Lisa Biedlingmaier — Fliessend statt starr

mem – on being light and liquid, Ausstellungsansicht Kunsthalle Winterthur, 2021

mem – on being light and liquid, Ausstellungsansicht Kunsthalle Winterthur, 2021

Foto: Anne Morgenstern

Foto: Anne Morgenstern

Fokus

Glaubenssätze werden zu Handlungen, verfestigen sich zu Mustern, die schwer zu brechen sind. Mit ortsspezifischen Installationen wirft Lisa Biedlingmaier in der Kunsthalle Winterthur ein Schlaglicht auf jene Dinge, die bewusst oder unbewusst unsere Wahrnehmung prägen. Ihre Objekte ragen in die Räume hinein, ziehen sich bis zur Oberlichtdecke hoch, während Licht- und Soundinstallationen den hinteren Raum in eine meditative ­Atmosphäre hüllen, die uns in die eigene Gedankenwelt ein­tauchen lässt. 

Lisa Biedlingmaier — Fliessend statt starr

Denk- und Verhaltensmuster sind eng ineinander verflochten und wirken sich unweigerlich auf das gesellschaftliche Zusammenleben aus. Dabei ist auch das Individuelle mit dem Kollektiven verknüpft: Denn individuelle Muster können vervielfacht zu kollektiven werden, während sich gesellschaftliche Normen wiederum in einzelne Körper einschreiben. «Doch wie lässt sich diese Wechselwirkung beschreiben?», fragt Lisa Biedlingmaier und nimmt diese Frage sogleich als Ausgangspunkt ihrer aktuellen Ausstellung.

Sprache finden
Im ersten Raum der Kunsthalle Winterthur hängt eine Struktur aus geknoteten ­Seilen in Rot, Schwarz und Weiss von der Decke und umschlingt eine Ballettstange, die darunter auf dem Boden platziert ist. Das Makramee – eine Knüpftechnik, mit der die Künstlerin seit 2017 arbeitet – fungiert als Sinnbild einer inneren Gedankenwelt: Erlebnisse und damit einhergehende Gefühle verweben sich in unseren Köpfen, werden zu Glaubenssätzen, die unser Körper mit Worten und Gesten nach aussen trägt. ­«Unsere Denk- und Verhaltensmuster definieren uns», sagt Lisa Biedlingmaier. «Gleichzeitig sind sie jener Filter, durch den wir die Welt betrachten.» Dieser Filter materialisiert sich in der Kunsthalle vor unseren Augen: Was sehen wir, wenn wir durch die mal engeren, mal loseren Knoten der textilen Installation blicken? Biedlingmaier versucht abstrakte Vorgänge, etwa zwischenmenschliche Beziehungen oder innere Gefühlszustände, in eine visuelle Sprache zu übersetzen. «Diese Vorgänge sind schwer greifbar und doch essenziell, denn sie prägen unsere Lebensrealität.»
Hier wird ein komplexes System von Abhängigkeiten sichtbar: Obwohl uns die ­eigenen Gedanken womöglich einschränken, unsere Perspektiven den eigenen Horizont erschliessen und zugleich begrenzen, halten wir stets an ihnen fest, denn siegeben uns Sicherheit. Eine Überlegung, die sich auch auf gesellschaftliche Strukturen anwenden lässt. Doch in diesem Raum nimmt Lisa Biedlingmaier uns jeglichen Halt. Die Ballettstange ist nicht etwa an der Wand befestigt, um unsere Körper zu stützen. Und die zwei grossformatigen, fernab platzierten Spiegel helfen uns nicht, die eigene Haltung zu überprüfen. Sie wurden hoch über unseren Köpfen an der Wand angebracht und entziehen sich so als Mittel der Selbstkontrolle. Nicht unser eigenes Antlitz, sondern nur verzerrte Reflexionen der Oberlichtdecke sehen wir in den leicht gebauchten, verspiegelten Folien.
So werden wir, nachdem uns jegliche Orientierungspunkte fehlen, auf uns selbst und die eigene Vorstellungskraft zurückgeworfen. «Es geht mir darum, die eigenen Gedanken zu erkunden, danach zu fragen, wie sich festgefahrene Überzeugungen ­lösen lassen.» Die  Auseinandersetzung ist wichtig, wirkt sich das Psychische doch auf das Körperliche aus – und umgekehrt. Dieser Wechselwirkung zwischen Bewusstsein und dem Unterbewussten widmet sich Biedlingmaier nicht nur in ihrem künstlerischen Schaffen. Seit einigen Jahren befasst sie sich mit der spirituellen Praxis Método Amaranta, die auf Energiepunkte und -blockaden fokussiert. Dabei können Letztere durch mantraähnliche Silben oder Worte, sogenannte Codes, gezielt angegangen werden. So steht etwa der Code «mem» für «Flow» und war titelgebend für die Ausstellung in der Kunsthalle. «Unsere Gedanken haben eine unheimliche Macht. Um diese zu verstehen, müssen wir darin eintauchen.»

Tiefe Gewässer
Weg von der bewussten Wahrnehmung führt uns Biedlingmaier im zweiten Teil der Ausstellung in den Bereich des Unbewussten. Blaue Lichtkegel wandern durch den hinteren, abgedunkelten Raum und beleuchten verschiedene Objekte aus gelasertem Plexiglas. Sie drehen sich um die eigene Achse, mal langsamer, mal schneller, während ihre Schatten und Reflexionen wie Geister auf Wänden und Boden auftauchen. Einige dieser Objekte stellen Anleitungen für Makramees dar, andere wiederum bilden Werke verschiedener Künstlerinnen und Künstler nach, die Biedlingmaier inspiriert haben. Darunter etwa ein Objekt aus der Serie ‹Hologramáticas› der portugiesischen Künstlerin Mumtazz.
Ausgehend von formalen Aspekten und Assoziationen, die das Objekt weckt, gestaltete Lisa Biedlingmaier ein eigenes Werk und verweist damit auf das «Innere Kind», ein Konzept der Psychoanalyse, das Handlungsmuster auf Ängste oder Traumata aus der Kindheit zurückführt. Mit den im Dunkeln aufleuchtenden Erscheinungen lässt die Künstlerin deutlich werden, wie fragmentarisch unser Unterbewusstsein ist. «Die Objekte stehen für das Schattendasein von Gedanken und Ideen. Viele dieser Ideen waren schon mal da, tauchen ab, gehen vergessen, gelangen wieder an die Oberfläche und vermengen sich mit Neuem.»
Eine zusammen mit dem Kollektiv M.Paradoxa entworfene Soundinstallation unterstreicht diese Vielstimmigkeit. Sie basiert auf verschiedenen Geschichten, die jeweils von einer Person begonnen wurden, um dann von einer anderen weitergesponnen zu werden. Die jeweilige Autorin konnte sich auf die erhaltene Erzählung einlassen oder sie gezielt aufbrechen. Die Geschichten werden in der Ausstellung über Kopfhörer vermittelt und von einer zweiten Soundinstallation ergänzt. Diese Komposition von Moritz Finkbeiner läuft auf sechs Kanälen und nimmt so den gesamten Raum ein. Sie wirkt mal bedrohlich, mal verträumt – und wenn wir genau hinhorchen, hören wir plätscherndes Wasser und die flüsternde Stimme von Lisa Biedlingmaier, welche die sogenannten Earth Codes aufsagt. Auch diese sind Teil des Método Amaranta und referieren auf verschiedene Kraftorte, denen eine heilende Wirkung nachgesagt wird.

Vielstimmigkeit
Biedlingmaiers Ausstellung liefert keine endgültigen Antworten auf die Fragen nach der Beziehung zwischen Individuum und Kollektiv, dem Bewussten und dem Unbewussten. Vielmehr stellt sie eine Annäherung dar, ein assoziatives Vereinen verschiedener Bezüge, das vielstimmige Perspektiven ermöglicht. Entsprechend finden sich auch Referenzen aus der Soziologie oder der feministischen Theorie. Ein Anhaltspunkt bietet die kanadische Kulturwissenschaftlerin Astrida Neimanis. Ihr Buch ‹Bodies of Water› von 2017 ist ein Aufruf, das anthropozentrische Weltbild zu hinterfragen. Denn auch wenn der Mensch grösstenteils aus Wasser besteht, versteht er sich nicht als Teil der Natur, sondern als ihr überlegen. Neimanis plädiert etwa in Anbetracht der steigenden Weltbevölkerung oder der Privatisierung von Grundwasser dafür, unsere Beziehung zwischen der menschlichen und der nichtmenschlichen Welt neu zu verhandeln.
In der Kunsthalle hinterfragt Lisa Biedlingmaier auch an anderer Stelle unser dualistisches Denken. So wird etwa ihre Installation aus geknoteten Strängen zunächst vorschnell als stereotype «weibliche» Handarbeit interpretiert, doch nur um im nächsten Moment beim Blick auf die starken Seile als «männlich» gelesen zu werden. Und die Ballettstangen wecken nicht nur Erinnerungen an grazile Tänzerinnen, sondern ebenso an den Mast eines Segelschiffs, wo die Seile zu festen Tauen werden. Auf diese Weise legt die Installation offen, wie obsolet Kategorisierungen meist sind. «Müssen unsere Denkmuster starr sein, oder könnten sie auch leichter, wandelbarer sein?» Lisa Biedlingmaier zielt mit ihren Überlegungen auf eine zentrale Frage ab: die Frage nach gesellschaftlicher Verantwortung auf individueller Ebene und danach, wie wir unser Zusammenleben gleichberechtigt gestalten.

Giulia Bernardi ist freischaffende Kulturpublizistin und lebt in Zürich. giulia.bernardi@outlook.com

→ ‹Lisa Biedlingmaier: mem – on being light and liquid›, Kunsthalle Winterthur, bis 5.9. ↗ www.kunsthallewinterthur.ch
→ ‹Lisa Biedlingmaier – Anti-MEs›, Spazio Lampo, 18.9.–14.11. ↗ www.spaziolampo.tumblr.com

Bis 
05.09.2021

Lisa Biedlingmaier (*1975, Tscheljabinsk), aufgewachsen in Georgien, lebt in Zürich und Stuttgart
2003 Staatsexamen, Kunstakademie Stuttgart
2005 Diplom in Fotografie, ZHdK Zürich
2019 Master Fine Arts, ZHdK Zürich
Tätig als individuelle Künstlerin sowie als Teil der Kollektive M.Paradoxa und BadLab.

Ausstellungen (Auswahl)
2021 ‹Stitches – Scènes, corps, décors›, Le Commun, Genf; ‹Have Sanity›, Last Tango, Zürich
2020 ‹Performance for Swiss Yaks and Instagram›, Swiss Art Awards, Lac des Autannes; ‹Werkschau des Kantons Zürich›, Haus Konstruktiv, Zürich; ‹Werkstipendien der Stadt Zürich›, Helmhaus Zürich; ‹Wenn du geredet hättest›, Atelier Hermann Haller, Zürich
2019 ‹Liaison›, Centre Européen d’Actions Artistiques Contemporaines, Strassburg; ‹Wurm(sound) schaften›, Shedhalle Zürich
2018 ‹Ektoplastik›, AKKU, Stuttgart
2016 ‹Aura Undercover›, Kunstraum Niederösterreich, Wien
2014 ‹Houston we have a problem›, Artisterium 7, Georgian National Museum, Tbilisi, Georgien
2013 ‹ReCoCo – Life under representational Regimes›, Museum of Bat Yam, Tel Aviv, Israel

Institutionen Land Ort
Spazio Lampo Schweiz Chiasso
Kunsthalle Winterthur Schweiz Winterthur
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Lisa Biedlingmaier 11.07.202105.09.2021 Ausstellung Winterthur
Schweiz
CH
Autor/innen
Giulia Bernardi
Künstler/innen
Lisa Biedlingmaier

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