen Solarballons, die ihr für Stratosphärenflüge verwendet habt.
Hemauer: In der Arbeit ‹Voyages atmosphériques (Concerning the Blueness of the Sky)›, mit der wir 2015 begonnen haben, wollten wir mit Solarballons die Farbe des Himmels an ihrem Entstehungsort beobachten.
Keller: Als wir die Videoaufnahmen aus der unteren Stratosphäre in 17 km Höhe sahen, wo 90% der Erd-Gashülle schon unter dem Ballon liegen, hat uns das sehr berührt. Da sieht man dieses Häuchlein von Atmosphäre, das die Erde umgibt. Da wir die Ballone selbst gebaut haben, fühlte es sich an, als ob wir selbst da oben gewesen wären!

Der Faktor Mensch
Bruggmann: Darin klingt das Thema «Fragilität» an. Momentan beschäftigt nicht nur das Klima, sondern auch das Coronavirus. Euch interessiert, ob die Massnahmen die Luft sauberer gemacht und die Himmelsfarbe verändert ­haben. Dahinter steht die Frage nach dem anthropogenen Einfluss auf die Atmosphäre.
Hemauer: Als sich abzeichnete, dass wir durch den Lockdown längere Zeit zuhause bleiben müssen, entschieden wir, den Himmel täglich vor unserem Atelier in Zürich zu fotografieren. Zu Beginn des Lockdowns war der Himmel unglaublich blau.
Keller: Auffällig war auch, dass keine Kondensstreifen sichtbar waren. Eine Studie, welche die Meteodaten nach dem temporären Flugverbot nach den 9/11-Anschlägen in den USA untersuchte, kam zum Schluss, dass die Nächte im Vergleich zum langjährigen Mittel 0,5 °C kälter und die Tage 0,5 °C wärmer waren. Unsere Aktivitäten haben also durchaus Folgen, obwohl es oft schwierig ist, das zu beweisen.
Bruggmann: Wie aussagekräftig sind eure Untersuchungen denn aus wissenschaftlicher Sicht? Oder anders gefragt: Wo positioniert ihr euch zwischen ästhetisch-künstlerischem und wissenschaftlichem Anspruch?
Hemauer: Als wir 2014 Klimatologen fragten, weshalb die Himmelsfarbe nicht gemessen wird, erhielten wir die Antwort, dass sie keine wissenschaftlich relevante Grösse darstelle. Wir folgerten, dass die Kunst in diese Bresche springen muss, und fingen an, ein Messgerät zu entwickeln.
Keller: Mittlerweile arbeiten wir am zweiten Prototyp, der möglichst wartungsarm auf Museumsdächern installiert werden kann – in Museen werden ja üblicherweise ­menschgemachte Dinge gesammelt. Wir möchten über einen Zeitraum von mindestens fünfzehn Jahren Farbspektren erfassen und hoffen, dass die Datenreihen auch von der Wissenschaft genutzt werden können.
Hemauer: Gleichzeitig möchten wir die Messergebnisse für unsere künstlerische Arbeit nutzen. In der Kunstwelt lässt sich die Klimadebatte anders führen. Kunstwerke ermöglichen physische Erfahrungen und können Behauptungen in den Raum stellen. Oder besser gesagt: Kunst ist ein Angebot oder eine Aufforderung, herauszufinden, was die eigentlichen Fragen sind!
Bruggmann: Das Thema wird uns in jedem Fall weiter beschäftigen. Abschliessend eine Frage im Hinblick auf die übertragene Bedeutung der Begriffe «Himmel» und «Horizont»: Wie blickt ihr in die Zukunft? Wird der Himmel blauer oder grauer?
Hemauer: Das Coronavirus hat das Bewusstsein für die Verletzlichkeit und Instabilität nicht nur des Klimas, sondern auch der Gesellschaft verstärkt. Andererseits scheint es plötzlich möglich, vermeintlich Indiskutables zur Sprache zu bringen, neue Möglichkeiten zu durchdenken und Festgefahrenes über den Haufen zu werfen.
Keller: Die Diskussion über den «Green New Deal» deute ich beispielsweise als ein ­positives Zeichen. Sicherlich wäre es naiv, zu denken, die Probleme liessen sich in den nächsten Jahren lösen. Dabei verstehen wir die Auseinandersetzung mit dem Klimawandel als eine kulturelle Aufgabe. Denn letztlich geht es um die Frage, in welcher Welt wir zukünftig leben wollen.

Jana Bruggmann ist Doktorandin an der Freien Universität Berlin und freie Autorin. bruggmann@artlog.net
 

Hemauer/Keller leben in Zürich, Zusammenarbeit seit 2003
Christina Hemauer (*1973, Zürich), Studium an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich und an der Kunstakademie Gent, Belgien
Roman Keller (*1969, Liestal), Studium der Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich, Ausbildung in Fotografie

Einzelausstellungen (Auswahl)
2018 ‹Wärme tauschen›, Altes Dampfbad – Gesellschaft Freunde junger Kunst, Baden-Baden
2016 ‹Voyages atmosphériques (Concerning the Blueness of the Sky)›, Centre culturel suisse, Paris
2015 ‹Im Drehsinn — Wirtschaft und Kunst›, Kunstmuseum Olten
2013 ‹Schwache Ölspuren im Sandstein – Days of an Elapsed Future›, Kunstraum Walcheturm, Zürich
2011 ‹United Alternative Energies›, Aarhus Art Building
2008 ‹Studio Frauenfeld — L’Energia siamo noi›, Neuer Shed im Eisenwerk, Frauenfeld
2007 ‹A Curiosity, a Museum Piece and an Example of a Road not Taken›, Kunsthalle Fri-Art, Fribourg

www.hemauerkeller.land

Autor/innen
Jana Bruggmann
Künstler/innen
Hemauer/Keller

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