Misha Andris — Wo Wirbel wachsen

Misha Andris · Good Old Now, 2020, Ausstellungsansicht John Schmid Projects, Basel

Misha Andris · Good Old Now, 2020, Ausstellungsansicht John Schmid Projects, Basel

Misha Andris · Garten der toten Teile, 2020, Porzellan, glasierter Ton, Erde und Pflanzen, Ausstellungsansicht John Schmid Projects, Basel

Misha Andris · Garten der toten Teile, 2020, Porzellan, glasierter Ton, Erde und Pflanzen, Ausstellungsansicht John Schmid Projects, Basel

Besprechung

Misha Andris reflektiert Entwicklungsprozesse und fokussiert auf das Lebendige im Dinghaften. Letzteres untersucht sie im Kontext persönlicher und gesellschaftlicher Zustände und überführt es auf eine experimentelle Ebene. Wie durch eine gebrochene Membran hindurch eröffnet sich so eine neue Welt.

Misha Andris — Wo Wirbel wachsen

Basel — Es ist die zweite Ausstellung des Kunstraums John Schmid Projects. Junge Kunstschaffende werden unterstützt und sind eingeladen, ihre Position einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Misha Andris (*1989) studierte in Basel an der Hochschule für Gestaltung und Kunst (MA 2017) und arbeitete zuletzt längere Zeit in Berlin. Die Texanerin erweckt mit ihren Arbeiten das Wilde in unserem Blick und differenziert dabei zwischen eigenen und fremden identitären Anteilen. Ihre sinnlichen Zeichnungen, Objekte und Installationen verbinden malerische Elemente, deren dynamische Gesten sich durch den Raum bewegen, mit skulpturalem, plastischem Ausdruck.
Zentral ist das sogenannte Balg: ein Stoffumhang, bestickt mit einem Fell aus unzähligen Tonnägeln. Werden sie bewegt, klirren sie zärtlich und evozieren dabei ein schaurig-wohliges Kribbeln. Man meint, einen unsichtbaren Körper unter einer Hülle atmen zu sehen, und erahnt einen Menschen oder ein unbekanntes Tier. Etwas entfernt wachsen weitere der handgeformten Schuppenhaare wie kleine Stacheln aus der Erde einer kleinen Pflanzinsel. Darin wohnen handgrosse undefinierbare Geschöpfe, wie Überbleibsel aus einer früheren Zeit. Organisch geformt sind auch die diversen Massagegeräte, die auf Plexiglasablagen präsentiert sind. Ihre erotischen Formen sprechen sofort den eigenen Körper an und man könnte meinen, die eigenen Wirbel extrahiert und eingefärbt vor sich liegen zu sehen. Während verschiedener Workshops wird die Künstlerin mit Besuchern ganz konkret mit diesen Reizen spielen und die Objekte zur Verwendung freigeben. Andernorts spuckt die Wand scheinbar Funken aus, eine Hand greift nach ihnen, sie entgleiten ihr und zerspringen in der Luft. Vielleicht finden sie ihren Weg ins Universum – ebenjenes, das an einer anderen Wand aus einem Schwarm von spermienähnlichen Gebilden formiert wird.
In weissen Rahmen schweben feine Bleistiftzeichnungen und kolorierte Tuschebilder. Sie erzählen von fantastischen Welten: Ein schwarzer Fluss mäandert durch ein dunkles Dorf und wird schliesslich von einem goldenen Weg wie von einem Gefäss (auf-)gehalten. Blaue Tigertränen tropfen in den Körper einer ebenso blauen Frau. Gleichzeitig erscheinen die hier visualisierten Geschichten stets ungeheuer nah am eigenen Erleben der individuellen und zugleich kollektiv zu betrachtenden Wirklichkeit. Misha Andris’ Arbeit ist performativ und vibriert nicht nur auf der Netzhaut nach, sondern auch auf einem inneren imaginierten Herzfell. 

Bis 
26.09.2020
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Good Old Now 18.06.202012.09.2020 Ausstellung Basel
Schweiz
CH
Künstler/innen
Misha Andris
Autor/innen
Valeska Marina Stach

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