MuDA — Die digitale Kunst verliert einen lebendigen Ausstellungsort

Andreas Gysin und Sidi Vanetti · Zürich HB Flap, 2016, 1380 x 280 x 25 cm. Foto: Zürich Tourismus

Andreas Gysin und Sidi Vanetti · Zürich HB Flap, 2016, 1380 x 280 x 25 cm. Foto: Zürich Tourismus

Raven Kwok · Portal 1.0, 2014–2020. Foto: Digital Arts Association

Raven Kwok · Portal 1.0, 2014–2020. Foto: Digital Arts Association

Zach Lieberman · Vortrag im MuDA. Foto: Digital Arts Association

Zach Lieberman · Vortrag im MuDA. Foto: Digital Arts Association

Pe Lang · positioning systems VI - falling objects, 2013, 400 Wassertropfen, angeordnet auf einer ­hydrophoben Oberfläche, 370 x 410 mm. Foto: Digital Arts Association

Pe Lang · positioning systems VI - falling objects, 2013, 400 Wassertropfen, angeordnet auf einer ­hydrophoben Oberfläche, 370 x 410 mm. Foto: Digital Arts Association

Caroline Hirt und Christian Etter, Co-Direktoren und Gründer des MuDA. Foto: Digital Arts Association

Caroline Hirt und Christian Etter, Co-Direktoren und Gründer des MuDA. Foto: Digital Arts Association

Fokus

Ein Aufschrei ging durch die Kunstszene, als das Museum of ­Digital Art (MuDA) in Zürich im Juli 2020 den Betrieb einstellte. Mit einem eigenständigen Profil und viel Experimentierlust hat es frischen Wind in die Schweizer Museumslandschaft gebracht und internationale Anerkennung genossen. Das Ende erfolgt ab­rupt zum erfolgreichsten Zeitpunkt. 

MuDA — Die digitale Kunst verliert einen lebendigen Ausstellungsort

Digitale Kunst fristet innerhalb des zeitgenössischen Kunstgeschehens immer noch ein Nischendasein. Das MuDA hat den Zugang zu Werken ermöglicht, die in den Ausstellungen und Sammlungen etablierter Kunstmuseen kaum vertreten sind. Kunst, die von Soft- und Hardware abhängig, veränderbar, interaktiv und installativ ist, stellt eigene Anforderungen an die Kuratierenden, eine Herausforderung, welche die Co-Direktoren und Gründer des MuDA, Caroline Hirt und Christian Etter, mit erfrischendem Erfindergeist angenommen hatten. Ihren Anspruch, die Auswahl der Künstlerinnen und Künstler möglichst objektiv vorzunehmen beispielsweise, gingen sie so unkonventionell wie bestechend an für ein Museum, das sich dem Digitalen verschrieben hat: Ein eigens programmierter Algorithmus, Hal 101, nimmt die künstlerischen Positionen der ersten vier Ausstellungen zum Ausgangspunkt und sucht im Internet nach ähnlichen Kunstschaffenden. Wer von diesem Crawlbot am häufigsten gefunden wurde, bekam eine Einladung für die nächste Soloschau.  
Im Lauf der Jahre erhielten renommierte internationale Positionen wie Qubibi (*1977, Tokyo) (→ Kunstbulletin 11/2017), Pe Lang (*1974, Sursee) oder die Pionierin Vera Molnar (*1924, Budapest) (→ Kunstbulletin 1-2, 2020) eine Carte blanche für die 400 Quadratmeter Ausstellungsfläche an der Pfingstweidstrasse. Die einzige Bedingung war, dass das Physische mit dem Digitalen zusammenkommen soll. Für zusätzliche Reichweite sorgten parallel dazu realisierte Apps. Dabei galt: «Sowohl mit der Ausstellung im physischen Raum als auch mit der App für den Bildschirm sollte jeweils das Beste für die Präsentation von digitaler Kunst umgesetzt werden. Deshalb weisen beide Formate unterschiedliche Inhalte auf.»

Von der elektromechanischen zur digitalen Anzeige
Schon die Geburt des MuDA war ungewöhnlich: In einer fulminanten Crowdfunding-Aktion kam ein beachtlicher Betrag von 111’111 US-Dollar zusammen. Eine solch hohe Summe ist alles andere als selbstverständlich und bedeutet, dass nicht nur die ideelle Unterstützung, sondern auch die finanzielle Bereitschaft vorhanden war, das MuDA Realität werden zu lassen. Spektakulär war auch die Übernahme der elektromechanischen Fallblattanzeige aus dem Hauptbahnhof Zürich, nachdem die SBB diese durch die heutige digitale Anzeige ersetzt hatten. Die monumentale Tafel, die von 1988 bis 2015 die Abfahrtszeiten der Züge anzeigte, hat das Duo Andreas Gysin (*1975, Zürich) und Sidi Vanetti (*1975, Locarno) zur MuDA-Eröffnung im Februar 2016 künstlerisch umgedeutet und neu programmiert. (→ Kunstbulletin 3/2016)
Beim MuDA ging es, so Christian Etter, immer um die gesellschaftlichen Aspekte, die mit digitaler Kunst verbunden sind, und die Verzahnung der Ausstellungen mit Bildung: «Das Digitale ist heutzutage ein essentieller Teil der Gesellschaft, Technologie verbindet und Problemlösungskompetenz ist gefragt. Angelehnt an Kunstausstellungen und im Setting eines Museums erfolgt solche Bildung in einem ungezwungenen Rahmen und baut Hemmschwellen ab.»

Gefragte Workshops
Das Workshop-Angebot für Kinder war gefragt, weshalb in Zusammenarbeit mit Spezialisten bald auch Kurse für Berufstätige und Pensionierte angeboten wurden. Die Workshops nahmen Berührungsängste, und der Umgang mit der Technik war immer eine Möglichkeit, um mittels Programmierung etwas Neues zu schaffen oder etwas Bestehendes umzuwandeln. So wurden beispielsweise defekte, sprechende Kinderpuppen umprogrammiert, sodass sie plötzlich etwas anderes sagen. Ziel war: «Das Digitale nicht nur passiv zu konsumieren, sondern zu erkennen, dass aktiv eingegriffen und etwas verändert werden kann. Es geht darum, die Soft- mit der Hardware zu verbinden.»
Nach Verkündigung des Lockdowns am 16. März 2020 stach das MuDA einmal mehr aus der ­Museumslandschaft hervor: Mit den ‹Corona Creative Classes› stand blitzschnell ein Programm mit Online-Kursen auf Englisch, Deutsch und Französisch für verschiedene Altersgruppen bereit, bei denen von zuhause aus mitgemacht werden konnte. Über 400 Kinder kamen so niederschwellig mit algorithmischer Kunst, Programmierung und Engineering in Berührung – eine erstaunliche Nachfrage, die zudem gegen Ende immer internationaler wurde. Da lange ungewiss war, ob der chinesische Künstler ­Raven Kwok (*1989, Schanghai) einfliegen konnte, was mit der Verschiebung der Vernissage um zwei Wochen glückte, war das Coronavirus für das MuDA schon im Februar ein Thema. Der Lockdown überraschte sie daher wohl weniger als andere. Da sie mit guten Programmierern in Kontakt standen, konnte schnell reagiert werden, um einfach umsetzbare, skalierbare Angebote zu realisieren.

Mit wenig Mitteln Beeindruckendes erreicht
Klein, wendig und effizient agierte das MuDA mit schlankem Budget, kommunizierte professionell und erreichte viel. Mit einem Jahresetat von CHF 260’000 ein sechs Tage die Woche geöffnetes Museum für digitale Kunst zu führen, ist beachtlich. Das MuDA arbeitete oft mit Universitäten, ETH und Schulen zusammen und konnte mit diesen ein niederschwelliges Bildungsprogramm im Bereich der Technologie anbieten. Eine Grundfinanzierung von Seiten der städtischen, kantonalen und nationalen Förderung im Kunstbereich oder von den vielen in Zürich ansässigen Tech-Firmen wäre wünschenswert gewesen, dahingehende Bemühungen waren jedoch bis zum Schluss vergeblich. Stattdessen kam die Unterstützung zu Beginn unter anderem von ­Microsoft US sowie von niederländischen Firmen. Christian Etter fasst zusammen: «Was uns so enttäuscht hat, ist, dass der Mut, Neues zu wagen, kaum Anerkennung fand. Dass trotz des inhaltlichen Erfolgs keine Unterstützung in Form von Subventionen durch Kulturförderung gekommen ist, konnte auch sonst niemand verstehen. Das war etwas ernüchternd.»
Bei einem Budget, das zu 60 Prozent aus Besuchereinnahmen generiert wurde, waren die fehlenden Einnahmen während des Corona-Lockdowns selbst bei einem kleinen Team der Todesstoss. Die Personal- und hohen Mietkosten liefen weiter, wann der Publikumsstrom zurückkehren würde, blieb ungewiss. Hinzu kommt, dass nächstes Jahr Ersatz für die aktuellen Räumlichkeiten hätte gefunden werden müssen. All das bedeutete das Aus. Schade, denn in den fünf vielversprechenden Jahren stiegen die Besucherzahlen stetig und das MuDA wurde im internationalen Kontext ein überraschend grosser Name. Dies belegen zahlreiche Bedauernsbekundungen über die Schliessung auf Twitter durch wichtige Akteure im Bereich der digitalen Kunst einschliesslich Raven Kwok, der als letzter Künstler im MuDA ausgestellt hat.
Ob und wie es weitergeht, ist zurzeit völlig offen. Der Betrieb wurde eingestellt und alles aufgelöst. Damit stehen auch keine Räumlichkeiten mehr für die Bildungsangebote zur Verfügung, die das Leitungsteam ohnehin nicht unabhängig vom Museum weiterführen will. Eine physische Sammlung gibt es keine, die Anzeigetafel vom Hauptbahnhof Zürich wird wohl eingelagert. Der Zugang zur Website, zur virtuellen Sammlung und zu den Social Media Accounts bleibt vorläufig bestehen – stöbern lohnt sich. Die Doppelführung – analog und online  – war eine gute Entscheidung, da sich beide Kanäle mit ihren Stärken und Schwächen hervorragend ergänzten. ­Christian Etter bilanziert: «Die Eigenständigkeit hat uns gefallen. Wir konnten machen, was wir tun wollten. Das hatte seinen Preis, hat sich aber gelohnt. Wenn man dann schliessen muss, jedoch zu 100 Prozent hinter dem Erreichten stehen kann, ist es in Ordnung.»
Jetzt macht das Leitungsteam zuerst einmal eine lange Pause und schaut dann weiter, oder startet etwas ganz anderes. Auf den Festplatten stünden noch gute Inhalte für Apps bereit, die sie gerne an die Öffentlichkeit bringen würden. Reizen würde sie ausserdem der öffentliche Raum, wo sie ein technologie- und kunstaffines Publikum erreichen möchten. Eine Option ist auch, in einem Land weiterzumachen, das ein günstigeres Umfeld für eine finanziell solide Basis bietet.

MuDA wird in Zürich fehlen
Was auch immer kommen mag, dem Kunstangebot in Zürich, einer Stadt mit einer ausgeprägten Vielfalt in der Tech-Branche, an Hochschulen und Ausstellungshäusern, wird eine Institution mit dem Profil des MuDA fehlen. Interessierte werden nun einen weiteren Weg zu Ausstellungsorten wie zum HeK in Basel, zum ArtLab an der EPFL in Lausanne oder gar zum ZKM Karlsruhe oder zur Ars Electronica in Linz (→ KB S. 110) in Kauf nehmen müssen. Mit diesen Institutionen – von denen es mehr bräuchte, nicht weniger – war das MuDA in einem informellen Zusammenschluss europäischer Kulturzentren gut vernetzt. Obwohl für digitale Kunst Ausstellungsformate im Internet funktionieren, erlangt auch diese Kunst oft an physischen Orten Präsenz und lebt von den dort initiierten Begegnungen. Die Ungezwungenheit und Leichtigkeit, mit der sich das MuDA sowohl im physischen als auch im virtuellen Raum bewegt und beides in gleichberechtigter Koexistenz bedient hat, täte heutzutage manch anderem ­Museum gut.

Sonja Gasser, Kunsthistorikerin und Doktorandin in den ‹Digital Humanities›, Universität Bern, lebt in Zürich. sonjagasser@hotmail.com
Alle Zitate: Christian Etter, 10.7.2020, MuDA, Zürich

→ ‹The Last Dance›, MuDA, Zürich, seit der Finissage am 19.7.2020 permanent geschlossen 
www.muda.co/zurich
↗ Ausstellungsarchiv und virtuelle Sammlung: www.muda.co/exhibitions
↗ MuDA Apps: www. apps.apple.com/us/developer/muda/id1261318068
↗ Corona Creative Classes: www.muda.co/ccc
www.facebook.com/mudazurich 
www.twitter.com/oiioiioioiiioio 
www.instagram.com/oiioiioioiiioio
→ Ebenfalls zum Thema Digital Art: Digital Art Festival Zurich, 28.10.–1.11. ↗ www.da-z.net

Autor/innen
Sonja Gasser
Künstler/innen
Raven Kwok
Pe Lang
Vera Molnar

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