Einebnung des Akropolis-Hügels — Chronik eines angekündigten Verbrechens

Akropolis, Stahlbeton Terrassierung, 2020/2021. Foto: Tasos Tanoulas

Akropolis, Stahlbeton Terrassierung, 2020/2021. Foto: Tasos Tanoulas

Akropolis, Stahlbeton Terrassierung, 2020/2021. Foto: Tasos Tanoulas

Akropolis, Stahlbeton Terrassierung, 2020/2021. Foto: Tasos Tanoulas

Akropolis, Stahlbeton Terrassierung, 2020/2021. Foto: Tasos Tanoulas

Akropolis, Stahlbeton Terrassierung, 2020/2021. Foto: Tasos Tanoulas

Tasos Tanoulas, Architekt, Restaurator, Architekturhistoriker, tätig von 1976-2010 im Hellenic Ministry of Culture für die Restaurierung von Antiken Monumenten, zuständig für die Propyläen.

Tasos Tanoulas, Architekt, Restaurator, Architekturhistoriker, tätig von 1976-2010 im Hellenic Ministry of Culture für die Restaurierung von Antiken Monumenten, zuständig für die Propyläen.

Akropolis, Stahlbeton Terrassierung, 2020/2021. Foto: Tasos Tanoulas

Akropolis, Stahlbeton Terrassierung, 2020/2021. Foto: Tasos Tanoulas

Akropolis, Wassersammelstellen, 2020/2021. Foto: Tasos Tanoulas

Akropolis, Wassersammelstellen, 2020/2021. Foto: Tasos Tanoulas

Akropolis, verschiedene Lagen von Beton, 2020/2021. Foto: Tasos Tanoulas

Akropolis, verschiedene Lagen von Beton, 2020/2021. Foto: Tasos Tanoulas

The platfotm before the east front of the Propylaia, looking east. The Parthenon on the right, the Erechtheion on the left, March 22, 2021. Photo: Tasos Tanoulas

The platfotm before the east front of the Propylaia, looking east. The Parthenon on the right, the Erechtheion on the left, March 22, 2021. Photo: Tasos Tanoulas

Dimitris Pikionis, Path on the Filoppapou hill, built 1954-1958. Photo: Werner Egli

Dimitris Pikionis, Path on the Filoppapou hill, built 1954-1958. Photo: Werner Egli

Einebnung des Akropolis-Hügels — Chronik eines angekündigten Verbrechens

Seit Ende 2020 finden auf dem Akropolis-Felsen alarmierende Veränderungen statt, die sowohl sein Aussehen als auch seine Authentizität auf unwiderrufliche Weise verändern. Die emblematischste archäologische Stätte Griechenlands wird durch riesige Mengen Stahlbeton plafoniert, und es wird erwartet, dass bis zum Sommer 2021 weitere dramatische Veränderungen stattgefunden haben werden. Diese Vorgänge werfen grundsätzliche Fragen auf – nach der Balance von Public-Private Partnership und danach, inwieweit kulturelle Denkmäler für Touristenströme zugänglich gemacht werden können, ohne ihre Substanz zu zerstören.

Die bisherigen Eingriffe auf der Akropolis verliefen reibungslos und schnell, unter Umgehung des institutionellen Rahmens, der für jegliche Arbeiten an den Denkmälern der Antike, insbesondere an der Akropolis (UNESCO-Weltkulturerbe, 1987), gesetzlich und verfassungsrechtlich vorgeschrieben ist. Gleichzeitig bemühte sich das Ministerium, im Schnellverfahren die notwendigen Genehmigungen für seine institutionelle Legitimation nachträglich zu erlangen. Die Hauptakteure des Eingriffs sind: Antonis Papadimitriou, der mächtige Präsident der Onassis-Stiftung, welche die «Aufwertung der Infrastruktur» auf dem Akropolis-Felsen als «Teil einer grösseren Strategie» bezüglich des Profils von Athen finanziert, Professor Manolis Korres, ein Architekt der Akademie von Athen, ehemaliger Leiter des Parthenon-Restaurierungsprojekts bis 1998, der für die wissenschaftliche Absicherung sorgt, und Lina Mendoni, die Kulturministerin der Regierung Mitsotakis. 

Obwohl bereits heute der Weg zum Parthenon durch eine für Touristen angelegte Stahlbetonallee unwiderruflich verunstaltet ist, ist sie angeblich ganz nach Vorschrift errichtet worden. So stellte es jedenfalls die Kulturministerin Mitte April vor dem griechischen Parlament dar, als sie (mit nicht wenig Ironie) auf die Proteste der Opposition reagierte. Dennoch schwillt jetzt eine beispielslose Welle von griechischen Kulturinteressierten und internationalen Experten gegen diese Schändung der Akropolis an. Dahinter stellten sich seit Beginn die renommiertesten Archäologinnen, Historiker, Intellektuelle, Architektinnen, Kunsthistoriker, Hellenistinnen usw. aller politischen Richtungen, ausgenommen der extremen Rechten. Anfang März wurde eine Petition lanciert, welche die Einrichtung institutioneller Verfahren für solche Fälle zum Ziel hat.

Es ist geplant, horizontale Terrassen für Touristen auf verschiedenen Ebenen zu errichten, die «zur richtigen Würdigung» des Denkmals beitragen sollen. Der Plan sieht auch vor, eine «römische Treppe», wie sie im 1. Jh. n. Chr. am westlichen Zugang zur Akropolis bestand, aus Marmor zu rekonstruieren. Die sogenannte «Wiederherstellung des Panathenäischen Wegs», des antiken Prozessionsweg zum grössten religiös-politischen Fest zu Ehren der Göttin Athene, soll gemäss der Pressemitteilungen des Kulturministeriums genutzt werden, um Touristenmassen zu bewegen.

Was «sehen» die Demonstrierenden? Sie «sehen», dass die Eingriffe das sorgfältige Gleichgewicht zerstören, das seit der Antike auf dem Felsen der Akropolis zwischen der natürlichen Landschaft und den architektonischen Gebäudemassen (Parthenon, Erechtheum, Propyläen, Tempel der Athena Nike) herrscht. Die Fläche des Akropolis-Felsens beträgt etwa 27 Hektaren und die Gebäude nehmen 1/3 dieser Fläche ein. Der Rest wurde kahl gelassen. Mit den neuen Bauten wird praktisch die gesamte Fläche des Denkmals mit Stahlbeton bedeckt. Die Naturlandschaft und der Fels werden als Naturdenkmal entwertet, es gibt keine Regenwasserbewirtschaftung, der Neubau wird den Urfelsen zerstören, die wertvollen archäologischen Zeugnisse verschiedener Epochen, Spuren von Denkmalfundamenten etc. werden nicht wie bei früheren Eingriffen aus einer wieder entfernbaren Beton-Sand-Mischung überdeckt, sondern verschwinden für immer unter Stahlbetonplatten.

Es war Tasos Tanoulas, der Architekt, der seit mehr als drei Jahrzehnten für das Propyläen-Restaurierungsprojekt verantwortlich ist, der als erster Informationen und wissenschaftlich fundierte Kritik zum umfangreichen Betonierungsprojekt auf der Akropolis veröffentlichte. Er wies darauf hin, dass bei früheren Vorgehen ein sehr sorgfältiger Betonaufbau benutzt wurde, so dass die Eingriffe reversibel blieben. Die Wege nahmen die Unregelmässigkeit des Geländes auf, so dass der Hügel mit den antiken Bauten weiterhin als Einheit wahrgenommen wird. Zudem war der poröse hitze- und wasserabsorbierende Beton auch aus klimatischen und ökologischen Gründen dem Terrain angepasst und hätte den touristischen Ansprüchen auch weiterhin genügt, wenn die Besuchermassen über Zeittickets besser über den Tag verteilt wären. Erst dann, im November 2020, kam die erste offizielle Erklärung des Kulturministeriums, die besagte, dass der Eingriff notwendig sei, um den Zugang für Menschen mit Behinderungen zu erleichtern. Eine spätere Erklärung bezog sich auf die Notwendigkeit, das grosse Besucheraufkommen zu bewältigen: 2018 waren es insgesamt 3'150’604 Personen und 2019 waren es 3'593’586. 

 

Manöver

Im September 2020 wurde die neue, spektakuläre und viel beworbene Beleuchtung des Felsens der Akropolis in Anwesenheit der Staatspräsidentin Katerina Sakellaropoulou und des Premierministers Kyriakos Mitsotakis gefeiert, und im Dezember wurde der Bau des Schrägaufzugs für Personen mit Mobilitätseinschränkungen abgeschlossen (dieser ersetzte den 2004 installierten Plattformlift). Beide Projekte wurden durch eine Spende der Onassis-Stiftung in Höhe von 1,7 Millionen Euro realisiert. Als sich daraufhin negative Kritik zur Betonierung verbreitete, verteidigte Manolis Korres, der Vorsitzende des Komitees für die Erhaltung der Akropolis-Denkmäler (ESMA) die erste Phase der Stahlbetonpflasterung als Auftakt einer grösseren Intervention, die allerdings vom Kulturminister noch nicht offiziell kommuniziert worden war. Fast drei Monate später, am 2. Februar 2021, legte die ESMA dem Zentralen Archäologischen Rat (KAS), dem höchsten Beratungsgremium für archäologische Fragen, dem auch Korres angehört, ihren Vorschlag für einen weiteren, ebenso grossen Eingriff vor, der in der Einebnung des Akropolis-Plateaus in mehreren Terrassen besteht. Der Vorschlag wurde einstimmig angenommen, obwohl keine Studie dazu vorgelegt worden ist – was sonst bedingungslose Grundlage für eine Stellungnahmen des Rates ist.

Die Reihe an imperialen Eingriffen auf der Akropolis wurde seit dem 28. Februar 2020 ununterbrochen fortgesetzt, als der Schenkungsvertrag in Höhe von 1,7 Mio. Euro zwischen dem griechischen Staat und der Onassis Public Benefit Foundation als Spender unterzeichnet wurde. Mitte April 2021, als der Kulturminister zum ersten Mal vor dem Parlament Rechenschaft über diese Manöver ablegen musste, argumentierte der Archäologe Mendoni, dass alles «in Übereinstimmung mit dem Gesetz 4182/2013» geschehen sei.

 

Wie man das symbolische Kapital nutzt

Alles hätte anders kommen können, wenn die Hauptakteure in dieser Angelegenheit andere Sensibilitäten und ein anderes Pflichtbewusstsein gezeigt hätten. Stattdessen verbündeten sie sich, um das symbolische Kapital der Akropolis politisch und ideologisch zu nutzen. In einer Zeit der vielfältigen Krisen und des offensichtlichen Versagens bei der Bewältigung der Pandemie bedient sich die politische Führung des kulturellen Erbes der Antike, um innen- und aussenpolitisch für sich zu werben. Sie verknüpft das nationale Prestige des Landes mit einer privaten Initiative und verlagert die Bedeutung der Sozialpolitik in den Bereich der Wohltätigkeit. Der Schifffahrtsgigant Onassis seinerseits erneuert und verbessert sein soziales Profil sowie seine Sichtbarkeit, indem er seinen unternehmerischen Geist mit dem Glanz eines der führenden Symbole der Geschichte der Zivilisation und der Demokratie verbindet. Es ist kein Zufall, dass der Schenkungsvertrag die Anbringung einer Gedenktafel mit dem Namen des Sponsors Onassis auf der Akropolis vorsieht.

Natürlich ist dies nicht das erste Mal, dass das Kulturministerium eine Partnerschaft mit dem privaten Sektor eingeht. Im Gegenteil, in einem Land, das von einer jahrzehntelangen finanziellen und humanitären Krise geplagt wird, ist eine solche Partnerschaft offenbar eine fast unabdingbare Voraussetzung, um einige Projekte im Bereich der Kultur voranzubringen, die seit einem halben Jahrhundert nur sehr spärliche Mittel aus dem zentralen Staatshaushalt erhalten. Seit 2008, dem Beginn einer Periode schwerer sozialer Unruhen, ergriffen mehr und mehr gemeinnützige Stiftungen oder private Organisationen die Initiative zu Spenden oder Partnerschaften mit Regierungsbehörden. Andere sind dazu übergegangen, Geschäftsgewinne in Programme zu investieren, die das kulturelle Leben stimulieren wollen. Bis jetzt fokussierten die Aktivitäten dieser mit mächtigen Wirtschaftsverbänden verflochtenen Organisationen, die sich günstige Bedingungen oder Zugeständnisse vom Staat gesichert haben, hauptsächlich auf die Produktion und Vermittlung von zeitgenössischer Kultur. Ein Beispiel ist das Kulturzentrum mit der Nationalbibliothek und Oper, das die Stavros Niarchos Stiftung 2018 dem griechischen Staat geschenkt hat. Im aktuellen Fall sprach nun jedoch die Kulturministerin Lina Mendoni von einer «Aufwertung des Images der Akropolis» und unterstützt Korres, der die «Monumentalität» und «Authentizität» des Aufstiegs zu den Propyläen wiederherstellen will. Doch was bedeuten diese Worte?

Bis jetzt dachte man, dass das kulturelle Erbe des modernen Griechenlands in der Verantwortung des Staates liegt, als starkes Element der nationalen Identität, verbunden mit der Schaffung des neohellenischen Staats, nach Ende des Unabhängigkeitskrieg gegen die Ottomanen 1830. Das energische Auftreten der Onassis-Stiftung in diesem Bereich signalisiert einen neuen Ansatz in Bezug auf die Verwaltung und mögliche Neuausrichtung des kulturellen und symbolischen Kapitals Griechenlands (wie Pierre Bourdieu es formuliert hat). Dies ist äusserst bedenklich, gerade weil diese Interventionen mit einer willkürlichen Eigendynamik vor sich gehen, der es an Erfahrung und wissenschaftlichem Austausch fehlt, und die auf kontroversen ideologischen Parameter basiert. Vor allem aber fehlt ein spezifischer rechtlicher Rahmen, der ähnliche Initiativen des privaten Sektors lenkt, den öffentlichen Charakter der Kultur schützt und die Pflicht des Staates unterstreicht, dem Gemeinwohl zu dienen.

Erhellend ist ein Spaziergang auf dem Hügel Filoppapou gegenüber der Akropolis. Hier hat der griechische Architekt Dimitris Pikionis in den Fünfzigerjahren auf pionierhafte Weise die Fusswege neu gestaltet und damit ein Land Art Projekt geschaffen, lange bevor dieser Begriff im internationalen Kunstbetrieb geprägt wurde. Sein Pfad mit gefundenen und zugeschnittenen Steinplatten ist so selbstverständlich in die natürliche Umgegung eingepasst, dass man oft nicht weiss, welche Teile neu gestaltet wurden, welche frühere Generationen gelegt haben und welche schon immer zum felsigen Untergrund gehörten. Ein bisschen mehr Sensibilität im Umgang mit dem Vorhandenen hätte auch beim Umgang mit dem Gesamtkunstwerk auf dem gegenüberliegenden Felsrücken gut getan.

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Kommentar — Trauer, Wut, Kampf
Was jetzt auf dem heiligen Felsen der Akropolis getan wurde, hat sowohl die Authentizität der antiken Stätte gestört als auch Schäden verursacht, die möglicherweise nicht mehr rückgängig gemacht werden können.

Während die neuen Gehwege – grossflächige Plattformen aus Stahlbeton – vorgeblich den Zugang für Behinderte erleichtern sollen, dienen sie in erster Linie den Horden von Touristen, ohne Planung und Managementstrategien für die Touristen oder das Monument selbst. Zusätzlich, und das ist beunruhigend und gefährlich, sind Betonterrassen geplant, die angeblich das ursprüngliche Bodenniveau der Antike auf dem Akropolis-Plateau wiederherstellen sollen, während westlich der Propyläen eine monumentale Treppe aus dem 1.Jh. n.Chr. wieder errichtet werden soll. Die fertiggestellten Pflasterungen sollen lediglich den Panathenäischen Weg darstellen.

Wie können solche Eingriffe erfolgen, bevor irgendeine Forschung durchgeführt wurde? Was genau ist die Position Griechenlands oder besser der griechischen Regierung in Bezug auf das ikonische Monument der Menschheit, das auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO steht? Erlaubt sie die Umsetzung der Absichten von Behörden, die nicht der griechischen und internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft und den Genehmigungsverfahren vorgelegt wurden? Erfüllt sie die Wünsche privater gemeinnütziger Stiftungen, die Denkmäler umgestalten wollen, als gäbe es kein Morgen. Kann man überhaupt einen Preis auf das symbolische Kapital eines Denkmals wie der Akropolis setzen? Wer hat das Recht, ihr Aussehen zu verändern, ihre Denkmäler zu verletzen, die Spuren ihres jahrhundertealten Lebens und die Beweise ihrer Nutzung zu vernichten? 

Das löst Trauer, Wut, aber auch den Kampf und den Wunsch aus, das Denkmal vor Überheblichkeit zu schützen.

Kommentar: Maria Terzoude, Archäologin im Nationalen Archäologischen Museum 

Fotos: Tasos Tanoulas, Architekt, Restaurator, Architekturhistoriker, Mitarbeiter von 1976-2010 am Hellenic Ministry of Culture für die Restaurierung von Antiken Monumenten, zuständig für die Restaurierungs Projekt der Propyläen.

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