Jean Otth — Platon-TV oder: Revisionen des Sehens

Jean Otth · Limite E (aus der Serie ‹Limites›), 1973, Video, s/w, Ton, 10’14’’, Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne. Videostill: Atelier für Videokonservierung, Bern

Jean Otth · Limite E (aus der Serie ‹Limites›), 1973, Video, s/w, Ton, 10’14’’, Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne. Videostill: Atelier für Videokonservierung, Bern

Jean Otth · Oblitération II (aus der Serie ‹Vidéo-miroir›), 1975, Video, s/w, Ton, 7’19’’, Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne. Videostill: Atelier für Videokonservierung, Bern

Jean Otth · Oblitération II (aus der Serie ‹Vidéo-miroir›), 1975, Video, s/w, Ton, 7’19’’, Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne. Videostill: Atelier für Videokonservierung, Bern

Besprechung

Um 1970 wird Sonys ‹Portapak›, das erste portable Videosystem, auch in Europa lanciert. Angeregt durch ein Seminar zur Ästhetik der Massenmedien, beginnt es Jean Otth sofort bildkritisch zu nutzen. Im Rückblick auf sein Lebenswerk erweist sich dies als Kernelement einer intermedialen Befragung des Sehens.

Jean Otth — Platon-TV oder: Revisionen des Sehens

Lausanne — Auf den bekanntesten Werktypus von Jean Otth (1940–2013) trifft man gleich zu Beginn. Rund dreissig Videos und videografische Arbeiten, die meisten kurz und schwarzweiss, hat Kuratorin Nicole Schweizer herausgegriffen und auf Blockmonitore verteilt. Gefolgt ist sie dabei den Methoden und Problemkreisen des Künstlers: Befragungen der Bildrealität (limites), gezielte Blicklenkung durch Abdeckung oder Freilegung (oblitérations), Medienkritik (perturbations) oder auch zwischen scharf und unscharf oszillierende Abtastungen von Körpern, die mit technischen Defiziten wie Latenzen oder mit indirekt über einen Spiegel gefilmten Dispositiven operieren (vidéos-lasers, vidéos-miroir). Das Medium Video, so Otth, habe es erstmals erlaubt, die Realität zeitgleich und im gleichen Raum mit ihrem eigenen Abbild, ihrem Double, zu konfrontieren. Begeistert nutzt er die Kreisschaltung, den Court Circuit, oder verwendet Kamera und Screen als Interface für die Überlagerung ähnlich tautologischer Bildschichten. Sein Ziel: ein erkenntnistheoretisch motivierter Blick auf Subjekt, Produzent und Rezipient, der selbst bei handfesten visuellen Reizen und jenseits der Dualität von Abstrakt und Figürlich greift.
Begleitet werden die Videos von Frühwerken auf Spiegelglas, Leinwand und ­Papier sowie von Teilen der Fotoreihe ‹Return sur l’alpe›, 1990. Erstere evozieren, obwohl abstrakt, Kuppen von Landschaften und Körpern. Letztere demontieren die mediale (Schein-)Realität mittels eingefügter Fremdkörper. Längst sind die klassischen Inhalte – Landschaft, Akt und vereinzelt Porträts – nicht mehr um ihrer selbst willen dargestellt. Sie fungieren als Humus, als ausreichend bekannte Bildkategorien für das Nachdenken über das Sehen und die Relativität aller Repräsentation. Dabei ist die Wahl des Mediums sekundär, wie der zweite Saal unter anderem anhand von weiteren Obliterationen, diesmal auf Zeitungsseiten, beweist. Prägend ist dagegen die kunst- und medienhistorische Einbettung, die von Platons Schatten über Dürers Scheibe bis zu Marshall McLuhan reicht. Sie steht für Otths ästhetische Leitbilder, hat aber auch den praktischen Vorteil, heikle Inhalte wie die aus heutiger Sicht etwas allzu unbefangenen Frauenakte akademisch zu legitimieren. Umgekehrt werfen gerade die Akte sehr direkt die Frage auf, wie man mediale Inhalte konsumiert: Nimmt man sie hin, dem Blick passiv ausgesetzt, oder verbleibt ein Aktionsraum? Und wie wirken Schaulust und Nichtsehen zusammen? Otths Œuvre – bis hin zu den späten ‹Pudeurs› – liefert darauf immer wieder neue, konsistente Antworten. 

Bis 
12.09.2021
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Jean Otth — Les espaces de projections 18.06.202112.09.2021 Ausstellung Lausanne
Schweiz
CH
Autor/innen
Astrid Näff
Künstler/innen
Jean Otth

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