Centre d’art Neuchâtel — Rümpfe, Glieder, Öffnungen

Louisa Galgiardi, Electric Sleep› 2018
, ‹Tronc Mental›, Centre d’art Neuchâtel,. 2018 (Werke von Sarah Masüger und Adrian Kiss). Foto: A. Satus

Louisa Galgiardi, Electric Sleep› 2018
, ‹Tronc Mental›, Centre d’art Neuchâtel,. 2018 (Werke von Sarah Masüger und Adrian Kiss). Foto: A. Satus

Louisa Galgiardi, Electric Sleep› 2018
, ‹Tronc Mental›, Centre d’art Neuchâtel,. 2018 (Werke von Sarah Masüger und Adrian Kiss). Foto: A. Satus

Louisa Galgiardi, Electric Sleep› 2018
, ‹Tronc Mental›, Centre d’art Neuchâtel,. 2018 (Werke von Sarah Masüger und Adrian Kiss). Foto: A. Satus

Centre d’art Neuchâtel — Rümpfe, Glieder, Öffnungen

Neuenburg — In der aktuellen Ausstellung ‹Tronc Mental› im CAN schafft der diesmal individuell als Kurator wirkende Martin Widmer des sonst meist kollektiv funktionierenden Teams Verbindungen zwischen drei kühnen Kunstschaffenden jüngerer Generation. Adrien Kiss (*1990), Louisa Galgiardi (*1989) und Sara Masüger (*1978) beschäftigen sich ohne Scheuklappen mit dem Schicksal des menschlichen Körpers. Wie selbstverständlich laden sie das kunsthistorisch unendlich belastete Thema mit den täglichen News von Entdeckungen oder Erfindungen auf, die Essen, Arbeiten, Wohnen, Gesundheit, Fortpflanzung, ja sogar den Tod schon bald umdefinieren könnten.

Der Rundgang durch die Ausstellung beginnt mit auf Schamhöhe an die Wand angebrachten Amphorenmündern aus Ton von Adrian Kiss, die einen unvermittelt in einen körperlichen Bezug zu den darin gezeigten Werken bringen, selbst wenn sie in sehr körperfernen, spitzwinkligen Formen daher kommen. Dies ist in der Tat bei seinem Leuchtturm ‹Altar› und seiner Doppelmatratze ‹Y-Gate› im nächsten Raum der Fall, die auf die modernistische Ästhetik im Ostblock verweisen, wo der aus Rumänien stammende Künstler heute wieder lebt, genau in Budapest. Diese Werken verweisen so auf den politischen Willen, der zwangsläufig mit Massnahmen einhergeht, die auf die Umgestaltung des Lebens zielen, auch wenn dies die kommunistische Partei – vom Doping von Sportlern/-innen und Soldaten/-innen einmal abgesehen – eher noch durch eine radikale Umgestaltung der Umgebung des Menschen zu erreichen suchte. Die an Seilrutschen aus Kabeln baumelnden Riesenrümpfe aus Sitzpolstern mit wiederum den gleichen Amphorenmünder auf Schamhöhe wie am Anfang der Ausstellung, führen jedoch die künftigen Systemen vermutlich mehr und mehr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten einer direkten Umwandlung der Menschheit vor Augen, etwa in eine neue nicht mehr in männliche und weibliche Spezimen geteilte Titanengattung, die aber nicht weniger überdreht ist und nach hedonistischem Spass giert wie der sogenannte homo sapiens.

Auch die um die Doppelmatratze und den Leuchtturm gehängten noch unbearbeiteten Metallgüsse von Masüger von gleich ganzen Sätzen von Händen, Füsse und Ohren werfen ähnlich die Frage auf, ob wir uns vielleicht bald genauso gestalten können,  wie die akademischen Kunstschaffenden seit der Renaissance verfuhren. So erreichten diese durch das Verbinden der jeweils schönsten Teile der schönsten Frauen und Männer in ihren Gemälden und Skulpturen eine göttliche Schönheit menschlicher Körper, die oft ebenfalls zum Androgynen tendierte. Die an den Wänden um die Riesenrümpfe aus Sitzpolstern gehängten nur stellenweise mit Lacken und Farben erhöhten Digitalbilder von Galgiardi sprechen hingegen vonKörpern, die sogar weder sexuell noch ethnisch bestimmbar sind. Faszinierend wecken sie Erinnerungen an die wie Maschinen strukturierten Körper Légers. In ihnen ist jedoch auch etwas der verstörenden Farbigkeit des französischen Fauvismus und der verwirrenden Räumlichkeit des deutschen Expressionismus, wenn nicht der Himmel und der Höllen Goyas. Die Gemälde Galgiardi scheinen zu sagen, dass zwar alles daran ist, sich zu etwas noch viel Übernatürlicherem zu verändern, aber wir in unseren Körpern eingesperrt bleiben und sich zwischenmenschliche Beziehungen nach wie vor heikel gestalten werden, ja wir vielleicht trotz aller künftiger Biotechnik und Biopolitik stets Formen von Arbeit, Leiden und Sterben kennen werden. So fungiert das auf die Ikonographie von Christus als Leichnam anspielenden Bild ‹Electric Sleep›, auf dem eine erstarrte Figur wie von Dämonen oder Engeln umzischt wird, wie eine letzter und sehr langer Gedankenstrich in der Ausstellung. 

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