50 Jahre Bauhaus — Undurchsichtigkeit durchdringen

Marianne Brandt, o.T. (Selbstporträt mit Kamera), 1927–28 (1993), Schwarz-Weiß-Fotografie aus dem Portfolio Marianne Brandt, 10 Schwarz-Weiß-Fotografien, je 24 x 18 cm, 1928 – 1931 (1993), Hrsg. Bauhaus-Archiv, Berlin, Schwarz-Weiß-Fotografie, 17,5 x 22,5 cm, Courtesy: Sammlung Freese

Marianne Brandt, o.T. (Selbstporträt mit Kamera), 1927–28 (1993), Schwarz-Weiß-Fotografie aus dem Portfolio Marianne Brandt, 10 Schwarz-Weiß-Fotografien, je 24 x 18 cm, 1928 – 1931 (1993), Hrsg. Bauhaus-Archiv, Berlin, Schwarz-Weiß-Fotografie, 17,5 x 22,5 cm, Courtesy: Sammlung Freese

Walter Gropius am Tag der Ausstellungseröffnung. Er richtet sich mit einem Megafon an die Demonstant*innen, Schwarz-Weiss-Fotografie, Courtesy: WKV Archiv. Foto: Kurt Eppler

Walter Gropius am Tag der Ausstellungseröffnung. Er richtet sich mit einem Megafon an die Demonstant*innen, Schwarz-Weiss-Fotografie, Courtesy: WKV Archiv. Foto: Kurt Eppler

50 Jahre Bauhaus — Undurchsichtigkeit durchdringen

‹50 Jahre nach 50 Jahre Bauhaus 1968› im Württembergischen Kunstverein Stuttgart trägt viel historisches Material und neue künstlerische Arbeiten zusammen. Sie steckt einen Finger in eine schmerzhafte Wunde, die 1968 aufriss und nie verheilte. Damit räumt sie mit Klischees des «Mythos» Bauhaus auf.

Stuttgart — Als der ehemalige Bauhausdirektor Walter Gropius eine Ausstellung zum 50-fünfzigjährigen Jubiläum des Bauhauses im Württembergischen Kunstverein mitgestaltete schrieb er massgeblich deren Rezeptionsgeschichte um. Dass diese Jubiläumsleistungsschau zudem auf eine Schliessungsdrohung der Kunsthochschule Ulm fiel, war wohl Zufall der Geschichte. Liest man beide Ereignisse unter den damaligen geschichtlichen Umbrüchen, der Revolten in Paris und Deutschland, die explizit eine Abrechnung mit den autoritären Regimen der ersten Hälfte des 20. Jh. darstellen, ergibt sich im Rückblick eine Dringlichkeit der Re-Lektüre des Bauhausrezeption. 

Der erste grosse Bruch und Hinwendung zum herrschenden Machtdispositiv in der Bauhausgeschichte war die Absetzung des progressiven Bauhausdirektors Hannes Meyer 1930 durch das konservative Bürgertum sowie die Einsetzung Architekten Ludwig Mies van der Rohe als Nachfolger. Van der Rohes Lebensgeschichte – wie diejenige vieler anderer – steht für Opportunismus während der Naziherrschaft. Die Ausstellung unter Gropius war darauf bedacht Hannes Meyer als Verräter darzustellen und das Bauhaus als apolitisch zu zeigen, was jedoch Geschichtsklitterung war. 

Dass das Bauhaus ein schweres Erbe ist wird an einem Satz deutlich: «Denn ist das ‹Bauhaus› nicht der name einer inspiration, dann ist es die name einer doktrin, die ohne inspiration tod ist.» Er stammt aus einem Briefwechsel in den Fünfzigerjahren von Asger Jorn, seines Zeichens Situationist und Mitbegründer des Bauhaus Imaginist. Das Gegenüber war der Ulmer Kunstschuldirektor Max Bill, auch einer der Bewahrer. Aktionistische Praktiken – wie der Situationisten um Jorn – wie auch die Promenadologie des Lucius Burckhardt finden Platz in der Ausstellung weil sie explizit mit modernistischen Praxen brachen. Zeitgenössische künstlerische Positionen wie etwa der israelische Künstler Yochai Avarahmi der die Geschichte der Familie Gal aufarbeitet, eine assoziativ geführte Verbindungslinie zwischen Bauhaus und dem Maschinenpistolenerfinder Uzi Gal. 

Die gezeigten Ausstellungsstücke sind Steinchen im vielstimmigen Mosaik, in dem es um die Aufdeckung der Verstrickung zwischen Architektur, Design und Kunst mit dem militärisch-industriellen Komplex geht. Die Dispositive müssen neu gelesen werden um ein neue Sicht zu bekommen. Das führt manchmal auch zu einer neuen Unübersichtlichkeit, doch es ist keine verunglimpfende mehr wie in der Vergangenheit. Die 68-Revolte hat also Erfolg, denn diese Re-Lektüre ist der Beweis. Oder um es ein wenig poppiger zu sagen: Keine Macht für niemand - das passt auch zu dieser Ausstellung.

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50 Jahre nach 50 Jahre Bauhaus 1968 05.05.201823.09.2018 Ausstellung Stuttgart
Deutschland
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Autor/innen
Stefan Wagner

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