David Hockney — Bewegtes Leben

David Hockney · Hotel Acatlan: Second Day, 1984/85, Lithografie auf Papier, 67 x 92 cm, Tate, Schenkung des Künstlers 1993 © Tyler Graphics Ltd

David Hockney · Hotel Acatlan: Second Day, 1984/85, Lithografie auf Papier, 67 x 92 cm, Tate, Schenkung des Künstlers 1993 © Tyler Graphics Ltd

David Hockney · California Copied from 1965 Painting in 1987, Acryl auf Leinwand, 152,1 x 182,6 cm, Los Angeles County Museum of Art, Schenkung des Künstlers

David Hockney · California Copied from 1965 Painting in 1987, Acryl auf Leinwand, 152,1 x 182,6 cm, Los Angeles County Museum of Art, Schenkung des Künstlers

Besprechung

Heisser Sommer, kühles Nass, mondänes Leben – wie kein anderer fing David Hockney dieses Daseinsgefühl ein. Das Kunstmuseum Luzern führt zusammen mit der Tate die erste Retrospektive in der Schweiz des einflussreichsten britischen Künstlers durch. Und zeigt auch Aspekte jenseits des Ikonischen.

David Hockney — Bewegtes Leben

Luzern — «Wenn deine Augen still stehen, bist du tot», sagt David Hockney (*1937). Doch die Augen wandern unentwegt durch seine Bilder, und der Geist wandert in der Vorstellung durch seine Landschaften, Innenräume und Geschichten.
Die lange Ausstellungshistorie des Briten macht es sicher nicht einfach, neue Perspektiven zu eröffnen. Die Kuratorinnen Fanni Fetzer und Helen Little fanden jedoch beim Künstler selbst den titelgebenden Schlüsselbegriff: ‹Moving Focus›. So heisst nicht nur eine Werkgruppe aus den 1980er-Jahren, die mit Bildern wie ‹Hotel Acatlan: Second Day›, 1984/85, den Auftakt der Ausstellung bildet, sondern auch ein ästhetisches Prinzip chinesischer Rollbilder. Wie Picassos Kubismus erachtet Hockney diese als «weitaus überlegene Art, mit Raum und Zeit umzugehen». Denn anders als wissenschaftliche, fotografische und zentralperspektivische Darstellungen des messbaren Raums zeigten diese einen multiperspektivischen Raum, der kontinuierlich eine Geschichte lebendiger Körper erzählt – nicht zuletzt jene des Malenden selbst. Mal codierter, mal expliziter thematisierte Hockney seine Homosexualität in den frühen 1960ern, etwa in ‹Study for Dollboy›, 1960 – zu einer Zeit, als im grauen Grossbritannien homosexuelle Handlungen noch unter Strafe standen.
Sein Umzug von London nach L.A. markierte eine neue Freiheit, die sich auch in seiner Farbpalette und Figurenwahl ausdrückte. So vermochte er mit seinen ikonisch gewordenen Poolbildern das lustvolle Lebensgefühl von La-La-Land einzufangen. Die Flüchtigkeit des Wassers reflektiert die Zerbrechlichkeit gegenwärtigen Glücks, aber genau dies macht ihre Intensität aus. Um nichts weniger Vergängliches geht es in seinen naturalistischen Doppelporträts der 1970er wie ‹Mr and Mrs Clark and Percy›, 1970/71, die von fragiler Intimität erzählen und die zu den Highlights der Schau zählen. So auch das monumentale, mehrteilige Bild ‹Bigger Trees near Warter or / ou Peinture sur le Motif pour le Nouvel Age Post-Photographique›, 2007, für das eigens eine Museumswand weichen musste. Der Wald wird nicht durch eine offene Tür betrachtet, sondern es ist, als ob man durch die Tür getreten wäre und ihn kurz vor dem Frühlingserwachen durchwandern könnte – zumindest mit den Augen und im Geiste.
Und auch der Maler erscheint nicht museal zur Ikone erstarrt, sondern als neugierig Fortschreitender, der mit stets neuen Perspektiven auf Tiefe, Raum und Farbe die «innere Belebtheit» (Merleau-Ponty) des Sichtbaren sucht.

Bis 
30.10.2022

→ ‹David Hockney – Moving Focus›, Kunstmuseum Luzern, bis 30.10. ↗ kunstmuseumluzern.ch ↗ hockney2022.ch

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
David Hockney 09.07.202230.10.2022 Ausstellung Luzern
Schweiz
CH
Künstler/innen
David Hockney
Autor/innen
Michel Rebosura

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