Liebe zur Amateurfotografie — Fotosammlung Ruth und Peter Herzog

Postkartenverkäufer in Paris, Agence Meurisse, 1911, Silbergelatineabzug, 18 x 13 cm, Courtesy Sammlung Ruth und Peter Herzog, Jacques Herzog und Pierre de Meuron Kabinett, Basel

Postkartenverkäufer in Paris, Agence Meurisse, 1911, Silbergelatineabzug, 18 x 13 cm, Courtesy Sammlung Ruth und Peter Herzog, Jacques Herzog und Pierre de Meuron Kabinett, Basel

Besprechung

Das Kunstmuseum Basel gibt, parallel zum Historischen Museum und zum Antikenmuseum, Einblick in eine Privatsammlung, die mit ihrem Fokus auf Amateurfotografie einzigartig ist. Die Schau regt an, sich mit Fragen des Unikats, des ­Massenmediums, der Aneignung oder mit soziopolitischen Themen zu befassen.

Liebe zur Amateurfotografie — Fotosammlung Ruth und Peter Herzog

Basel — «La Gioconde a été volée le matin 11 août 1911» steht handschriftlich auf der Rückseite des Pressebildes. Vorderseitig ist ein Postkartenverkäufer zu sehen, der das Ereignis des Mona-Lisa-Raubs profitabel nutzt. Das Bild wird in der Ausstellung im Kunstmuseum Basel in nächster Nähe zu einer Fotografie gezeigt, die dokumentiert, wie Werke aus dem Louvre, der National Gallery sowie den Vatikanischen Museen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Adolphe Brauns Unternehmen in Dornach massenhaft reproduziert wurden. ‹Reproduktion› ist eines von vier Kapiteln im zweiten Teil der Ausstellung, wo historische Fotografie anregungsreich auf Holbeins Bildnis des Erasmus von Rotterdam, auf Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts aus der eigenen Sammlung und der Emanuel Hoffmann-Stiftung trifft.
Die Besonderheit liegt nicht im Prinzip, sondern im enormen Bestand von rund 500’000 anonymen Alltags- und Gebrauchsfotos, aus denen die beiden Kuratoren ­eine Auswahl getroffen haben. Zusammengetragen von Ruth und Peter Herzog ab 1974, während rund vier Jahrzehnten, ist das Konvolut seit 2015 Teil des Jacques Herzog und Pierre de Meuron Kabinetts, Basel. Mit dem Ankauf hat für die Fotosammlung, das Kunstmuseum und für Basel in Bezug auf die Präsentation und Digialisierung von historischer Fotografie eine neue Zeitrechnung begonnen. Das zeigt sich in den ersten fünf Räumen der Schau. Diese führen aus einer für die lichtempfindlichen Objekte – Daguerreotypien, Ambrotypien, Silbergelatineprints – idealen Dunkelheit in die Helligkeit einer interaktiven Installation, bei der Besucher*innen über algorithmische Steuerung mittels Bilderkennung Zugriff auf die digitalen Bestände haben. Die parallel gelaunchte ‹Enzyklopädie› markiert den Abschluss der Aufarbeitung.
Die Ausstellung setzt auf das Schauen, ergänzt um die Stimme der Sammler. Informationen zu Kontext und Zweck des reichen, soziopolitisch dichten Materials werden nicht systematisch bereitgestellt. Doch die Beiträge in der Begleitpublikation zeigen exemplarisch, wie hoch und relevant der Anspruch einer kritischen Kontextualisierung ist, die bei einem Objekt, einem Album oder Konvolut ansetzt. Es ist viel Arbeit, Grundlagen dafür zu schaffen, um über Methoden des Bildjournalismus, koloniale Blickregime, Forschungskommunikation und den konzeptionellen Umgang mit Bildern zu sprechen. Die Ausstellung leistet einen Beitrag dazu.

Bis 
04.10.2020

→ Kunstmuseum Basel, bis 4.10. ↗ www.kunstmuseumbasel.ch www.fotosammlung.com
→ Historisches Museum Basel, bis 4.10. ↗ www.hmb.ch
→ Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig, 13.9.–13.12. ↗ www.antikenmuseumbasel.ch

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
The Incredible world of photography 18.07.202004.10.2020 Ausstellung Basel
Schweiz
CH
Autor/innen
Stefanie Manthey

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