Kunst und Klima — Von der Erde lernen

!Mediengruppe Bitnik · https://areweclimateneutralyet.fail, 2022, Courtesy Art Safiental Biennale 2022: Learning from the Earth + ILEA Institute for Land and Environmental Art. Foto: Mathias Kunfermann

!Mediengruppe Bitnik · https://areweclimateneutralyet.fail, 2022, Courtesy Art Safiental Biennale 2022: Learning from the Earth + ILEA Institute for Land and Environmental Art. Foto: Mathias Kunfermann

Fokus

Das «Nein» aus Baumstämmen der !Mediengruppe Bitnik, das über dem Bündner Safiental thront, und die zugehörige Website ­«areweclimateneutralyet.fail» sprechen eine selten klare Botschaft aus: Nein, wir sind (noch längst) nicht klimaneutral. Wie kommen wir rechtzeitig dahin?

Kunst und Klima — Von der Erde lernen

Geschickt verknüpft die !Mediengruppe Bitnik anlässlich der diesjährigen Art Safiental den virtuellen mit dem realen Raum und verweist auf die komplexen Zusammenhänge, die sich zwischen diesen beiden Welten öffnen: Eine offenbar klimaneutral betriebene Website formuliert in ihrer URL eine klimapolitisch drängende Frage und zeigt als Antwort darauf ein Foto von Baumstämmen, die vor der urigen, aber keineswegs unberührten Berglandschaft ein entschiedenes «Nein» formen. Diese zunächst fast banal anmutende Botschaft, die uns hier vermittelt wird, löst bei mir eine Reihe von Fragen aus. Wird da irgendwann mal ein «Ja» stehen? Im Jahr 2030, 2040, oder doch erst 2050 oder noch später? Ist mit «wir» die Schweiz oder die ganze Menschheit gemeint? Wird der Weg dorthin ein (global) klimagerechter sein? Die Zukunftsvision vor meinem inneren Auge, in der das «Nein» demontiert und durch ein «Ja» ersetzt ist, löst Erleichterung, gar ein regelrechtes Glücksgefühl aus. Dann aber sagt eine Stimme: Was, wenn das «Ja» viel zu spät kommt und Millionen von Menschen zusätzlich unter der Klimakrise leiden werden? Wenn Europa noch mehr zur Festung wird, an deren Grenzen Klimaflüchtlinge stehen und sterben?

Resonanz statt Verzicht
Um klimaneutral zu werden, müssen durch die Menschheit verursachte Treib­hausgasemissionen und Kohlenstoffsenken (beispielsweise Aufforstung oder das Entziehen von CO2 durch technische Hilfsmittel) sich die Waage halten. Das impliziert, dass sowohl die Emissionen gesenkt als auch Kohlenstoffsenken aufgebaut werden müssen. Es ist sinnvoll und notwendig, dass ein Land wie die Schweiz versucht, innerhalb seiner territorialen Grenzen klimaneutral zu werden. Allerdings verursacht die Schweiz als reiches Land einen sehr hohen Anteil ihrer Emissionen (ca. 60 Prozent) im Ausland durch Importgüter und Flugreisen. Eine Schlüsselbotschaft des neuesten Berichts des Weltklimarats IPCC von 2022 zur Beschränkung der Klimaerwärmung1 ist, dass eine Reduktion der Nachfrage notwendig ist, um die Klimaziele zu erreichen. Wir stehen also als reiches Land in der Pflicht, unseren Konsum drastisch zu reduzieren. Das «Nein» bedeutet also auch: Nein, technischer Fortschritt (wie der Ausbau erneuerbarer Energie) alleine reicht nicht, um rechtzeitig klimaneutral zu werden. Unser Lebensstil muss klimaneutral werden. Erst dann kann das «Nein» zum «Ja» werden. Und damit sind wir mitten in der äusserst unbeliebten Verzichtsdebatte.
Um diese Debatte konstruktiver führen zu können, müssen wir begreifen, dass das Abschütteln von Konsumballast zu einer besseren Lebensqualität führen kann. Ab einem gewissen Konsumniveau wird es erwiesenermassen unglaublich ineffizient, die Lebensqualität mit noch mehr Konsum zu erhöhen (sog. Easterlin-Paradox)2. Es gibt vielversprechende Antworten auf die grosse Frage nach einem gelungenen Leben. Die Harvard-Glücksstudie3 zeigt beispielsweise, dass das, was uns langfristig glücklich und gesund macht, gute menschliche Beziehungen sind. Mit dem Begriff Resonanz führt der Soziologe Hartmut Rosa diesen Aspekt noch etwas weiter aus4: Ein gelungenes Leben ist, wenn wir die Welt um uns herum anrufen können und diese uns antwortet, wir also in eine ebenbürtige Wechselbeziehung mit der Welt treten. Das kann ein gutes Gespräch mit Freunden, eine Naturerfahrung oder eine Umarmung sein. Unsere beschleunigende, konsumistische Lebens- und Wirtschaftsweise hingegen erschwert Resonanz, weil sie auf einem Besitzanspruch von immer grösser werdenden Weltausschnitten basiert. So erwirbt man mit dem Bezahlen einer Maledivenreise keine Garantie auf ein gelungenes Erlebnis (obwohl das einem versprochen wird). Im Gegenteil ist ein solches unwahrscheinlich, wenn man aus dem gehetzten Alltag ins Flugzeug springt, um am anderen Ende der Welt mal etwas entspannen und schnorcheln zu können. Paradoxerweise trägt man mit dem Flug zum Meeresspiegelanstieg und zur Erwärmung und Versauerung der Ozeane bei, und damit zum Verschwinden des Weltausschnitts, mit dem man in Resonanz treten wollte.

In Dialog mit der Welt treten
Unser Überkonsum ist am Ende das Resultat einer fehlgeleiteten Suche nach Resonanz. Diese Suche wird angetrieben durch eine Werbemaschinerie, die uns Resonanz verspricht, wenn wir den tollen SUV kaufen oder die paradiesische Maledivenreise buchen. So steht das «Nein» auch sinnbildlich für unsere gegenwärtige kollektive Unfähigkeit, in ebenbürtigen Dialog mit der Welt zu treten. Erst wenn wir die Welt nicht mehr als Ding begreifen, das es zu erleben, zu verwerten oder zu besitzen gilt, sondern als Resonanzraum, schaffen wir die Grundlagen für ein gutes, klimaneutrales Leben für alle. Die Verzichtsdebatte löst sich somit in der Resonanzdebatte auf. Die Schlüsselfrage ist: Wie können wir Resonanzräume schaffen, um mit der Welt (wieder) sprechen zu lernen? Das Thema ‹Learning from the Earth› der diesjährigen Art Safiental greift genau diese Frage auf. Ein schönes Beispiel dafür ist auch der Tausch-Stall ‹Gää&Nää› des Klimapavillon Zürich und des Vereins Myblueplanet, wo eine Resonanz mit den Dingen des Alltags möglich wird.

Raphael Portmann, Klimawissenschaftler an der Agroscope Reckenholz und Mitgründer von Degrowth Schweiz. raphael.portmann@agroscope.admin.ch

1 Sechster Sachstandsbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), ‹Mitigation of ­Climate Change›: ipcc.ch/report/ar6/wg3/
2 de.wikipedia.org/wiki/Easterlin-Paradox
3 adultdevelopmentstudy.org/
4 Hartmut Rosa, ‹Unverfügbarkeit›, Suhrkamp 2020

→ Kunst und Klima: ein Klimaforscher kommentiert eine visuelle Vorlage seiner Wahl.
→ ‹Learning from the Earth›, Art Safiental Biennale 2022, bis 23.10. ↗ www.artsafiental.ch

Bis 
23.10.2022
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Art Safiental 2022 02.07.202223.10.2022 Grossausstellung/Festival Versam
Schweiz
CH
Autor/innen
Raphael Portmann

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