Angela Anzi — Sentimental Organs

Hilfestellungen an Objekten 2, Ausstellungsansicht Hamburger Kunsthalle 2021 © ProLitteris. Foto: Fred Dott

Hilfestellungen an Objekten 2, Ausstellungsansicht Hamburger Kunsthalle 2021 © ProLitteris. Foto: Fred Dott

Die Künstlerin in der Ausstellung ‹AIAIA›, Heldenreizer Contemporary 2021 © ProLitteris. Foto: Bernhard Rohnke

Die Künstlerin in der Ausstellung ‹AIAIA›, Heldenreizer Contemporary 2021 © ProLitteris. Foto: Bernhard Rohnke

Fokus

Ihr Schaffen trotzt jeder eindimensional visuellen Erwartung. Es plätschert und raschelt. Es denkt den Raum instrumental. Angela Anzi ist Bildhauerin und Tonmeisterin in einem, Choreografin und Handlangerin ihrer teils selbst geformten, teils aus dem Alltag herangezogenen Gegenständlichkeit. In Brugg zeigt sie eine neue, ortsspezifische Installation.

Angela Anzi — Sentimental Organs

Irreguläre Zylinder aus Keramik standen hüft- bis überkopfhoch im Raum. Stumm auf den ersten Blick wie Relikte einer archaischen Architektur oder ein Imitat gekappter Baumstämme. Analoger könnte das Material nicht sein, das Angela Anzi 2021 in der Hamburger Kunsthalle zum experimentellen Hausorchester aufbot. Ihre selbst gebrannten Protagonisten stattete sie mit Lautsprechern aus, exponierte sie als Resonanzkörper und testete sie auf ihre Gesprächigkeit hin: Folien erzeugten ein helles Rascheln über bewegter Luft. Ein horizontal gespanntes Papiersegel transportierte Wind als Wellengang in den Raum. Über der nackten Membran eines Lautsprechers tanzten Styroporkörperchen – ein witzig brodelnder Nebenschauplatz, ein autonomes Trommelfell, weggepustet in einem Atemzug.

Schwingungsverhalten
Es sind Sinustöne im Infraschallbereich, welche Keramik, Folien, Papier oder Styropor zum Vibrieren bringen. Ihre Frequenz ist nicht übers Ohr wahrzunehmen. Im Schalldruck outet sich Klang als Luftstrom und setzt Requisiten in Bewegung. Die Künstlerin greift ein, variiert, dosiert, unterbricht, ergänzt – im haptischen Zugriff innerhalb der räumlichen Auslegeordnung sowie am Drehknopf des Sinustongenerators, mit dem die Dinge verkabelt sind. «In Hamburg variierte ich die Tonhöhe in einem Bereich von ca. 5-40 Hz und passte die Lautstärke an. Das verändert das Schwingungsverhalten zwischen den Objekten, es entstehen Interferenzen, oder eine dumpfe, körperliche Wahrnehmung nähert sich hörbaren Tönen, kontrastiert etwa durch ein raschelndes Papier.»
Unter dem Titel ‹Hilfestellungen an Objekten› hat Anzi verschiedentlich die Wechselwirkung zwischen Objekten, Bewegung und Klang untersucht. Die Transparenz des Handelns gehört zur Schönheit ihrer Kunst: War es nicht wunderbar damals, als wir mit einer Schnur und zwei leeren Becherchen von Zimmer zu Zimmer eine Telefonverbindung simulierten? Anzi rührt an ein elementares Erkunden, wenn sie das helle Sprudeln eines Wasserstrahls mit einem Rohr aus Plastik verstärkt oder handgeformte Keramikkugeln klirrend über den Boden rollen lässt. In systematischer Ernsthaftigkeit befragt sie Sehgewohnheiten auch mit dem Erlebnis des Hörens. Seit dem Vorkurs an der Luzerner Hochschule ist sie der Frage auf der Spur, wie funktionalen Gegenständen ein Eigensinn einzuhauchen sei. Rhythmisch schwenkende Ventilatoren wiegten schon im Luzerner Vorkurs grosse Papierhüllen in den Schlaf, und in elektronischen Apparaturen sehen wir das letzte Zucken einer beseelten Existenz. Das Beatmen der Dinge kann diesen gleichzeitig einen selbstständigen Auftritt geben wie einen Anschein der Bedürftigkeit. Und weil wir gewohnt sind, kinetische Kunst mit unserem eigenen Dasein abzugleichen, findet auch Skurriles seinen Platz im künstlerischen Arrangement.
Angela Anzi ist zu Gast im Zimmermannhaus Brugg. Ausgangspunkt ihrer neuen «multisensorischen Installation» ist der Weg in den Ausstellungsraum. Mäandernd kommt man an im historischen Bürgerhaus – entlang seiner Ostseite in den Hof und über eine Aussentreppe, dann eine Laube, ins Innere. Raumhohe Papierbahnen weisen hier die weitere Richtung, kontrastieren das markante Fugenraster im Terrakottaboden und tragen ihre eigene Sensorik zur Schau: Auf der saugfähigen Membran erblüht ein Flechtenfeld aus verdünnter Tusche. Eine Anordnung keramisch-organischer Formen sowie Bauelemente aus Holz und Papier warten am anderen Ende des Raums auf ihre Aktivierung. «Installationen machen ist etwas performativ Herausforderndes!» Angela Anzi spricht aus Erfahrung. Wer die tatsächlichen und die potenziellen Geräusche als Basis eines räumlichen Arrangements nimmt, sieht Körper, ihre Volumina und ihre Oberflächenbeschaffenheit mit anderen Augen. «Was ist akustisch schon da und was braucht es noch, damit etwas als Geräusch funktioniert?»

Wachstumsfragmente
Auch wenn die künstlerische Umsetzung den ersten Impuls nicht mehr auf Anhieb lesbar macht: Situativ greift Angela Anzi das Motiv der Brennnessel aus dem Hinterhof auf. Der hohle, gerillte Schaft aus unglasiertem Ton ist, vielfach vergrössert, botanischen Zeichnungen nachempfunden. Auch der Ausstellungstitel ‹Sentimental Organs› erwächst dem Erinnerungsvermögen der widerständigen Pflanze: Sie verbreitet sich bevorzugt an Orten, wo eine frühere Nutzung den Boden mit Stickstoff angereichert hat. Brennnesseln verweisen so auf eine frühere Besiedelung. In Analogie dazu bleibt die Ausstellung nach Anzis Live-Performance als verlassener Ort zurück. Im englischen Begriff «organ» fallen «Organ», «Sprachrohr» und «Orgel» ineinander – an der Grenze zum Hörbaren erzittert aus Wachstumsfragmenten ein anderes Hier und Jetzt.

Zurückgekommen
Angela Anzi ist lange am Ort ihres Lernens geblieben. Ihr Kunststudium hat sie in Hamburg absolviert, mit Schwerpunkt im Bereich Zeitbezogene Medien bei Jeanne Faust. Prägend geblieben sind nicht zuletzt deren Wachheit fürs Beiläufige und für subtile Irritationen. Aus der Zeit in der Bühnenraumklasse bei Raimund Bauer – «da gab es keine Angst vor Grösse und vor Material» – begleiten sie nach wie vor zwei Fragen: «Wie denke ich Inszenierung aus der Perspektive des Raumes? Und wie verstehe ich räumliche Setzungen auch als dramaturgische Vorgabe?»
Ventilatoren und Lautsprecher beleben in Brugg das «Panorama an Verlassenschaften». Zwei keramische Stiele sind mit Lautsprechern versehen und mit Oszillatoren angesteuert. In einem Objekt aus Ton entsteht mit Ultraschall Dampf. Ein Lüfter bringt flötend eine Skulptur zum Klingen, ein weiterer hält eine Folie in der Schwebe. Anzis sensorische Mixtur ist offen für unterschiedliche Methoden der Klangerzeugung. Ausgeschlossen ist allerdings ein Sound, der die Gegenstände überströmt ohne deren physische Teilhabe. Beim Umbauen der Plastiken, beim Zueinanderführen oder Trennen entlang einer festgelegten Choreografie werden Keramik und Papier zu Geheimnisträgern und Bildgebern. Kabel überbrücken Distanzen, Ursache und Wirkung verteilen sich unvorhersehbar im Raum, senken Rätsel in den Hohlraum von Keramik und ins weiche Papier. Performance ist die Inbetriebnahme einer eigens aufgebauten Umgebung, ein «Ballet mécanique» mit eigenem Puls. Anzi selbst zeigt sich dezidiert im Zugriff und zugleich exponiert im fragilen Zustand vibrierender Gegenständlichkeit. ‹Resistance of Bodies / Persistence of Sound› nannte sie eine Performance im Kunstverein Harburger Bahnhof, 2020. Im Klang steckt eine Kraft, auf die unsere eigenen wie die anderen Körper angewiesen bleiben.

Isabel Zürcher ist freie Kunstwissenschafterin und Autorin in Basel. mail@isabel-zuercher.ch
→ ‹Splash & Vibration› (mit Christine Bänninger), Zimmermannhaus Brugg, bis 2.10. 

 

Bis 
02.10.2022

Angela Anzi (*1981, Luzern) lebt in Basel

Einzelausstellungen und Performances
2021 AIAIA, Heldenreizer Contemporary, München
2020 ‹Resistance of Bodies / Persistence of Sound›, Kunstverein Harburger Bahnhof, Hamburg
2019 ‹Hilfestellungen an Objekten 5›, Kraftwerk Bille, Hamburg; ‹Territoire No. 4, Assistance to a fountain›, Open Space, Nancy; ‹How to listen to Pillars and Things› (mit Tobias R. Kirstein), Westwerk, Hamburg; ‹Räppel, Schnurre, Ratsche› (mit Suse Itzel), Frappant, Hamburg
2011 ‹Schlafende Objekte›, Hühnerhaus Volksdorf, Hamburg

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2021 ‹Out of Space›, Hamburger Kunsthalle, Hamburg (Performance)
2020 ‹Auswahl 20›, Aargauer Kunsthaus, Aarau
2019 ‹Finaleminimale›, Produzentengalerie Alpineum, Luzern; ‹Eile mit Weile – Zeit für Performance›, akku Kunstplattform, Emmenbrücke (Performance)
2018 ‹Whispering Mimicry›, Moviemento, Linz
2015 ‹Your skin makes me cry›, Loop alternative Space, Seoul; Kuandu Museum Taipei; Goethe-Institut, Chicago, u. a.

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Christine Bänninger, Angela Anzi 20.08.202202.10.2022 Ausstellung Brugg
Schweiz
CH
Künstler/innen
Angela Anzi
Autor/innen
Isabel Zürcher

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