Wenn du geredet hättest — Die Frau als Projektionsfläche

Wenn du geredet hättest, 2020, Ausstellungsansicht mit Werken von Athene Galiciadis und Hermann Haller, Atelier Hermann Haller, Zürich. Foto: Zsigmond Toth

Wenn du geredet hättest, 2020, Ausstellungsansicht mit Werken von Athene Galiciadis und Hermann Haller, Atelier Hermann Haller, Zürich. Foto: Zsigmond Toth

Besprechung

Die Ausstellung ‹Wenn du geredet hättest› zeigt fünf zeitgenössische Künstlerinnen im Dialog mit dem Werk von Hermann ­Haller. Der in den Fünfzigerjahren verstorbene Bildhauer beschäftigte sich mit ästhetisierten und idealiserten Darstellungen der Frau – dringend nötig, dass diese hinterfragt werden.

Wenn du geredet hättest — Die Frau als Projektionsfläche

Zürich — Da steht sie, diese grosse Skulptur, und lässt zu, dass unser Blick an ihr hochwandert: entlang ihrer makellosen Beine, ihrer kaschierten Geschlechtsorgane, ihrer prallen Brüste, ihrer harten Nippel. Solche Darstellungen findet man oft bei Hermann Haller. Der Schweizer Bildhauer arbeitete mit Bronze, Ton und gefärbtem Gips. Hunderte seiner Skulpturen stehen in seinem ehemaligen Atelier an der ­Höschgasse. Frauen in grossen und kleinen Formaten, in Posen, die ihren «perfekt» geformten Körper zur Schau stellen: die in die Luft ragenden Arme ihre straffen Brüste, die in die Hüfte gestemmten Hände ihre schmale Taille. Die Skulpturen veranschaulichen sein umfangreiches Schaffen, gleichzeitig aber auch, dass sein Bild der Frau die Projektion einer patriarchal geprägten Gesellschaft und eines männlichen Künstlers war.
Wie sind diese Darstellungen aus heutiger Sicht zu betrachten? Dieser Frage widmet sich die Schau ‹Wenn du geredet hättest› und schafft einen Dialog mit zeitgenössischen Positionen. Loredana Sperini (*1970, Wattwil) etwa platzierte auf einem Regal, das Hermann Haller einst für seine Werkzeuge nutzte, Fragmente von Körperteilen, die sowohl von ihr als auch von Haller stammen: Finger, Lippen, zwei gespreizte Oberschenkel. Ein Kommentar auf die Objektifizierung des weiblichen Körpers, der Stück für Stück zerlegt und in eine idealisierte Form gebracht wird. Dabei wird der Körper der Frau hervorgehoben, aber nicht ihre Körperlichkeit oder Sexualität. Dies thematisiert Pipilotti Rist (*1962, Grabs) im Video ‹Mutaflor› von 1996: Sie sitzt auf dem Boden, filmt ihre Mundhöhle und ihren After. Bereits in früheren Arbeiten brachte sie tabubehaftete Themen wie Menstruation, Geburt oder das Älterwerden zur Sprache. Auf Letzteres bezieht sich auch Athene ­Galiciadis (*1978, Altstätten) in ‹The deconstruction of myself›, einem Werkkomplex aus Skulpturen und Malereien, die sie für die Ausstellung anfertigte. Ihre birnenförmigen Objekte aus gefärbtem Gips – dasselbe Material, das auch Hermann Haller oft verwendete – rufen Assoziationen an den weiblichen Körper hervor, der aber, anders als bei Haller, keinen Ansprüchen gerecht werden muss, nicht perfekt geformt ist, sondern Unebenheiten aufweist.
Dieser Dialog verdeutlicht: Darstellungen wie die von Hermann Haller sind flach und eindimensional und müssen hinterfragt werden. Denn tun wir dies nicht, perpetuieren sie jene männlich geprägten Idealvorstellungen, die unsere Wahrnehmung über Jahrhunderte hinweg geprägt haben und noch immer prägen. 

Bis 
18.10.2020

→ ‹Wenn du geredet hättest›, Atelier Hermann Haller, bis 18.10.  ↗ www.stadt-zuerich.ch/atelierhermannhaller

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