Institutions in Progress — Echo auf den Brief Schwarzer Künstler*innen

Fokus

Der in den vergangenen Monaten ins öffentliche Bewusstsein gerückte strukturelle Rassismus macht auch vor Kunstinstitutionen nicht halt. Darauf weist ein offener Brief hin, unterzeichnet von mehr als sechzig Schwarzen Künstler*innen und Kulturschaffenden. Das Kunstbulletin hat nachgehakt: Wo sehen sich einzelne Kunsthäuser in diesem Prozess? 

Institutions in Progress — Echo auf den Brief Schwarzer Künstler*innen

In der Adresszeile stehen 76 Schweizer Kulturinstitutionen, die am ‹Blackout Tuesday› Anfang Juni auf Social Media ein schwarzes Quadrat oder andere Solidaritätsbekundungen geteilt hatten. Diese Aktion galt in erster Linie den Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus gegenüber Schwarzen Menschen (1) in den USA als Reaktion auf den Tod von George Floyd. Eine Woche darauf riefen in der Schweiz arbeitende Schwarze Künstler*innen und Kulturschaffende in ihrem öffentlichen Brief dazu auf, über diesen «performativen Aktivismus» hinaus auch lokal hinzuschauen und aktiv zu werden. Mike Ben Peter, Lamine Fatty und Hervé Mandundu, drei Männer, die in den vergangenen Jahren im Rahmen von Polizeieinsätzen in der Schweiz zu Tode kamen, nennen sie als Beispiele für die extremste Form des auch hierzulande erlebten Rassismus. «White Supremacy» (weisse Vorherrschaft) als System von diskriminierenden Vorurteilen durchdringe sämtliche westlichen Strukturen, einschliesslich die von kulturellen Institutionen, was viele der Unterzeichnenden selbst erfahren haben. «Bisweilige Versuche, diese Erlebnisse anzusprechen, führten oft zu heftigen Reaktionen wie Drohungen oder Einschüchterung», heisst es im Brief. Dass eine Institution adressiert wurde, bedeutet wohlgemerkt nicht zwingend, dass dies dort der Fall war, wie Deborah Joyce Holman und Yara Dulac Gisler, zwei der Unterzeichnenden, präzisieren. «Es geht nicht darum, Rassisten zu identifizieren, sondern das System, das rassistisch ist», erläutern sie. «Dass viele Akteure und Institutionen an diesem System teilhaben, müssen sie zuerst anerkennen und dann korrigieren.»
Der Brief enthält einen Leitfaden mit Fragen zur Repräsentation Schwarzer Personen in der Programmgestaltung, zu gerechten Anstellungs- und Lohnbedingungen, ethischen Richtlinien in Bezug auf Geldgebende sowie Ansprechstellen im Fall von Diskriminierungserfahrungen. Damit leisten die Verfasserinnen und Verfasser wertvolle Vorarbeit. Dazu addieren sich nun Interviewanfragen oder informelle Gesprächseinladungen von Institutionen, wobei der Brief gerade die Inanspruchnahme unentgeltlicher Arbeit Schwarzer Kunstschaffender sowie Einladungen häufig nur im Zusammenhang mit Themen des Schwarzseins problematisiert. Auch ich, als weisse Autorin, die ich noch nie über Kunst von Schwarzen Künstlerinnen oder Künstlern publiziert habe und nun für diesen Artikel auf geduldige Auskünfte zählen durfte, bin von dieser Problematik nicht ausgenommen. Wie viele Fragen zu diesem Thema – anstatt über ihre Kunst – müssen sie noch beantworten, nachdem sie diesen unmissverständlichen Brief verfasst haben? Warum rechne ich mit Antworten von Institu­tionen, die sich bisher nicht öffentlich zum Brief geäussert haben?
Die ursprüngliche Erwartung, dass der auch in den sozialen Medien zirkulierende Brief auch auf ebendiesen Plattformen beantwortet werden würde, hat sich nicht erfüllt. Zumindest bis dato ist dies überwiegend nicht eingetroffen (Stand zweite Juli­hälfte, eineinhalb Monate nach Veröffentlichung des Briefs). Ausnahmen bilden das Tanzhaus Zürich, das Théâtre de l’Usine oder das Kollektiv ‹Où êtes-vous toutxs?›, die allesamt nicht einmal direkt adressiert waren. Das Cabaret Voltaire ging in ­einem Blogeintrag auf die Fragen ein. Vereinzelte andere, darunter das Institut Kunst, lies­sen auf Instagram verlauten, dass sie die Sache reflektieren und darauf zurückkommen würden. Wenige weitere Institutionen haben sich zudem in direkten Antworten per Mail mit den Fragen auseinandergesetzt. Allerdings: «Die Antworten sollen auf die strukturellen Bias der Kunsthäuser hinweisen und als Ansatzpunkt für ihre transparente antirassistische Arbeit dienen. Sie bringen deshalb im nichtöffentlichen Dia­log strukturell nichts», fügt Deborah Joyce Holman dazu an.
Die nächsten Schritte liegen jetzt bei den Institutionen. Angesprochen sind vor allem jene, die Schwarzen Kunschaffenden kaum je Präsenz verleihen – anders als beispielsweise das Kunstmuseum Bern, das die Ausstellung ‹Triumphant Scale› des gebürtigen Ghanaers El Anatsui soeben bis in den November verlängert hat. Hinter den Kulissen hat der offene Brief zusammen mit der gestiegenen Aufmerksamkeit für die ‹Black Lives Matter›-Bewegung durchaus Prozesse verstärkt und in Bewegung gesetzt, wie sich auf schriftliche Nachfrage bei einzelnen Institutionen zeigt.

Heike Munder, Migros Museum für Gegenwartskunst
Das Migros Museum für Gegenwartskunst erklärt, es habe den Brief ausführlich im Team diskutiert, um die eigene Involviertheit in bewusst oder unbewusst reproduzierte rassistische Strukturen zu befragen. Es plant, die Antwort zu veröffentlichen, versteht dies aber nur als einen wichtigen ersten Schritt gegen jegliche Form von Diskriminierung. Direktorin Heike Munder gibt zu bedenken: «Grundsätzlich werden die Spielregeln, nach denen Künstler*innen Zugang zum Kunstfeld und zur Kunstgeschichte gewährt wird, nach wie vor durch zahlreiche, komplexe (gesellschaftliche) Mechanismen beeinflusst. Es gilt zu fragen, wer sich innerhalb des Kunstfeldes bewegt und überhaupt die Möglichkeiten hat, dessen elitäre Spielregeln zu meistern. Was bedeutet in diesem Zusammenhang Inklusion und wie lässt sich diese tatsächlich durchsetzen?» Ohne dezidiert die grundlegenden Strukturen und Dynamiken innerhalb des Kunstfeldes zu überprüfen, könne keine zufriedenstellende Lösung gefunden werden. Zwar beobachtet sie in den letzten Jahren eine zögerliche Öffnung der Diskurse und eine Reevaluierung der Kunstgeschichte dank Bemühungen von Persönlichkeiten wie Okwui Enwezor. Doch auf vielen Ebenen bestehe noch sehr viel Handlungsbedarf. Entsprechende Veränderungen seien nur möglich durch kritisches Überprüfen der Zielsetzungen der Institutionen, der programmatischen Ausrichtung sowie durch die Formulierung inklusiver Sammlungspolitiken und das Öffnen von Teamstrukturen. Während einzelne Personen oder Institutionen Denkanstösse geben könnten, müssten diese von vielen aufgegriffen und getragen werden. «Nur mittels eines breiten Austauschs und Kollaborationen lässt sich das System verändern.»

Josef Helfenstein, Kunstmuseum Basel
Josef Helfenstein, Direktor des Kunstmuseums Basel, betont, dass Rassismus und (fehlende) Diversität öffentliche Museen nicht erst seit dem offenen Brief beschäftigen müssten. Der Brief habe aber dazu angeregt, die interne Diskussion zu fokussieren und das Thema in einer grösseren Runde zu besprechen. «Institutionell besteht auch in Basel eindeutig Nachholbedarf, und es sind weitere Bemühungen notwendig, die Diversität zu fördern und beispielsweise die Sammlung sowie das Programm kritisch zu überprüfen. Wir verstehen dies als eine langfristige Aufgabe, die durch die ‹Black Lives Matter›-Bewegung eine dringliche Aktualität erlangt hat, damit jedoch nicht aufhört», schreibt Helfenstein. «Wir wollen das Thema auch weiterhin im Blick behalten und uns damit offen auseinandersetzen.» Eine öffentliche Beantwortung der Fragen aus dem Leitfaden erachtet er jedoch als nicht zielführend. Stattdessen liessen sich das Programm und das Handeln des Museums sowie dieses Statement gegenüber dem Kunstbulletin als öffentliche Antwort lesen. Darin verweist er auch auf zahlreiche interne und öffentliche Veranstaltungen zu Fragen von Rassismus und Diversität – die monografischen Präsentationen von Theaster Gates, Sam Gilliam oder nächstes Jahr von Kara Walker sowie Ankäufe von Werkgruppen dieser und weiterer Schwarzer Künstler*innen.

Andrea Bellini, Centre d’Art Contemporain, Genève
Mehrere der Künstler*innen, die den offenen Brief signiert haben, präsentierten in der Vergangenheit ihre Arbeiten im Centre d’Art Contemporain in Genf. «Was ich aber schon immer vermeiden wollte, ist, Namen aufzulisten, um unsere antirassistische Kultur zu demonstrieren. Das halte ich für eine vulgäre Instrumentalisierung von Künstlerinnen und Künstlern», schreibt der Direktor Andrea Bellini. «Statt mit Worten beantworten wir die im Brief angesprochenen Probleme lieber mit Fakten.» Diese Fakten schaffe das Kunstzentrum seit Jahren mit überzeugenden Positionen von zahlreichen Schwarzen Kunstschaffenden im Programm. Um wenigstens zwei Beispiele zu nennen: Nkisi, die an der ‹Biennale de l’Image en Mouvement›, 2018, teilgenommen hatte, nutzte die hauseigene Digitalplattform ‹5e étage› des Centre jüngst für ihre Spendenkampagne für ‹Black Lives Matter›. Und die Videoarbeit ‹BLKNWS›, 2018, von Khalil Joseph, die das Centre d’Art Contemporain in Auftrag gegeben und produziert hat, wurde auch auf der Biennale Venedig gezeigt und ist laut Bellini aus vielen Gründen bereits legendär geworden. «Im Übrigen teilen wir zutiefst den Geist der Unterzeichnenden des Briefes. Wir halten es für wesentlich, dass öffentliche und private Institutionen, Schweizerinnen und Nichtschweizer, die Kunst sowie andere kulturelle Bereiche sich Fragen des Rassismus bewusster werden», teilt Bellini weiter mit. «Wir sind davon überzeugt, dass auch wir immer noch mehr tun können, denn der Kampf um Gleichberechtigung hat gerade erst begonnen, und wir fühlen uns mit denjenigen verbündet, die sich an diesem Kampf beteiligen.» Wie sieht es auf institutioneller Ebene aus? Momentan ist keine Schwarze Person Teil des siebenköpfigen festangestellten Teams. Die Institution hat aber oft mit Schwarzen Kurator*innen und Künstler*innen zusammengearbeitet. «Wenn wir Personal suchen, werden wir auf diesen Aspekt achten und entsprechende Bewerbungen ermutigen.»

Sarah Degen, Senior Media Relations Manager, Art Basel
In der Bildlegende zum schwarzen Quadrat am ‹Blackout Tuesday› kündigte die Art Basel auf Instagram an: «Die Art Basel prüft aktiv, wie wir neue Möglichkeiten innerhalb der Organisation und über die Messen hinweg schaffen können, angefangen bei der Frage, wer eingestellt wird, bis zu den Lieferanten, mit denen wir kooperieren. Darüber hinaus werden wir überlegen, wie wir neue Möglichkeiten für Organisationen zur Förderung von Künstler*innen of Color im Rahmen unserer Ausstellungen schaffen können.» Hierzu würden aktuell intern und extern umfangreiche Diskussionen geführt und dabei die Expertise Schwarzer und anderer Akteure der Kunstwelt hinzugezogen, erläutert die Institution auf Nachfrage Ende Juli. «Die grösste Dringlichkeit besteht darin, von Anfang an Möglichkeiten für People of Color, die eine künstlerische Laufbahn einschlagen wollen, zu schaffen.» Weiter schreibt sie, die Art Basel habe sich stets bemüht, Kunstschaffende unterschiedlicher Ethnizitäten, Geschlechter und Hintergründe einzubeziehen. Dazu gehört die Auswahl von Galerien, die Künstlerinnen und Künstler der afrikanischen Diaspora vertreten. Den Brief hat die Art Basel per Mail an die Kunstschaffenden beantwortet. Sie begrüsse die im Brief aufgeworfenen Fragen als Teil einer grösseren Diskussion auf internationaler Ebene.

(1) Anmerkung zur Schreibweise: «Schwarz» wird meist grossgeschrieben, um zu verdeutlichen, dass es sich um eine Selbstbezeichnung und konstruierte soziale Identität handelt. Es geht nicht um eine Eigenschaft, die auf eine vermeintliche Hautfarbe und damit einhergehende biologische Kategorie zurückzuführen ist. «Weiss» ist mit einer historisch bedingten privilegierten Position verbunden und wird, da es sich bei der Bezeichnung nicht um einen Akt der Selbstermächtigung handelt, kleingeschrieben.

Irène Unholz studiert Kunstgeschichte, Kommunikationswissenschaft und Medienforschung in Fribourg. Der Artikel ist eine erweiterte Version eines auf artlog.net erschienenen Beitrags. irene.unholz@gmail.com

www.blackartistsinswitzerland.noblogs.org

Autor/innen
Irène Unholz

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