10 Schreibwerkstatt — Oben unten, oben unten

Kulturfolger, Foto. Dominik Zietlow

Kulturfolger, Foto. Dominik Zietlow

Von links nach rechts: Marc Elsener, Christoph Müller und Christian Mühlemann, Foto. Dominik Zietlow

Von links nach rechts: Marc Elsener, Christoph Müller und Christian Mühlemann, Foto. Dominik Zietlow

Von links nach rechts: Martin Heyer, Rita Maya Kaufmann und Andre Will, Foto. Dominik Zietlow

Von links nach rechts: Martin Heyer, Rita Maya Kaufmann und Andre Will, Foto. Dominik Zietlow

10 Schreibwerkstatt — Oben unten, oben unten

Das Büro der Online-Plattform Kulturfolger kommt wie ein kleines Ökosystem daher, in dem andere Gesetze herrschen: Für kurze Zeit gibt es kein Aussen, sondern nur ein Innen, oben wird zu unten, unten zu oben, während Utopie und Dystopie ineinanderfliessen.

Kulturfolger — Hier ist alles etwas anders. Ich öffne die blaue Tür und trete ein in diesen nicht allzu grossen Raum an der Idastrasse 46. Mit demselben knarrenden Geräusch, mit dem die Tür aufgeht, schliesst sie sich auch wieder hinter mir. Der dunkle Holzboden knarzt unter meinen Füssen, als ich durch den Raum laufe. Die Werke sind überall verteilt: Sie stehen auf dem Fenstersims, hängen an den Wänden und von der Decke oder liegen auf dem Boden. Hier ist alles etwas anders. Anders ist auch die eine Wand: Ihre goldene Farbe ist mir gleich aufgefallen und übt nun eine mystische Anziehungskraft auf mich aus. Langsam nähere ich mich den dort hängenden neun Zeichnungen von Rita Maya Kaufmann (*1951). ‹Osmunda regalis›, auf Deutsch «Königsfarn», nennt sich die Serie, wobei auf jedem der neun rauen Papiere die Blätter der archaischen Pflanze dargestellt sind, die seit Jahrtausenden unsere Erde bewohnt. Die schwarze und bräunliche Tusche verläuft leicht ineinander, als ob sich die Pflanze auch in diesem statischen zweidimensionalen Raum noch im Wind bewegen würde. Das Motiv der Pflanze zieht sich durch den gesamten Raum. Gleich neben den Zeichnungen von Rita Maya Kaufmann hängen die digitalen Collagen von Martin Heyer (*1952), an der gegenüberliegenden Wand die Fotografien gelber Frühlingsblumen von Christine Luh Aebi (*1961). Auch das Ölbild ‹Faflerstafel› von Christoph Müller (*1958), das auf dem Boden liegt, greift das Motiv auf. Schaue ich in einen Teich, auf dem Seerosen dicht aneinander schwimmen? Oder an die dicht bewachsene Fassade eines Hauses? Oder hinauf, in die wild verwachsene Krone eines Baums? Wo ist oben, wo unten? Ich blicke nach draussen, um mich zu orientieren; doch eine Spiegelfolie, die an den grossen Fensterfronten angebracht ist, wirft meinen Blick zurück ins Innere.So komme ich mir wie in einer Parallelwelt vor, in einem kleinen Ökosystem vielleicht, in dem andere Regeln und Normen gelten; in dem oben unten ist und unten oben. Eine Welt in der Welt, wie es Andre Willi (*1963) in seiner Installation ‹Sterntaler› darstellt. Diese besteht aus 17 Kugeln aus Plexiglas, die von der Decke hängen. Die einen sind transparent, Moos oder brauner Sand ist in ihnen zu sehen ist. Die anderen sind mit einer tonartigen Masse überzogen, aus der Gesicht, Arme und Beine einer Puppe herausragen, als ob sie versuchen würde, aus der Masse zu entfliehen. So haben einige der Kugeln oder der «Traumwelten», wie Andre Willi sie definiert, etwas Utopisches an sich, während andere die pure Dystopie zu sein scheinen. Vom Traum zum Albtraum.Schliesslich verlasse ich das kleine Ökosystem durch die blaue Tür. Irgendwie froh darüber, nun wieder zu wissen, wo oben und wo unten ist. Doch während mir auf dem Weg nach Hause die kalte Luft ins Gesicht weht, frage ich mich, ob ich das wirklich weiss.

Giulia Bernardi, freie Autorin, giulia.bernardi@outlook.com

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