AIA — Sorgsamer Umgang mit Natur und Kunst

Naufus Ramírez-Figueroa · Variación sobre hoja de anturio #3, 2021, Acryl auf geschnitzter Holztafel, 150 x 100 cm, Courtesy Sies+Höke, Düsseldorf. Foto: Simon Vogel

Naufus Ramírez-Figueroa · Variación sobre hoja de anturio #3, 2021, Acryl auf geschnitzter Holztafel, 150 x 100 cm, Courtesy Sies+Höke, Düsseldorf. Foto: Simon Vogel

Besprechung

Im Löwenbräu hat sich eine neue Plattform für den bewussten Umgang von Natur und Mensch in der Kunst eingemietet. Der Offspace ist in kurzer Zeit fast zum Geheimtipp geworden. ‹Back to the roots› nennt sich die aktuelle Schau, in der es um orakelnde Spinnen, indigene Völker und Tiffany-Design geht.

AIA — Sorgsamer Umgang mit Natur und Kunst

Zürich — Haben Sie schon einmal eine Spinne um Auskunft über ihr Leben befragt? Kaum. Gerade deshalb lohnt sich ein Besuch bei der neuen Plattform für Kunst und Nachhaltigkeit ‹We are Awareness in Art›, kurz AIA. Der Non-Profit-Space wurde von der Zürcherin Martina Huber gegründet mit dem Ziel, Menschenrechte, Umweltbewusstsein und soziale Verantwortung mit Kunst zu verknüpfen. «Letztlich geht es um die Kreatur als Ganzes und darum, die durch Kolonial- und Industrieländer zerstörte Einheit von Natur und Mensch wiederherzustellen», sagt die 34-jährige Kuratorin.
Ein Beispiel von abendländischer Überheblichkeit liefert gleich zu Beginn der aktuellen Schau Uriel Orlow mit der Audioinstallation ‹What plants were called before they had a name›. Aus Boxen erklingen Begriffe in zwölf südafrikanischen Sprachen, mit denen die Einheimischen teilweise heute noch ihre Pflanzen bezeichnen, bevor diese von europäischen Wissenschaftlern mit lateinischen Begriffen klassifiziert wurden. Formvollendet, aber nicht minder anmassend gestaltet sich das von Tiffany appropriierte Design der tropischen Pflanze Anthurium. Ihre Beliebtheit in den Salons des Bürgertums führte einst zum Aussterben im natürlichen Habitat. Die Holzarbeit ‹Variaciòn sobre hoja de anturio #3› von Naufus Ramírez-Figueroa erinnert an die Folgen dieser Sammlerleidenschaft. «Wir müssen uns wieder auf unsere Wurzeln besinnen», fordert Martina Huber. Sie hat deshalb mit Gastkurator Gianni Jetzer unter dem Motto ‹Back to the roots› insgesamt neun Künstler:innen unter einem Dach vereint. So führt etwa das australische Karrabing Film Collective in einem Video über eine Familie von Aborigines und deren weisse Vorfahren(!) die Geschichte des Kontinents ad absurdum. Beschämende Fakten und paradoxerweise ein Film zum Schmunzeln. Monica Ursina Jäger taucht mit grandiosen, überblendeten Aufnahmen in das urbane und tropisch bewaldete Singapur ein. Koch und Kunstaktivist Maurice Maggi wiederum sät und erntet Gewürze in der Asphaltwüste von Zürich – unbemerkt und dies seit über dreissig Jahren. Biennale-Künstlerin Ambra Castagnetti schliesslich visualisiert mit einer fragilen Skulptur das Aussterben der Bienenvölker. Fazit: Alle Arbeiten sind Trouvaillen und geben zu denken. Noch Fragen? Das Langzeitprojekt von Tomás Saraceno mit Spinnenwahrsager Bollo Pierre Tadios aus Kamerun schafft möglicherweise Klarheit. Man bedenke aber: Die Spinne hilft nur, wenn die Fragen mit Ja oder Nein beantwortet werden können. Kluges Tier. 

Bis 
24.09.2022

→ ‹Back to the roots›, AIA, Löwenbräukunst, mit Vermittlungsprogramm für Schulen, bis 24.9. ↗ www.weareaia.art

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Back to the Roots — Decolonize Nature 08.06.202225.09.2022 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH

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