Selim Abdullah — Mediterran

Selim Abdullah · Capitombolo, 2018, Öl auf Leinwand, 90 x 110 cm

Selim Abdullah · Capitombolo, 2018, Öl auf Leinwand, 90 x 110 cm

Selim Abdullah · Caduta, 2018, Öl auf Leinwand, 50 x 60 cm

Selim Abdullah · Caduta, 2018, Öl auf Leinwand, 50 x 60 cm

Besprechung

Auf dem Humus antiker Mythen befasst sich Selim Abdullah in erschütternden Bildern und Objekten mit den sich täglich ereignenden Dramen im Mittelmeer. Nach der Integration von vierzig Werken in die Sammlung der Heinrich Gebert Stiftung Appenzell wird nun ein repräsentativer Einblick in sein Schaffen gezeigt.

Selim Abdullah — Mediterran

Appenzell — Das Meer strahlt tiefblau und verlockend in den grossformatigen Gemälden ‹Cielo e acqua›, 2019, und ‹Mar d’oggi›, 2017. Beim näheren Hinsehen erkennt man ein Gewimmel von filigranen Figuren, die von wogenden Wassermassen herumgeschleudert werden, bald in einer Meeresweite in einem vollbepackten kleinen Boot eingepfercht, bald an einem Ufer gestrandet sind. Es sind Momente des Ins-Nichts-geworfen-Seins, wie sie sich in Bildern mit fallenden und stürzenden Menschen finden, in ‹Caduta›, ‹Capitomboli› und ‹Taucher›, alle 2018. Selbst Neptun kann nicht glauben, was er im Mittelmeer beobachtet: ‹Nettuno guarda incredula›, 2015.
Der in Bagdad geborene Maler und Bildhauer Selim Abdullah (*1950, lebt seit 1981 im Tessin) zeigt unter dem Titel ‹mediterran› Werke von erschreckender Aktualität in einer zeitlosen Bildsprache. Sie speist sich aus antiken, mesopotamischen Bild- und Schrifttraditionen sowie Versatzstücken aus der europäischen Kunstgeschichte, vornehmlich der ästhetischen Tradition des Mittelmeerraums. Eindringlich widmet sich Selim der Darstellung der «condition humaine» und visualisiert die Erfahrung von Schmerz, Verlorenheit, Einsamkeit und Verzweiflung. In der Komposition tauchen schattenhaft fragmentierte Gestalten aus scheinbar grenzenloser Leere auf. Sie bewegen sich wie vibrierende Zeichen über die Leinwand und treten in Dialog mit Körpern, Wassermassen und Licht. Verschiedene Terracottafiguren und Reliefs wie ‹Cerchia›, 2009, erzählen vom Warten, ‹Onde brune›, 2018, von der Misere auf überfüllten Booten. Da bleibt nur völlige Ergebenheit ins Schicksal, was Selim mit in Licht getauchten Körpern visualisiert, in ‹Vento›, 2018, oder ‹Ombre vaganti›, 2017.
Ursprünglich von der toskanischen, der Renaissance verpflichteten Bronzeskulptur herkommend, wandte sich Selim Abdullah ab 2000 der Malerei und der Terracotta zu. Seither thematisiert er den Mittelmeerraum mit den endlosen Erzählungen einer modernen Odyssee. Die menschenverachtende Haltung bestimmter europäischer Länder gegenüber Flüchtlingen in Not liesse sich mit der Figur des ‹Narciso›, 2018, deuten, der in den Wasseroberflächen nur sich selbst spiegelt und sich jeglicher Solidarität mit anderen verweigert. Selims ergreifendes Werk spricht hingegen von einer tiefen Empathie für menschliches Leiden und von der Trauer um den mediterranen Kulturraum, der eigennützigen Intentionen geopfert wird. 

Bis 
04.10.2020
Künstler/innen
Selim Abdullah
Autor/innen
Dominique von Burg

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