Picasso und El Greco — Nicht nur blau und kubistisch

El Greco · Der heilige Martin und der Bettler, 1597/99, Öl auf Leinwand, 193,5 x 103 cm, National Gallery of Art, Washington. In der Basler Ausstellung rückt das Werk in die Nähe zu Picassos kleinformatigem Aquarell auf Papier, Knabe, ein Pferd führend, 1905/06, Baltimore Museum of Art

El Greco · Der heilige Martin und der Bettler, 1597/99, Öl auf Leinwand, 193,5 x 103 cm, National Gallery of Art, Washington. In der Basler Ausstellung rückt das Werk in die Nähe zu Picassos kleinformatigem Aquarell auf Papier, Knabe, ein Pferd führend, 1905/06, Baltimore Museum of Art

Besprechung

In all seinen Schaffensphasen gebe es Verweise auf den griechisch-spanischen Altmeister. Nun begegnen sich die Individualisten El Greco und Picasso in einer anspruchsvoll-anregenden Ausstellung, die zeigt, wie viel Moderne in El Greco steckt und wie fruchtbar die Auseinandersetzung mit ihm für Picasso war.

Picasso und El Greco — Nicht nur blau und kubistisch

Basel — Gleich zweimal kann man auf der Federskizze mit allerlei Köpfen und Figuren lesen: «Yo el Greco». Auch auf anderen Blättern ist El ­Greco (1541–1614) Thema, in ernsten, schnauzbärtigen schmalen Köpfen, sogar in Varianten des berühmten ‹Edelmanns mit der Hand auf der Brust›. Alle sind um 1899 entstanden, und nur wenig später, 1901, sollte der junge Künstler und Autor der Blätter das sprühende Selbstporträt ‹Yo Picasso› malen. In Basel aber ist in diesem ersten von fünf Kapiteln neben zwei Beispielen von El Grecos Porträtkunst das ebenfalls 1901 datierte ‹Autoportrait› zu sehen: nicht weniger ernste Ruhe ausstrahlend als jene, von statuarischer Intensität, Picassos melancholisch verdunkelter Blauer Periode zugehörig. Deren Höhepunkt ist das Gemälde ‹Evokation (Das Begräbnis Casagemas’)› aus demselben Jahr, ein direktes Echo auf El Grecos Hauptwerk ‹Das Begräbnis des Grafen Orgaz›. Es hatte Picasso in Toledo so beeindruckt, dass er die Erinnerung an den Freund, der sich das Leben genommen hatte, nach ihm gestaltete. Hier, im zweiten Kapitel, wird es zusammen mit anderen in zwei Ebenen aufgeteilten Werken gezeigt – ‹Die Anbetung des Namens Jesu›, ‹Christus am Ölberg›: Man glaubt zu verstehen, was Picasso an diesen ausdrucksstarken El-Greco-Gemälden faszinierte, von der Bewegung, auch der inneren, den Überlängen, der Farbkühnheit und Lichtführung bis zur modernen Raumauffassung. Und hat El Greco nicht auch wesentlich zur Entstehung des Kubismus beigetragen? Angesichts etwa des Faltenwurfs der Gewänder, aus denen Heilige wie Johannes oder Bartholomäus und büssende Magdalenen herauswachsen, und des architektonischen Bildaufbaus glaubt man, so manche Parallele zu Picassos Klarinetten-, Akkordeon- und Mandolinenspielern und seinen Sitzenden zu erkennen.
Wie sehr ihn El Greco weit über die frühen Jahre hinaus noch im Spätwerk beschäftigte, wird in der Basler Schau (Hauptkuratorin: Carmen Giménez) anhand von rund dreissig Werkpaarungen verdeutlicht, oft überraschend, manchmal erst auf den zweiten Blick überzeugend. Andere Male wieder ergeht es wohl manchen so wie mir: Es ist völlig gleichgültig, welcher Art die Verbindungen des Altmeisters zum 340 Jahre Jüngeren sind – der vergleichende, suchende Blick macht wach. So im letzten Kapitel mit Picassos ‹Kreuzigung Christi›, 1930, in schier heiteren Farben und El Grecos leuchtendem Spätwerk ‹Christus vertreibt die Händler aus dem Tempel›, ganz zu schweigen vom atemberaubend schönen, himmelwärts ragenden ‹Der heilige Martin und der Bettler›, 1597/99, mit dem heimatlichen Toledo in der Tiefe. 

Bis 
25.09.2022

→ ‹Picasso – El Greco›, Kunstmuseum Basel, bis 25.9.; Katalog (Hatje Cantz) ↗ kunstmuseumbasel.ch

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Picasso — El Greco 11.06.202225.09.2022 Ausstellung Basel
Schweiz
CH
Künstler/innen
El Greco
Pablo Picasso
Autor/innen
Angelika Maass

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