L. Krebs, J. Russ, R. Steiger — Das Gleichgewicht der Malerei

Rebekka Steiger · loin d’équilibre, 2019, Gouache, Öl, Tempera, Ölkreide und Bleistift auf Leinwand, 170 x 240 cm

Rebekka Steiger · loin d’équilibre, 2019, Gouache, Öl, Tempera, Ölkreide und Bleistift auf Leinwand, 170 x 240 cm

Jessica Russ · Piscine, 2020, Acryl auf Leinwand, 80 x 90 cm

Jessica Russ · Piscine, 2020, Acryl auf Leinwand, 80 x 90 cm

Besprechung

Malerei ist mehr als Resultat orchestrierter Pinselstriche auf der Leinwand: Die Galerie Bromer zeigt mit Lea Krebs, Jessica Russ und Rebekka Steiger drei Künstlerinnen, in deren Werken die Malerei Experiment, Nachahmung einer anderen Gattung oder Ergebnis gestischer Intuition sein kann.

L. Krebs, J. Russ, R. Steiger — Das Gleichgewicht der Malerei

Zürich — Auf einer rosa Farbfläche treffen weisse Ovale auf Gelb und Dunkelgrün. Woran liegt es, dass mich diese Komposition auf Büttenpapier an ein üppiges Frühstück mit Spiegelei, Schinken und Spinat erinnert? Vermutlich an meinem gegenwärtigen Sättigungszustand. Intendiert hat Lea Krebs (*1984) diese Lesart nämlich kaum: Ihre bunten, ungegenständlichen Arbeiten gehen von keinem konkreten Motiv aus, sondern von künstlerischer Experimentierlust mit der Materialität von Farbe. Daraus entwickelte Krebs sogar ein eigenes Verfahren: Auf einer Plastikfolie trägt die Malerin Farbe auf, die sie dann mit einem Bildträger – Leinwand oder Papier – abdeckt. Sobald der Acryllack trocken ist, zieht Krebs den Bildträger wieder ab. Die so entstehende Farbschicht ist dick wie ein Impasto, weist aber keinerlei Pinselspuren auf.
Einem anderen Dispositiv verpflichtet sind die Werke der Westschweizerin ­Jessica Russ (*1988): Nicht das Spontane und Skizzenhafte des Experiments überwiegen hier, sondern Akribie in der Umsetzung teils digital entwickelter Bildkonzepte auf Leinwand. So auch in ‹Piscine›, 2020, wo sich scharf begrenzte, monochrome Formen collageartig überlagen. Die spezifische Arbeitsweise verleiht den Leinwänden den Charakter von Druckgrafiken. Fast schon wie eine Signatur nehmen sich die wiederkehrenden Linien aus, die eine vom Bild unabhängige Eigenständigkeit entwickeln.
Während Russ die manuelle Entstehung ihrer Bilder durch hochpräzise Pinselführung negiert, leben die Leinwände Rebekka Steigers (*1993) von den Spuren ­ihres Entstehungsprozesses. In den grossformatigen Bildern der in Luzern und Peking arbeitenden Künstlerin diffundieren Farben und Formen, Malmittel und Techniken. Malerei gehorcht hier keinen Regeln, sondern künstlerischer Intuition: Im gekonnten Spiel mit der Eigengesetzlichkeit der Materie und gezielten Eingriffen arbeitet Steiger in ständigem Wechsel mit Ölfarbe, mit Gouache, Tempera, Tusche oder Pastell. So auch in ‹loin d’équilibre›, 2019: Die grellorangen Zeichnungen in Pastell vor einer zarten Lasur evozieren etwas Undarstellbares, Gedankenfetzen einer Erinnerung.
In der Gegenüberstellung fällt auf, wie unterschiedlich die gezeigten künstlerischen Positionen sind. Dennoch liegt das verbindende Moment in der Aussage, dass Malerei, je weiter sie von einer mimetischen Naturnachahmung entfernt ist, desto mehr nach einem kontinuierlichen, beharrlichen  Ausloten von Form, Farbe, Textur und Fläche verlangt. 

Bis 
04.09.2021

Werbung