Georg Aerni — Rätselhafte Bilder stiller Veränderungen

aus: Strubel, Goldau, 2021, Nr. 070, 62 x 50 cm, alle Fotografien: Pigment-Inkjet-Print

aus: Strubel, Goldau, 2021, Nr. 070, 62 x 50 cm, alle Fotografien: Pigment-Inkjet-Print

aus: Strubel, Goldau, 2021, Nr. 084, 62 x 50 cm

aus: Strubel, Goldau, 2021, Nr. 084, 62 x 50 cm

Klein Titlis, 2021, 150 x 114 cm

Klein Titlis, 2021, 150 x 114 cm

Lodrino I, 2021, 150 x 114 cm

Lodrino I, 2021, 150 x 114 cm

Waly Canal, 2018, 114 x 86 cm, aus: Silent Transition

Waly Canal, 2018, 114 x 86 cm, aus: Silent Transition

Mahmoud al Hadidi, 2018, 150 x 114 cm, aus: Silent Transition

Mahmoud al Hadidi, 2018, 150 x 114 cm, aus: Silent Transition

Montanji, 2020, 198 x 150 cm, aus: Falten und Schichten

Montanji, 2020, 198 x 150 cm, aus: Falten und Schichten

Georg Aerni

Georg Aerni

Fokus

In seiner bisher grössten Soloschau zeigt Georg Aerni in der Fotostiftung Schweiz einen Überblick über gut zehn Schaffensjahre. Der einstige Architekt fotografiert «anonyme Architekturen»: Talsperren in der Schweiz, turmartige Landwirtschaftsgebäude in Apulien oder Neubauten in Ägypten. Vermehrt gilt seine Aufmerksamkeit auch naturhaften Gebilden.

Georg Aerni — Rätselhafte Bilder stiller Veränderungen

Polzer: Viele der von dir fotografierten Architekturen wirken zeitlos, wie in ein immerwährendes Jetzt gestellt. Die Menschen, die diese Bauten  errichtet haben, kommen bei dir nicht vor. Haben dich Menschen nie interessiert?
Aerni: Grundsätzlich fühle ich mich eher von einsamen Orten angezogen, und ich denke, dass die Stille, die ich beim Fotografieren oft erfahre, in meinen Bildern zum Ausdruck kommt. Viele Situationen haben für mich eine Poesie, die durch die Präsenz von Menschen beeinträchtigt würde, zumal Menschen immer sehr viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen und einem Bild eine zeitliche Verankerung geben, die ich nicht suche. Durch ihre Abwesenheit treten Raum und Artefakt in den Vordergrund.
Polzer: Was bedeutet das Fotografieren für dich? Annelies Štrba sagte einmal, sie verschaffe sich mit der Kamera ein wenig Distanz gegenüber ihrer fordernden Familiensituation. Du sagst, dass du eine «meditative Stille» empfindest beim Fotografieren.
Aerni: Fotografieren bedeutet für mich, bestimmten Räumen und Objekten einen Wert zu geben, indem ich sie aus der Welt herauslöse, isoliere und im Rahmen des gewählten Ausschnitts verdichtet miteinander in Beziehung setze. Mein Gefühl dabei ist abhängig von der jeweiligen Umgebung. So ist in dicht bevölkerten Städten wie Mumbai oder Kairo das Fotografieren «unter Beobachtung» meist mit Hektik verbunden und nicht so entspannt meditativ wie in einer einsamen, mir vertrauten Umgebung. Auch das Vorgehen ist unterschiedlich: Während ich in solchen Städten die Bilder vorgängig (ohne Kamera) genau recherchiere, um an einem anderen Tag die Aufnahme in möglichst kurzer Zeit machen zu können, ist das Fotografieren in stillen Gefilden oft eine langsame Angelegenheit. So kommt es beispielsweise vor, dass ich an einem Ort über mehrere Stunden hinweg beobachte, wie sich die Plastizität eines Gegenübers mit dem tageszeitlichen Wechsel des Lichteinfalls langsam verändert. Ohne Fotografie würde ich solche Beobachtungen verpassen.
Polzer: Dieses Herauslösen aus der Welt, von dem du sprichst, bewirkt wohl, dass den von dir gezeigten Gegenständen eine befremdliche Art von Präsenz eigen ist. Die Dinge wirken kaum wie gemacht, kaum wie entstanden. Sie haben fast etwas Surreales.
Aerni: Vielleicht liegt das am Bildausschnitt und der Wahl der Augenpunkthöhe. Das Weglassen des Kontextes bewirkt oft die von mir erwünschte Verunklärung der Massstäblichkeit. Und ganz wichtig: Immer wieder sind es ganz bestimmte Lichtverhältnisse, die etwas magisch erscheinen lassen. Da ich mit einer technischen Kamera auf einem Stativ arbeite, kann ich vor der Auslösung die Bildkomposition genau überprüfen und beobachten, wann eine vordergründig «gewöhnliche» Situation im Rechteck des Displays der Kamera eine gewisse Komplexität aufweist. Dann ist es gut.
Polzer: Welches Verhältnis hast du zu den Orten, die du fotografierst? Wie findest du sie, streifst du als Flaneur umher oder gehst du gezielt vor? Welche Rolle spielen Karten und Luftbilder, arbeitest du mit einer Drohne?
Aerni: In einer ersten Phase der Bildfindung bin ich häufig als Flaneur unterwegs und offen für zufällige Begegnungen. Hat sich dabei ein Bild in meinem Kopf festgesetzt, gehe ich später gezielt an diesen Ort zurück. Beim Projekt ‹Falten und Schichten› steht die topografische Karte am Anfang: Sie zeigt mir, wo ich einen steilen Berghang von der gegenüberliegenden Talseite aus fotografieren kann. Auch Luftbilder dienen mir häufig zur Vorbereitung eines Projekts. So haben mir zum Beispiel bei der 2018 in Kairo aufgenommenen Serie ‹Silent Transition›, nach der auch diese Ausstellung benannt ist, Luftbilder aus verschiedenen Jahren gezeigt, wie sich diese Metropole kontinuierlich in die Agrarflächen des Nildeltas hineinfrisst und einzelne Felder allmählich von dichten, informellen Bebauungen umschlossen werden bzw. irgendwann verschwinden. Ich habe an diesen Stellen ein fotografisches Potenzial vermutet, die entsprechenden Orte auf meinem Smartphone markiert und diese dann aufgesucht. Eine Drohne besitze ich nicht.
Polzer: Die neuere Serie ‹Falten und Schichten› ist geprägt von einer unglaublichen Frontalität. Ähnlich wie in der Hochhäuser in Hongkong zeigenden früheren Serie ‹Slopes & Houses›, 1999/2000, türmt sich hier eine steinerne Wand vor uns auf. Es gibt keinen Horizont, kaum einen Boden. Diese Bilder sind gewaltig, fast gewalttätig.
Aerni: Ja, es gibt eine Verbindung in Bezug auf den Bildaufbau. Bei beiden Motiven verspürte ich beim Suchen der Bildausschnitte bzw. beim Benützen meiner Hände als Fernrohr ein leichtes Schwindelgefühl, wenn ich jeweils Boden und Horizont ausklammerte. Im Gegensatz zum repetitiven Fassadenbild eines Hochhauses gibt es auf den komplexen Oberflächenstrukturen der Bergansichten keine Anhaltspunkte, welche die effektiven Dimensionen erahnen lassen. Die Bilder zeigen zwar die gewaltigen Kräfte, welche die Alpen seit dreissig Millionen Jahren in einem Wechselspiel von Hebung und Abtragung stetig umformen, aber als gewalttätig würde ich sie nicht bezeichnen.
Polzer: Ich empfinde dich als eigenartig ‹stumm› hinter deiner Kamera. Ohne Zweifel gäbe es sehr viel zu erzählen zu den einzelnen Bildern. Du gibst aber höchstens die Ortsnamen an. Hat es dich nie interessiert, ein wenig mehr zu informieren?
Aerni: Ich habe kein grosses Bedürfnis, mich über das Bild hinaus mitzuteilen, und sehe auch kein Problem, wenn ein Bild nicht alles erklärt. Im besten Fall verunsichert es die Betrachter:innen derart, dass diese umso genauer hinschauen. Ich bin selbst von Situationen angezogen, die ich nicht entschlüsseln kann, die rätselhaft bleiben und so meine Fantasie anregen. Wäre es mir wichtig, meine Bilder mit Informationstexten zu kombinieren, müsste ich eher im Bereich der Reportagefotografie arbeiten und die Bilder in einem anderen Kontext präsentieren. Für mich stehen nicht Publikationen im Vordergrund, sondern Ausstellungsprints mit einer anderen physischen Präsenz.
Polzer: Anlässlich der Eröffnung von Richard Avedons Ausstellung ‹In the American West› 1985 beobachtete ein Kritiker, wie ein Strassenarbeiter, der sein eigenes gross auf Aluminium aufgezogenes Bild sah, zu weinen anfing und sagte: «Jetzt weiss ich, wie es ist, wenn Gott jemanden ansieht.» Viele deiner Bilder von Architekturen oder Bergen könnte man wohl auch als Porträts sehen. Es handelt sich um sachliche, zeitlose Aufnahmen, die eine Allgemeingültigkeit vermitteln. Zugleich sprechen sie von konzentrierter Zuwendung. Man sieht alle Details, alle Eigenheiten des jeweiligen Gegenstands. Die Bilder vermitteln: Da hat jemand gestaunt und sich Zeit genommen, da wollte jemand etwas verstehen und erfassen. Glaubst du, eines deiner Bauwerke, deiner Naturgebilde könnte zu weinen beginnen?
Aerni: Es ist mir nicht ganz klar, was der weinende Strassenarbeiter mit seiner Aussage genau gemeint hat. Dein Vergleich meiner Arbeiten mit Porträts gefällt mir aber gut. Vielleicht ergeht es mir wie Avedon mit den von ihm Porträtierten: Es ist mir ein Anliegen, «meinen» vordergründig unscheinbaren Räumen, Bauten, Pflanzen eine Stimme zu geben.

Brita Polzer, Dozentin, Autorin, ehemals Redaktorin Kunstbulletin. britapolzer@swissonline.ch
→ ‹Georg Aerni – Silent Transition›, Fotostiftung Schweiz, bis 16.10.; mit Katalog ↗ www.fotostiftung.ch

Bis 
16.10.2022

Georg Aerni (*1959, Winterthur) lebt in Zürich
1986 Abschluss Architekturstudium an der ETH Zürich
Seit einem Aufenthalt in Paris (1992–1994) als Autodidakt mit dem Medium Fotografie tätig

Einzelausstellungen (Auswahl)
2020 Kabinett Visarte, Zürich
2018 Oxyd Kunsträume, Winterthur; Galerie Bob Gysin, Zürich
2015 Kunstforum Raiffeisen, Winterthur

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2022 ‹Grand Tour Caspar Wolf›, Museum Caspar Wolf, Muri
2021 ‹Dezember-Ausstellung: Überblick 2021›, Kunstmuseum Winterthur
2020 ‹Auswahl 20›, Aargauer Kunsthaus, Aarau
2019 ‹Natur – Zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit›, Haus für Kunst Uri, Altdorf; ‹Paradise, lost›, Biennale 2019, Kulturort Weiertal, Winterthur

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Georg Aerni — Silent Transition 11.06.202216.10.2022 Ausstellung Winterthur
Schweiz
CH
Künstler/innen
Georg Aerni
Autor/innen
Brita Polzer

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