Berlin Biennale — Still present!

Mai Nguyen-Long · Specimen (Permate), 2022, Haushaltsgefässe, gefundene Objekte, organische Materialien, Akademie der Künste, Hanseatenweg, Berlin. Foto: dotgain.info

Mai Nguyen-Long · Specimen (Permate), 2022, Haushaltsgefässe, gefundene Objekte, organische Materialien, Akademie der Künste, Hanseatenweg, Berlin. Foto: dotgain.info

Taysir Batniji · Suspended Time, 2006, Glas, Sand, KW Institute for Contemporary Art, Berlin © ProLitteris. Foto: Silke Briel

Taysir Batniji · Suspended Time, 2006, Glas, Sand, KW Institute for Contemporary Art, Berlin © ProLitteris. Foto: Silke Briel

Hinweis

«Repair» heisst das Konzept, das Kader Attia als Künstler wie auch hier als Kurator der 12. Berlin Biennale verfolgt. Dabei nimmt er das Fortbestehen kolonialer Verhältnisse in den Blick, um diese zu überwinden. Dass bei diesem Heilungsprozess Narben bleiben, kann nicht ausgeschlossen werden.

Berlin Biennale — Still present!

Berlin — Die Party ist vorbei, jetzt geht’s ans Eingemachte. Den Eindruck gewinnt man leicht angesichts der Fülle von Arbeiten, die auf der Berlin Biennale den Zustand der Welt als brüchig demonstrieren. Und dabei spielt der Ukraine­krieg fast eine untergeordnete Rolle: Der russische Angriff auf den Fernsehturm von Kiew wenige Tage nach Kriegsbeginn (‹Airstrike on Babyn Yar›) verlängert die von Forensic Architecture recherchierte Geschichte von Gewalt und Vertuschung am Ort eines Nazi-Massakers bloss um ein weiteres Kapitel. Zeitlich ebenfalls nicht weit zurück reicht auch die auf verschiedene Standorte verteilte Serie ‹Cold Cases› von Susan Schuppli. Der Titel, ein rechtlicher Terminus, spielt nicht nur auf ungeklärte Kriminalfälle an. Er meint auch: Kälte als Waffe. Um Migrant:innen an der Grenze zu Mexiko davon abzuhalten, Asyl zu beantragen, werden sie, wie die Künstlerin in ihrem Video aufdeckt, von US-Sicherheitsbeamten in eiskalte Zellen gesteckt. Und in Kanada wurden Indigene wiederholt von Polizist:innen aufgegriffen und nach einer sog. Starlight-Tour bei winterlichen Temperaturen ausgesetzt. Statt sie aufs Revier zu bringen, nahmen die Beamten deren Tod in Kauf. Zu sehen ist Letzteres in der Stasi-Zentrale – selbst einst Schauplatz staatlichen Überwachens und Strafens –, dem vielleicht interessantesten Biennale-Ort. Hier bringt nicht nur Ngô Thành Bac seine Kritik an den herrschenden Verhältnissen auf den Punkt, indem er korrekt gekleidet vor Denkmälern seiner Heimatstadt Hanoi posiert – im Kopfstand. Auch der US-Amerikaner Zach Blas zeigt, wie sich in Rationalität verfangene Überwachung austricksen lässt: mit einer Maske, die aus biometrischen Daten schwuler Männer generiert worden ist (‹Fag Face Mask›).
Besonders eingeprägt aber hat sich mir die in einem Video von Layth Kareem gezeigte Lektion eines irakischen Knaben: Erschreckend routiniert demonstriert er auf der Rückbank eines Wagens, wie bei einem Anschlag Kopf und Organe zu schützen sind. Sein Einmaleins des Überlebens. Traumata anderer Art spiegelt das skulpturale ‹Selbstporträt als Restitution› von Deneth Piumakshi Veda Arachchige, das einem lebensgross entgegentritt: Die Replik des Schädels eines Adivasi-Mannes in Händen haltend, der von den Schweizer Naturforschern Fritz und Paul Sarasin im 19. Jahrhundert entwendet wurde, erinnert sie an das erlittene Unrecht und zollt ihren Vorfahren Respekt. Mit über 70 engagierten Positionen braucht es Zeit, den vielen unterschiedlichen Anliegen gerecht zu werden, aber wer glaubt schon, koloniale Aufarbeitung sei mit der Rückgabe geraubter Güter erledigt? 

Bis 
18.09.2022

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