Marc-Antoine Fehr — Trauer, Angst und Liebe

Jürg à l’ordinateur, 1999 (ganz rechts), Öl auf Leinwand, 192 x 145 cm, Ausstellungsansicht Château de Gruyères, Courtesy Galerie Peter Kilchmann. Foto: Château de Gruyères

Jürg à l’ordinateur, 1999 (ganz rechts), Öl auf Leinwand, 192 x 145 cm, Ausstellungsansicht Château de Gruyères, Courtesy Galerie Peter Kilchmann. Foto: Château de Gruyères

Intérieur du masque d’Olivier Hardy, 2013, Öl auf Leinwand, 130 x 160 cm, Ausstellungsansicht Château de Gruyères, Saal der Landvögte, Courtesy Galerie Peter Kilchmann. Foto: Château de Gruyères

Intérieur du masque d’Olivier Hardy, 2013, Öl auf Leinwand, 130 x 160 cm, Ausstellungsansicht Château de Gruyères, Saal der Landvögte, Courtesy Galerie Peter Kilchmann. Foto: Château de Gruyères

L’atelier, 2019, Öl auf Leinwand, 235 x 385 cm, Ausstellungsansicht Château de Gruyères, Courtesy Galerie Peter Kilchmann. Foto: Château de Gruyères

L’atelier, 2019, Öl auf Leinwand, 235 x 385 cm, Ausstellungsansicht Château de Gruyères, Courtesy Galerie Peter Kilchmann. Foto: Château de Gruyères

La Maquette, 2019, Öl auf Leinwand, 188,5 x 260 cm, Ausstellungsansicht Château de Gruyères, Courtesy Galerie Peter Kilchmann. Foto: Château de Gruyères

La Maquette, 2019, Öl auf Leinwand, 188,5 x 260 cm, Ausstellungsansicht Château de Gruyères, Courtesy Galerie Peter Kilchmann. Foto: Château de Gruyères

Marc-Antoine Fehr

Marc-Antoine Fehr

Fokus

Zögerlich nur sagte der im Burgund lebende Maler Marc-Antoine Fehr zu, im saisonal als Kunsthalle genutzten Schloss Greyerz auszustellen. Würden die Räume seine klassisch anmutenden Setzungen nicht schlucken? Mit Gastkurator Jean-Paul Felley ist eine Schau entstanden, die gerade im historischen Kontext die Aktualität von Fehrs Werk enthüllt. 

Marc-Antoine Fehr — Trauer, Angst und Liebe

Das Werk von Marc-Antoine Fehr wird oft als zeitlos beschrieben. Es bezieht sich jedoch eher auf eine andere Geschichte als diejenige, die wir heute üblicherweise im Blick haben. So greift Fehr auf eine Malereitradition zurück, in der die Kunstschaffenden mit Literatinnen und Literaten im Wettstreit sowie im Austausch mit der Wissenschaft standen. Weiter steht er biografisch in einer Genealogie von Waadtländer Malerinnen und Malern, für welche die Naturbeobachtung und die Zentralperspektive bedeutsam blieben, ohne Modulationen dieser Sprache respektive dieser Bühne und ohne Fantasien und Allegorien auszuschliessen. Sein Grossvater Charles Clément (1889–1972) und seine Mutter Marie-Hélène Clément (1918–2012) waren in der künstlerischen Bewegung ‹retour à l’ordre› verwurzelt, die nach 1918 selbst Picasso oder De Chirico erfasst hatte. Für sie war das Abstrakte und Surreale bereits in dem Oszillieren der Kunst zwischen aktuellen und geistigen Räumen von der Renaissance bis zum Barock angelegt. Cézanne wurde den Beteiligten zum Vorbild des Widerstands gegen Radikales um jeden Preis, da er sich aus den Debatten in Paris zurückzog, um in seiner Geburtsstadt Aix-en-Provence mit einer das Handwerkliche betonenden Pinselführung seine Umgebung souverän zu malen.
Vor diesem Hintergrund ist die eigenwillige Entscheidung des schon als Gymnasiast im Helmhaus ausgestellten Marc-Antoine Fehrs zu verstehen, nicht dem Rat des befreundeten Kunsthistorikers Rudolf Koella zu folgen und in Düsseldorf bei Beuys oder Richter zu studieren. Er fürchtete nur Ablenkung im Lärm um Concept- und Pop-Art, New Media und Performance und entwickelte seine zu Hause erlernte Malerei autodidaktisch auf immer grösseren Formaten in immer grösseren Gebäuden im Burgund, zuletzt in dem zusammen mit einem seiner beiden Brüder erworbenen und seither sanft vorm Zerfall bewahrten Schloss Pressy. Anders als seine letztlich vergeblich um Anerkennung ringenden Ahnen wurde er jedoch sofort mit Stipendien aus der Schweiz unterstützt und konnte – nachdem ihn Koella 1985 in dem inzwischen von ihm geleiteten Kunstmuseum Winterthur gezeigt hatte – regelmässig in Galerien oder Museen ausstellen.

Auseinandersetzung mit morbider Zerstörung
Die von ihm zunächst verdrängten Strömungen der 1960er-, 1970er-Jahre scheinen sich dabei nur vehementer die Bahn in seinem malerischen Werk gebrochen zu haben. Auch konzeptuell und performativ ist dieses bedeutend geworden mit seinen Auslotungen des visuellen Stroms vor dem physischen und dem inneren Augen in Form installativer Endlosbilder. Die jüngste wieder eher in Blätter mit auch narrativen Elementen unterteilte Arbeit dieser Art, ‹The Walk of the Blind Man›, 2019, rollt sich im Schloss Greyerz in einem der beiden Ausstellungskeller beim Eingang in einem Film aus, der einem bereits beim Betreten der Schau suggeriert, innezuhalten und die Bilder auf sich wirken zu lassen. Wie bei anderen Malern und Malerinnen seiner Generation – Luc Tuymans, Miriam Cahn – findet sich darüber hinaus auch bei Fehr eine intensive Beschäftigung mit der morbiden Zerstörung unseres Zeitalters, die 1945 nicht aufhörte, sondern inzwischen mit dem Angriff auf die Ukraine zusammen mit der Klimaerwärmung und dem Artensterben zunehmend in unseren Alltag dringt, auch wenn sich bei Fehr in einzelnen freundschaftlichen, liebevollen Menschen- und Tierporträts auch immer wieder ein Hoffnungsschimmer zeigt. Oder ist es doch schon zu spät?
So fragt man sich im anderen, sparsam mit Gemälden besetzten Keller. Auf dem grössten Bild fliegt eine Schleiereule über einer seltsam – gegen Hitze oder Gift? – mit Tüchern bedeckten nächtlichen Landschaft auf uns zu. Im Unterschied zu vielen engagierten Kunstschaffenden der Gegenwart schöpft Fehr seine Motive nicht aus Pressearchiven oder dem Internet: «Mir ist eine emotionale Beziehung zu den Gegenständen wichtig.» Davon sprechen die beiden kleineren Leinwände im gleichen Saal. Auf der einen hat er seine Terrasse im Mondlicht gemalt, auf der anderen den Schnappschuss einer 2019 tot aufgefundenen Schleiereule, die der Auslöser dieses Zyklus war, der längst über den Maler hinausgewachsen ist. Dies wird in der Küche des Schloss Greyerz deutlich: Auf der Riesenleinwand ‹L’atelier›, 2019, scheint er auf einer Leiter physisch und psychisch gänzlich in die begonnene Freske einer landenden Schleiereule eingetaucht, die ihm erst nach seiner Arbeit noch mehr über ihren Widerhall in seinem Nervensystem eröffnen wird. Kompromisslose Malerei weiss am Ende immer mehr über die verborgenen Kräfte in uns als der Maler oder die Malerin.
Fehr ist jedoch auch fasziniert davon, wie sich mit einigen in sein Atelier geratenen Objekten – darunter die versehrten Holzfiguren eines alten «jeux de massacre» vom Flohmarkt, ein Spielzeugauto aus der Kindheit, ein Knochen aus dem Schlossfriedhof – ganze Welten voller Abgründe aufbauen lassen. Nicht wenige der in den Wohngemächern des Schloss Greyerz präsentierten Stillleben haben insofern eher den Charakter duchampscher Umkehrungen, Aufhängungen und Verknüpfungen von Banalem zu gemalten oder gezeichneten Readymades. Einige dieser Kombinationen hat der Gastkurator Jean-Paul Felley sogar real im Parcours versteckt, der dadurch auch zur spielerischen Schatzsuche gerät. Wo fängt das Universum des Künstlers an? Wo hört es auf?

Die ganze Welt liegt in einer Handvoll von Objekten
Besonders eindrücklich ist in dieser ungewöhnlichen Schau jedoch, wie sich das Denkbild ‹La Maquette›, 2019, in die mit Tapisserien voller üppiger Naturdarstellungen dekorierte «Salle des Medaillons» einschreibt. Darauf wachsen zwei Oberkörper aus dem hellen Malgrund, die eine verkleinerte Ruinenlandschaft wie auf einer Bahre tragen. Der Kontrast zwischen dem Gemälde und seiner Umgebung verstärkt nicht nur die Bedeutung des Bildes. Er enthüllt auch, wie kritisch und zunehmend vereinfacht, zugespitzt Fehrs Malerei trotz ihres nach wie vor eingestandenen Klassizismus ist. Die Tendenz zur Klärung der Konturen der Figuren und der Disposition der Räume in den Bildern gewährt uns dabei auch eine Distanz zu diesen. Wohltuend fühlt man sich in dieser Ausstellung für einmal gerade nicht mit Überzeugungen und Anweisungen bombardiert. Vielmehr bewahren die Szenen ihre Autonomie und ihre Rätselhaftigkeit. Dies setzt sich sogar in den Porträts der Menschen fort, die oft von hinten, versunken in Tagträume oder im Schlaf wiedergegeben sind. Fehrs aus der Stille und der Kontemplation von Naheliegendem geborene Kunst führt uns letztlich zu Erkundungen der Beziehung zwischen unseren eigenen Aussen- und Innenwelten.

Katharina Holderegger ist Kunsthistorikerin, Kuratorin und lebt mit ihrer Familie am ­Genfersee. kholderegger@hotmail.com
 

Bis 
16.10.2022

Marc-Antoine Fehr (*1953, Zürich) lebt in Pressy-sous-Dondin und Zürich

Einzelausstellungen (Auswahl)
2022 ‹Les nuits bourguignonnes›, Château de Gruyères; Musée Marmottan Monet, Paris
2019/20 ‹The Walk of the Blind Man›, Galerie Edizioni Periferia, Luzern; Villa Flor, S-chanf
2019 Galerie Peter Kilchmann, Zürich; Kunstmuseum Olten
2017 Galerie Bernard Jordan, Paris; ‹Nocturne› , Galerie Peter Kilchmann, Zürich
2015 SPAM Contemporary, Düsseldorf; ‹Point de fuite›, Centre culturel suisse, Paris; Hostellerie de Sainte-Hugues, Cluny; ‹Fêtes›, Galerie Peter Kilchmann, Zürich
2011 Helmhaus, Zürich
2011, 2007, 2000, 1997, 1995, 1992 Galerie Jan Krugier-Ditesheim & Cie, Genf, New York und Galerie Ditesheim, Neuchâtel
2006 Thomas Ammann Fine Art, Zürich
2003 Graphische Sammlung ETH Zürich
1995 Galerie Kornfeld, Zürich
1994 Aargauer Kunsthaus, Aarau
1993, 2000 Galerie Silvia Steiner, Biel
1988 Kunstraum Kreuzlingen
1987 Städtische Galerie zum Strauhof, Zürich
1986, 1989 Galerie Brigitta Rosenberg, Zürich
1985 Kunstmuseum Winterthur
1978 Galerie Esther Hufschmid, Zürich

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Marc-Antoine Fehr 09.07.202216.10.2022 Ausstellung Gruyères
Schweiz
CH
Künstler/innen
Marc-Antoine Fehr
Autor/innen
Katharina Holderegger

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