Pedro Reyes — Die Macht der Machtlosen

Disarm Music Box (Glock/Mozart), Disarm Music Box (Beretta/Vivaldi), Disarm Music Box (Karabiner/Matter), 2020, Installationsansicht Museum Tinguely (von links). Foto: Daniel Spehr

Disarm Music Box (Glock/Mozart), Disarm Music Box (Beretta/Vivaldi), Disarm Music Box (Karabiner/Matter), 2020, Installationsansicht Museum Tinguely (von links). Foto: Daniel Spehr

Disarm (Mechanized) II, 2014, Installationsansicht Museum Tinguely, Courtesy Lisson Gallery. Foto: Daniel Spehr

Disarm (Mechanized) II, 2014, Installationsansicht Museum Tinguely, Courtesy Lisson Gallery. Foto: Daniel Spehr

Disarm (Mechanized) II, 2014, Installationsansicht Museum Tinguely Basel, Courtesy Lisson Gallery. Foto: Daniel Spehr

Disarm (Mechanized) II, 2014, Installationsansicht Museum Tinguely Basel, Courtesy Lisson Gallery. Foto: Daniel Spehr

Palas por Pistolas [Guns into Shovels], 2007

Palas por Pistolas [Guns into Shovels], 2007

Palas por Pistolas [Guns into Shovels], 2007

Palas por Pistolas [Guns into Shovels], 2007

Pedro Reyes

Pedro Reyes

Fokus

Töne erzeugen für den Frieden ist die transitorische Antwort auf eine durch die Waffenindustrie zerrüttete Gesellschaft, weltweit und im Heimatland des Künstlers. Wie können systemimma­nente Probleme, deren eigene Strategie die Gewalt ist, pazifistisch aufgelöst werden? Pedro Reyes bietet Inspirationen – für eine Transformation im Inneren. Er eröffnet dafür einen komplexen künstlerischen Diskurs, der sich sowohl analytisch mit thematischen Ursachen und Potenzialen auseinandersetzt wie auch durch starke sinnliche Erfahrungen einen Weg zu realem Erleben und Erkenntnisgewinn bahnt. 

Pedro Reyes — Die Macht der Machtlosen

Pedro Reyes bezeichnet sich als Pazifisten. Er ist ein Künstler, der Wandel in der Welt gestalten will. Sein Werk ist klar, kritisch, konsequent und es konzentriert sich auf politische, sozioökonomische Fragestellungen. Im Zentrum steht dabei vor allem die globale Waffenproduktion – damit verbunden Gewalt, Zerstörung und Krieg – aber auch daraus resultierende philosophische und psychologische Ansätze zu Moral, Kontrolle und Macht in einem komplexen Weltgefüge. Die so entstehenden künstlerischen Arbeiten zeugen von einer verspielten Lebendigkeit. Reyes transformiert das «Böse» in etwas Gutes. Wie macht er das?

Architektur führt ins Soziale und zur Kunst
Pedro Reyes ist in Mexico City aufgewachsen. Seine Eltern waren Ingenieure, sein Grossvater lehrte ihn mathematische Formeln, die in ihm resonierten. Die Geometrie, die er so sehr liebt, zieht sich auch durch seine künstlerische Arbeit. Bis heute lebt er in Mexikos Hauptstadt, zusammen mit seiner Frau, der bekannten Desi­gnerin Carla Fernández, und ihren beiden Kindern in einem von ihm entworfenen Haus aus Beton. Reyes ist nämlich gelernter Architekt.
Nach dem Studium, zu Beginn seines Schaffens hat er vor allem Objekte konzipiert, die eine Mischung aus Raum und Möbelstück sind, stets mit einer Optimierungsfunktion für soziale Veränderungen.­ Zwei Sessel beispielsweise erzählten von Abhängigkeiten innerhalb der Gesellschaft, indem sie so miteinander verbunden sind, dass nur immer zwei Personen gleichzeitig darauf Platz nehmen können. Eine Wippe untersuchte hierarchische Machtstrukturen und zeigte die Kraft des Individuums im Kollektiven auf: Eine kleine Gruppe von Menschen wiegt sich gegen einen einzelnen Sitz und umgekehrt. Dabei hat jede Seite die Kraft, nach oben oder nach unten zu schwingen. Reyes hat die Arbeit ‹liberate› genannt. So wurden Menschen durch interaktive und partizipative Installationen miteinander in Beziehung gesetzt und eingeladen, durch Begegnung neue Perspektiven zu entwickeln.

Aus Angst wird Vertrauen
2007 schliesslich baute Reyes die soziale und künstlerische Plastik ‹Palas por Pistolas›, den Palast der Pistolen. Auf Einladung der im Westen Mexikos gelegenen Stadt Culiacán entwickelte der Künstler ein Projekt, das die Menschen vor Ort mit einbezog. Culiacán ist bekannt für seine hohe Zahl an durch Schusswaffen getöteten Opfern. Jeden Tag kommen etwa 2000 Waffen von den USA nach Mexiko und werden dort verkauft. Reyes’ Anliegen war es, dem Drogenkrieg etwas entgegenzusetzen. Er rief im Radio und Fernsehen dazu auf, Schusswaffen abzugeben und sie gegen Gutscheine für Lebensmittel und Haushaltsgeräte einzutauschen. Aus den 1527 gesammelten Exemplaren entwickelte er eine konträre Geste: Die Waffen wurden eingeschmolzen, um aus der metallenen Masse exakt dieselbe Anzahl an Schaufeln zu giessen. Mit diesen Schaufeln wiederum pflanzte der Künstler zusammen mit Schulklassen und Kurator/innen Bäume. Der Vertreter des Todes hatte sich in einen Vertreter des Lebens verwandelt, wie Reyes sagt. Das Pflanzprojekt wird bis heute mit ­lokalen sowie internationalen Kulturinstitutionen weitergeführt. Vielleicht stellte sich Reyes im Kontext dieser Arbeit erstmals die Frage, ob «Instrumente des Todes» auch zu ganz realen Instrumenten des Lebens transformiert werden könnten. Wie würde eine solche künstlerische und ideelle Übersetzung aussehen?
2012 hatte der Künstler auf der documenta 13 mit seiner Arbeit ‹Sanatorium› im Aue-Park in Kassel in einem Erste-Hilfe-Pavillon alternative Therapie­methoden für Zivilisationskrankheiten wie Stress, Angst und Depression angeboten. Kurz darauf entwickelte er seine erste musikalische Skulptur: Aus 6700 im mexikanischen Drogenkrieg konfiszierten Waffen, durch eine Walze entfunktionalisiert, wurde ein friedvolles Orchester. Reyes definiert: «Waffen verkörpern die Herrschaft der Angst, Musik hingegen die Herrschaft des Vertrauens.» Zuallererst in dieser Werkgruppe waren die Instrumente so konzipiert, dass sie live von Musiker/innenn gespielt werden konnten (‹Disarm›). Schliesslich, in einer weiteren Fassung, ertönte das Orchester mechanisch automatisiert (‹Disarm (Mechanized) I, 2012–2013/II 2014›).
Letztere Fassung von 2014 zeigt aktuell das Museum Tinguely in Basel. Die autonom spielende Klanginstallation war auch Ausgangspunkt für die vom Künstler eigens für die Ausstellung geschaffene und titelgebende Arbeit ‹Return to Sender›: ebenfalls in Analogie zur Tötungsmaschinerie – in Form von überdimensionalen musikalischen Spieldosen. Es ist die fünfte Ausstellung in Reihe, die das Museum realisiert, um in einen Dialog mit Jean Tinguelys ‹Mengele-Totentanz› von 1986 zu treten, der zur Sammlung des Hauses gehört. Die aktuelle Gegenüberstellung schafft einen ganz besonderen Reiz und nicht nur sichtbar visuelle, sondern auch hörbar akustische Überschneidungen.

Waffen verwandeln sich in Instrumente des Lebens
Zu Beginn stehen wir direkt vor dem entwaffneten Orchester. Die figurenartigen Instrumente bewegen sich und tönen teils gleichzeitig, teils sequenziell. Sie sind mit dicken Kabelschläuchen, die zu Verstärkern leiten, verbunden. Die raumfüllende Installation gibt lautstark Geräusche von sich. Manchmal so plötzlich, dass die Besuchenden zurückschrecken. Doch sie lassen Vertrauen wachsen. Durch die zeitliche Ausdehnung und die durch Beobachtung sich entwickelnde Sensibilisierung der Wahrnehmungsorgane ist eine kompositorische Abfolge zu erkennen. Zehn Stunden dauert das Musik­stück insgesamt, also einen ganzen Ausstellungstag lang, mit sich repetierenden Melodiemustern der einzelnen Instrumente. Die Stimmung ist gespenstisch und zugleich, lässt man sich auf das Spiel ein, friedvoll. Die «Spieler» setzen sich aus dekonstruierten Einzelteilen filigran zusammen. Zu erkennen sind Magazine, Lade­hebel und Gewehrläufe. Letztere bilden die einzelnen Klangstäbe eines Xylophons. Sie liegen roh und verbraucht, wie sie sind, auf einer schwarzen Noppenschaum-Unter­lage. Durch sie alle wurde bereits geschossen. Auch mit dem Gewehr, das nun eine Flöte ist. Die Vorstellung ruft ein Schaudern hervor – und vielleicht ist es auch der Automatismus des Sounds, der an das blinde und mechanische Abfeuern beispielsweise eines Schnellfeuergewehrs erinnert. Die Musik hingegen vermag es, dieses Bild zu entrücken und in hoffnungsvolle Visionen für die Zukunft zu transferieren.
Links im Raum stehen drei Sockel mit darauf thronenden, edel goldglänzenden Objekten: Musik-Spielboxen – die bereits erwähnte Auftragsarbeit ‹Return to Sender›. Auch sie sind das Ergebnis einer Umfunktionierung von Waffen, genauer gesagt eines Upcycling-Prozesses. Die eingebauten Gewehr- und Pistolenläufe wurden in jeweils einem bestimmten Land hergestellt. Denn das Problem des Waffenhandels ist ein globales. Vertreten sind in den drei angefertigten Exemplaren folgende Länder, die gewöhnlich nicht mit Gewalt assoziiert werden, aber der Sitz von weltweit agierenden und daraus Profit schlagenden Rüstungsfirmen sind: die Schweiz (Karabiner), Italien (Beretta) und Deutschland (Glock). Wird die etwa 65 kg schwere Box gespielt, dreht sich eine Walze mit der Partitur in Form von Noppen. Durch sie ertönen Musikstücke, die mit den jewiligen Nationen assoziiert werden, von Mani Matter – dem Schweizer Liedermacher –, von Vivaldi und von Mozart. Der Sender, der hier läuft, spielt sich selbst. Das Erklingen der Klangstäbe bringt diese, im übertragenen und metaphysischen Sinne, durch die Musik wieder dorthin zurück, woher sie kommen.
Der Kurator der Ausstellung ist der Direktor des Museums: Roland Wetzel. Durch einen zeitlich und inhaltlich intensiven Prozess – die logistische Beschaffung von Waffen für die Musik-Spielboxen miteingeschlossen – und in enger Zusammen­arbeit mit dem Künstler – den er als «präzise und dezidiert» beschreibt und dessen Arbeit er schon lange verfolgt und schätzt – entwickelte er die eindrucksvoll inszenierte Präsentation von Reyes’ Werken. In der Begleitbroschüre zur Ausstellung, gehalten im Merkblätterstil der Schweizerischen Armee, ist zusätzlich ein anregendes Interview des Künstlers im Austausch mit dem Kurator zu finden. Darin werden unter anderem mit Waffengewalt konnotierte Konzepte von Männlichkeit, Emanzipation, Dominanz, Gerechtigkeit und «legitimierter» Machtausübung besprochen. Im November soll dann vor dem Museum ein Loch gegraben werden – mit der Schaufel, die in der ­Ausstellung direkt neben der Klanginstallation an der Wand hängt: für einen Kastanienbaum. Der Künstler wird für diese Aktion persönlich anreisen und in einem öffentlichen Gespräch zu erleben sein.

Vom Dunklen zum Leuchtenden
Reyes’ Skulpturen haben immer eine Bedeutung, einen Sinn, eine Aufgabe. Ihnen wohnt stets etwas Performatives und Bewegtes inne. Sie wachsen in die entstehende Zukunft hinein und lassen den Moment, in dem man sich für einen Augenblick im Stillstand wähnt, lebendig werden. Dabei erreichen sie eine spirituell anmutende Dimension, als seien sie einer alchemistischen Handlung entsprungen. Diese beschreibt Reyes als eine Umwandlung vom «Dunklen zum Leuchtenden» – der «Materie, welche die dunkle Seite der menschlichen Natur repräsentiert».
Vor allem auch in der Begegnung mit dem ‹Mengele-Totentanz› ist eine direkte Totalitarismuskritik zu erkennen. Beiden Arbeiten gemeinsam ist eine gewisse Sakralität sowie die Unmittelbarkeit ihrer Akustik. Die Ausstellung kann, wie Wetzel erwähnt, als eine Art Zusammenfassung und zugleich Erweiterung von Reyes’ bisherigem Schaffen gesehen werden. Der Künstler jedenfalls kämpft weiter für ­eine Stigmatisierung von Waffen und den Stopp ihrer Produktion (derzeit global etwa 8 Mil­lionen pro Jahr). Dabei zeigt er mit seinem Verständnis für komplexe Zusammenhänge ein prozesshaftes und zugleich klar erfassbares Werk.

Valeska Marina Stach aus Berlin lebt und arbeitet als Freie Autorin, Lyrikerin und bildende Künstlerin in Basel. valeskamarinastach@gmail.com

Bis 
15.11.2020

Pedro Reyes (*1972, Mexico City), lebt in Mexico City
Anfang 1990er-Jahre Studium der Architektur an der Ibero-American University, Mexico City
1996–2002 Leiter des experimentellen Projektraums ‹Torre de los Vientos›, Mexico City
2016 Gastdozent am MIT im ‹Art, Culture and Technology›-Program in Cambridge, Massachusetts

Einzelausstellungen (Auswahl ab 2009):
2020 ‹Return to Sender›, Museum Tinguely, Basel
2016 ‹For Future Reference›, Dallas Contemporary, Dallas
2015 ‹Disarm (Mechanized)›, Turner Contemporary, Margate; ‹pUN›, Hammer Museum, Los Angeles
2014 ‹The Permanent Revolution›, Museo Jumex, Mexico City; ‹Sanatorium›, Institute of Contemporary Art, Miami; ‹Sanatorium›, The Power Plant, Toronto
2013 ‹Disarm›, Lisson Gallery, London; ‹The People’s United Nations (pUN)›, Queens Museum, NY
2011 ‹Baby Marx›, Walker Art Center, Minneapolis; ‹Sanatorium›, Solomon R. Guggenheim Museum, NY
2010 ‹UGP: Urban Genome Project› United Cities and Local Governments (UCLG), Mexico City
2009 ‹Palas por Pistolas›, Jardín Botánico de Culiacán, Mexiko

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2019 ‹Big Orchestra›, Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main
2016 ‹Prière de toucher – Der Tastsinn der Kunst›, Tinguely Museum, Basel
2012 ‹Sanatorium›, documenta 13, Kassel

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Danse Macabre IV: Pedro Reyes. Return to Sender 24.06.202015.11.2020 Ausstellung Basel
Schweiz
CH
Künstler/innen
Pedro Reyes
Autor/innen
Valeska Marina Stach

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