NFT und Kunst — Ein digitaler Hype oder konzeptuell interessante Gegenwartskunst?

Urs Fischer · Chaos #4 Hash, 2021, Unikat, 1250 x 1250 px, Video, Screenshot

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Damien Hirst · I’m ready for this, 2016, Screenshot © ProLitteris

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Fokus

Alle sprechen von NFT – Non-Fungible Tokens, die auf Blockchain-Technologie basieren. Mit Urs Fischer und Damien Hirst führen zwei etablierte Gegenwartskünstler Ansätze eines Umgangs von Kunst mit NFT und damit verbundenen gesellschaftlichen und technologischen Bedingungen vor. 

NFT und Kunst — Ein digitaler Hype oder konzeptuell interessante Gegenwartskunst?

Die Blockchain-Technologie zur Authentifizierung digitaler Objekte wird als zukunfts­weisend für die Kunst angepriesen. Zum Einsatz kommen Non-Fungible Tokens (NFT), kryptografisch verschlüsselte Zeichenketten, die einzigartigen digitalen Objekten oder Objekten in der realen Welt zugeordnet sind und dadurch zum Echtheitsnachweis werden. Mit dieser Technologie können Inhaberrechte repräsentiert werden, was den Handel, Besitz und Wertsteigerungen von frei im Internet zugänglicher digitaler Kunst ermöglicht. NFT gelten als fälschungssicher und transparent, da alle Transaktionen öffentlich sind. Spätestens seit der spektakulären Versteigerung von ‹Everydays: The First 5000 Days›, 2021, von Beeple (Mike Winkelmann, *1981) für rund USD 69 Millionen bei Christie’s Mitte März 2021 sind NFT im Kunstmarkt angekommen. Bei allen Verheissungen und trotz exzessiven Preisen bleibt fraglich, wie interessant das auf den NFT-Plattformen Angebotene aus inhaltlicher Sicht ist. Doch die künstlerische Aneignung von NFT findet statt. Neben explizit in der digitalen Kunst tätigen Künstlerinnen und Künstlern dringen auch bedeutende Vertreter einer bisher dem Analogen verpflichteten Gegenwartskunst in diesen Bereich vor.
Einer ist Urs Fischer (*1973), der in seiner Arbeit ‹Chaos›, 2021, sukzessive eine Serie von 500 NFT veröffentlicht. Jedes NFT besteht aus einer Kombination von zwei animierten, unabhängig voneinander rotierenden 3D-gescannten Alltagsgegenständen – beispielsweise ein Broccoliröschen und ein Putzschwamm – die sich gegenseitig durchschneiden und sich auf diese Weise zu einer skurrilen Skulptur formieren. Die Kette der Besitzverhältnisse einer solchen Animation und die bezahlten Beträge sind bis zurück zum Künstler nachvollziehbar. Ein NFT mit der Nummer 501 befindet sich im Aufbau und wird am Schluss sämtliche 1000 Einzelobjekte enthalten, die voneinander losgelöst eine Art Objekt-Universum bilden. Dieses letzte NFT erinnert an Beeples bei Christie’s versteigertes Werk, das ebenso aus einer Collage von 5000 zuvor seit 2007 täglich auf Tumblr veröffentlichten digitalen Bildern besteht.
Ebenfalls seriell und auf Unikate ausgelegt ist die erste von Damien Hirst (*1965)präsentierte NFT-Arbeit ‹The Currency›, 2021. Am 14. Juli 2021 wurden im Zeitfenster von einer Woche 10’000 analog existierende Kunstwerke für je USD 2000 als NFT angeboten. Die physischen Originale sind bereits 2016 produziert worden und zeigen bunte Punkte aus Lackfarbe auf Büttenpapier. Die visuell beinahe identischen, aber doch handbemalten Blätter tragen mittels «machine learning» algorithmisch erzeugte Titel. Angesichts der vielen Echtheitsnachweise wie Wasserzeichen, Präge­stempel, Marke mit Hologramm, Mikropunkt und handschriftlicher Titel und Signatur kommt einem das NFT, bestehend aus einem Digitalisat der Vorder- und Rückseite, nur wie ein zusätzliches Feature vor. Der Reiz der Arbeit besteht jedoch darin, dass sich die Käuferinnen und Käufer bis zum 27. Juli 2022 entscheiden müssen, ob sie das NFT behalten oder dieses gegen das Original eintauschen möchten. Je nachdem wird dann entweder das NFT gelöscht oder das Werk auf Papier zerstört.
Mit der Anzahl von 10’000 Werken besteht ein Bezug zu ‹The CryptoPunks› von Larva Labs (Matt Hall und John Watkinson), die 2017 mit der Veröffentlichung von ebenso vielen individuellen, algorithmisch erzeugten Pixel-Köpfen mit wechselnden Hautfarben, Frisuren und Accessoires die CryptoArt angestossen haben. Dank den in der Ethereum Blockchain hinterlegten Eigentumsverhältnissen kann auf der Website nachgesehen werden, zu welchen Preisen die aus 24 x 24 Pixeln bestehenden Crypto­Punks inzwischen gehandelt werden. Die CryptoPunks lassen sich überdies nach verschiedenen Kategorien filtern.

Datenanalyse und Eingriff in den Code
Auch bei ‹The Currency› kann die unüberschaubare Menge an Werken nach statistischen Angaben wie Punktedichte, Überlappungen, Farbverteilungen sowie nach Anzahl Wörtern und Buchstaben in den Titeln gefiltert und so eine Beziehung zwischen den Werken hergestellt werden. Die verwendeten Werte sind automatisiert aus den digitalen Bildern und den Bildtiteln extrahiert worden. Wer selbst Weiterexperimentieren möchte, darf die digitalen Bilder aller 10’000 Werke frei herunterladen, ebenso eine CSV-Tabelle mit den elektronisch generierten Bildtiteln von Nr. 1 ‹Totally gonna sell you› bis Nr. 10’000 ‹And yes, I know›. Hier tritt das Prinzip Offenheit von Daten im Digitalen in Erscheinung, das auch in Urs Fischers Werk zu finden ist: Wer ein NFT erwirbt, erhält Zugriff auf die Rohdaten und eine Anleitung, um das Kunstwerk zu rendern, also den Code in eine im digitalen Raum dreidimensional wahrnehmbare Grafik zu transformieren. In den Programmcode einzugreifen, um das Rotationsverhalten oder die Geschwindigkeit der Objekte zu verändern, dürfte dadurch möglich sein.
Bei beiden Künstlern geht das eigentliche Kunstwerk über ein einzelnes NFT hi­naus, indem partizipative Elemente und technologische Prinzipien integrative Be­standteile sind. Das macht spannende Gegenwartskunst aus. Ob in der Kryptowelt ein neuer Markt entsteht, dem Sammlerinnen und Sammler sowie Museen folgen werden, wird sich zeigen. Zumindest testet Damien Hirst gerade, ob physische Kunstwerke nach wie vor bevorzugt werden oder durchaus auch dem Digitalisat als NFT ein Kunstwert zugestanden wird. Urs Fischer wiederum transferiert die Skulptur in den digitalen Raum in einer real nicht umsetzbaren Weise. Stattdessen antizipiert er verschiedenste digitale Präsentationsformen, vom Bildschirm bis hin zu Virtual Reality.
Sonja Gasser, Kunsthistorikerin, tätig bei Digital Humanities, Universität Bern. sonjagasser@hotmail.com

→ Beeple, ‹Everydays: The First 5000 Days›, 2021 ↗ onlineonly.christies.com/s/beeple-first-5000-days/beeple-b-1981-1/112924 und weiterlaufendes Projekt: www.beeple crap.com/everydays
→ Urs Fischer, ‹Chaos›, 2021 ↗ https://chaosoahchaos.com und https://makersplace.com/ursfischer
→ Damien Hirst, ‹The Currency›, 2021 ↗ www.heni.com
→ Larva Labs, ‹CryptoPunks›, 2017 ↗ www.larvalabs.com/cryptopunks

Künstler/innen
Urs Fischer
Damien Hirst
Autor/innen
Sonja Gasser

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