Berenice Olmedo — Kapitalismus und Knieschmerz

Berenice Olmedo · Hic et Nunc, 2022, Ausstellungsansicht Kunsthalle Basel (Ausschnitt). Foto: Philipp Hänger

Berenice Olmedo · Hic et Nunc, 2022, Ausstellungsansicht Kunsthalle Basel (Ausschnitt). Foto: Philipp Hänger

Besprechung

Schon mal von «crip sensibility» gehört? Berenice Olmedo beleuchtet den gesellschaftlichen Rückraum des marginalisierten, nicht ins kapitalistische Leistungsdispositiv passenden «Anderen» – und lässt stumme Stümpfe von einer Welt erzählen, die Stigmatisierung hinter sich lässt und Achtsamkeit begrüsst.

Berenice Olmedo — Kapitalismus und Knieschmerz

Basel – Im Sommer: Der Rhein strömt und die Badelustigen mit ihm; am Ufer, in der Stadt – überall pulsiert das Leben, erst recht in den Tagen der Messe. Ihrem Ruf folgend ist die Kunstwelt auf den Beinen und als solche unschwer zu erkennen: Geschmeidige Laufschuhe sind ihr Signum. Wer den Vielsehern und demgemäß Vielläufern den Steinenberg hinauf in die Kunsthalle Basel zu „Hic et Nunc“ von Berenice Olmedo, 1987 in Oaxaca, Mexiko geboren, folgt, sieht sich einem eigenwilligen Environment gegenüber und wird, beinahe buchstäblich, vor den Kopf gestoßen.          
In den prächtigen Oberlichtsaal im zweiten Stock sind zahlreiche transluzente Objekte eingehängt, deren formale Genese sich auf Anhieb kaum dechiffrieren lässt. Tatsächlich gehen die ebenso vertraut wie verfremdet wirkenden Formen auf Körperfragmente zurück, genauer: auf den bei einer Amputation, etwa des Unterschenkels, als sogenannter Stumpf zurückbleibenden Oberschenkel. Olmedo fand jene Abgüsse im Archiv einer Rehaklinik und fertigte Repliken davon an, die sie paarweise zu neuen Gebilden verschmolz. An ihrem unteren Ende, wenn man so will am „Knie“, finden die anthropomorphen Objekte ihre, sozusagen „kinetische“, Pointe: Von Motoren betrieben und in Silikonhüllen eingefasst, beugen und strecken sich jene Stümpfe wie kaputte Gelenke, die sich mühsam (wieder) regen – hin und her und wieder hin und her; gerade so schnell, dass die Bewegung als menschliche lesbar wird; gerade so langsam, dass ihr etwas Quälendes eignet. Skulpturale Formen, die von der Decke hängen, rufen unweigerlich den Charakter eines Schmuckelementes auf – jener wird von Olmedos, zwischen anziehender und abstoßender Wirkung oszillierenden, nennen wir sie „Schnullerstümpfen“, umcodiert: Das Abjekte, Alte, Müde, Versehrte, das gleichsam als gesellschaftlicher Phantomschmerz in die Unsichtbarkeit verdrängte bringt sie in Basel auf Augenhöhe. Zu all der Dynamik, die sich etwa mit der internationalen Artworld und ihrem Marktgeschehen verbindet und ganz grundsätzlich zur Normativität einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft und ihren Implikationen, entwirft die Künstlerin eine eindrückliche Antithese. Unter anderem für mehr „crip sensibility“ will sie werben und demgemäß für eine Welt eintreten, in der es laut Olmedo „kein Stigma der Behinderung, sondern lediglich Variationen von Existenz, Variationen von Bewegung, Variationen von Langsamkeit und Geschwindigkeit“ gibt. Unterschreiben wir sofort.            

Bis 
18.09.2022
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Berenice Olmedo 10.06.202218.09.2022 Ausstellung Basel
Schweiz
CH
Autor/innen
Jens Bülskämper
Künstler/innen
Berenice Olmedo

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