Erik Bulatov und Andrej Molodkin — ‹The Black Horizon›

Erik Bulatov, НАСРАТЬ/Shit On (2018 - 2019), Öl auf Leinwand, Installation aus 14 Gemälden 3x6 m, und 3x3 m. © Donald Van Cardwell

Erik Bulatov, НАСРАТЬ/Shit On (2018 - 2019), Öl auf Leinwand, Installation aus 14 Gemälden 3x6 m, und 3x3 m. © Donald Van Cardwell

Andrej Molodkin, Young Blood, (2019) Installation mit Lichtboxen, Pumpen, Compressor und digitale Projektionen. © Donald Van Cardwell

Andrej Molodkin, Young Blood, (2019) Installation mit Lichtboxen, Pumpen, Compressor und digitale Projektionen. © Donald Van Cardwell

Erik Bulatov, ВСЕ НЕ ТАК СТРАШНО/ Everything`s Not So Scary (2016), Skulptur aus Stahl, teilweise rot bemalt, Höhe: 8 m. © Donald Van Cardwell

Erik Bulatov, ВСЕ НЕ ТАК СТРАШНО/ Everything`s Not So Scary (2016), Skulptur aus Stahl, teilweise rot bemalt, Höhe: 8 m. © Donald Van Cardwell

Erik Bulatov, ВСЕ НЕ ТАК СТРАШНО/ Everything`s Not So Scary (2016), Skulptur aus Stahl, teilweise rot bemalt, Höhe: 8 m. © Donald Van Cardwell

Erik Bulatov, ВСЕ НЕ ТАК СТРАШНО/ Everything`s Not So Scary (2016), Skulptur aus Stahl, teilweise rot bemalt, Höhe: 8 m. © Donald Van Cardwell

Andrej Molodkin und Erik Bulatov in der Ausstellung. ©Anthony Martin

Andrej Molodkin und Erik Bulatov in der Ausstellung. ©Anthony Martin

Erik Bulatov und Andrej Molodkin — ‹The Black Horizon›

In der Ausstellung der zwei in Paris lebenden russischen Künstler Erik Bulatov und Andrej Molodkin im BPS22 Hainaut Province's Museum of ArtCharleroi (Belgien) werden zwei Pole der sozial-politisch bezogenen Affekte in Szene gesetzt: die individuelle Distanzierung und die kollektive körperliche Anteilnahme. 

Charleroi — Die gemalten Worte von Erik Bulatov (*1933) erschienen zum ersten Mal öffentlich in der Kunsthalle Zürich im Jahr 1988. Mit der von Claudia Jolles kuratierten Einzelausstellung bekam der Künstler aus der Sowjetunion mit 55 Jahren die erste Ausstellungmöglichkeit seines Lebens. Auf dem für das Poster verwendeten Gemälde überdeckte wiederholt das rote Wort «Einstimmig/ Единогласно» die Abbildung der synchron abstimmenden Deputaten des sowjetischen Parlaments. Das letzte ins Bild gesetzte Wort des inzwischen in Paris lebenden Künstlers erklingt gemäss seiner eigenen Zusicherung im belgischen Charleroi im Rahmen der Duettausstellung ‹Black Horizon›. Das in manchen westeuropäischen Medien bereits zensurierte Wort «насрать [nasrat`]», zu Deutsch = «Scheiss drauf» oder auch „ist egal“, bezeichnet er als eine Art Testament. Es muss allerdings aufmerksam gelesen werden, um nicht missverstanden zu bleiben. 

Das Werk von Bulatov ist wie immer präzise kalkuliert. Diesmal reduziert auf den Dreiklang Schwarz, Weiss und Rot und im Überformat greift es den Raum der ehemaligen Fabrik auf, der die ideale Bedingungen für die transitive Zentralperspektivierung der Gemäldeserie bietet. Das rote «Scheiss drauf» verdeckt den Fluchtpunkt und verwandelt die Architektur in eine scheinbar nihilistische transzendentale Konstruktion. Der ‹Schwarze Horizont› aus dem sich wiederholenden Fluch «scheiss drauf» stellt das historische Update des ‹Roten Horizontes› von 1972 dar. Auf diesem bekannten Gemälde Bulatovs versperrt ein roter Rollteppich einer Gruppe sowjetischer Menschen die Weitsicht in einen blauen Himmel über dem ebenfalls tiefblauen Meer.

Für seine Installation ‹Young Blood›  lässt der ebenfalls in Paris lebende Andrej Molodkin (*1966) die Ausstellungsbesucher Blut spenden, das die Lichtboxenskulpturen mit gesetzlich zensurierten Propagandaslogans aus der extremistischen Musikszene rot färben und «beleben» soll. Wie der russische Revolutionär und Systemtheoretiker Alexander Bogdanov, der vor hundert Jahren radikale kunsttheoretische Programm des Produktivismus (1) prägte, setzt Molodkin die Bluttransfusion ein, um die Solidarität einer Gemeinschaft im kontrovers-utopischen (Kunst)Projekt materiell zu verwirklichen. Sowohl bei der Auswahl der ultraaggressiven Slogansfür die Installationals auch bei ihrem Auffüllen mit eigenem Blut haben die Partizipanten freiwillig abgestimmt – auf einer ganz anderen Ebene der Diskussion – so Molodkin. Ich versuche zu verstehen, was die zwei so verschiedenen Künstler in einem gemeinsamen Ausstellungprojekt verbindet und was trennt? 

Zuerst war es die alte Stahlgiesserei in der südfranzösischen Provinz, die Molodkin aufkaufte, um dort eine kollektive Künstlerwerkstatt einzurichten. Erik Bulatov wurde auch von ihmeingeladen.Jeder der beiden Künstler hat seinen eigenen generationenbedingten Bezug zur Fabrik. Bulatov wuchs in der Zeit der sowjetischen Industialisierung auf, in der die Stahlgiesserei ein wirtschaftlich und ideologisch führender Wirtschaftszweig war. Der dreissig Jahre jüngere Molodkin gehört zu der Generation, welche die einstigen industriellen Energieflüsse in einen neuen Kreislauf der künstlerischen Produktion umlenkt. Die von Künstlern belebte Fabrik begeisterte Bulatov und gab dem überzeugten Ateliermaler zum ersten Mal die Gelegenheit raumergreifende Objekte industriell herzustellen, oder, gemäss seiner Aussage, die Ausweitung seines «Tableaus»in einen realen Raum auszutesten. 

Beide Künstler arbeiten auch mit der visuellen Kraft von Worten. Während Bulatov Partikel von Alltagsgerede monumentalisiert, rezykliert Molodkin fluide Lebensstoffe wie Blut oder Öl in Gefässformen der schriftlichen Sprachsequenzen(bitte so lassen, „Sprache“ ist ein Überbegriff). Beide versuchen, jeder Form von künstlerischer Subjektivität zu entgehen. Bulatov hilft dabei die Standardisierung der Schrift und die Normierung der Bildsprache: Das Wort dringt in sein Werk als Zitat aus dem sowjetischen Alltag, seine grafische Form und energetisch-operationale Wirkung verdankt es der konstruktivistischen Plakatgrafik. Molodkin bedient sich dagegen der präsubjektiven Formlosigkeit der organischen Materialien und der sich permanent ändernden Verfügbarkeit des Internets. In seiner Installation an der Biennale von Venedig 2009 trifft das Blut der in den tschetschenischen Krieg geschickten russischen Soldaten auf das in diesem Krieg gewonnene Erdöl. Nach der Zensurierung der Arbeit im russischen Pavillon bleib ihre kritische Botschaft zwar lesbar, doch die soziale und geografische Konkretheit in Form einer Namensliste der beteiligten Soldaten wurden geopfert. (2) Auch die Farbe Rot vereinigt die in der Ausstellung untergebrachte Slogans. Im streng kodifizierten System Bulatovs bedeutet Rot „der soziale Raum“, der seine „natürliche Freiheit“ suchenden Künstler zu absorbieren droht. Molodkin lässt im Rot des Blutes das biologische und das soziale Leben immanent binden. An die Wände projiziert erinnern sprudelnde Blutwellen an wehende rote Fahnen. Was spielen die von Molodkin inszenierte Metabolismen aus: Kausalität der politischen Beteiligung, posthuman regulierte Kombinatorik der Kraftströme, ewige Wiederkehr der gesellschaftlichen (Selbst)Zerstörungszwänge und die damit verbundenen Ängste, die böswillige Alchemie der humanitären Katastrophen? 

«Alles ist nicht so schlimm/Всё не так страшно» – antwortet darauf der eiserne Turm von aufeinander gestapelten Worten von Bulatov. Der Wolkenbügel zahnt aus seinem Obergeschoss und der hinaufragende Keil der unteren «A» scheint das «Alles» zu zerschlagen. Die zunächst harmlose Aussage erhält in der dreidimensionalen Realität zusätzlichen Spielraum und verwandelt sich in eigenes Vexierbild. Nicht nur die Tradition der russischen Avantgarde, sondern auch die anagrammatische Permutationen des Franzosen René Magritte gehören zu Bulatovs Instrumentarium. Wenn einem im Erdgeschoss «Alles nicht so schlimm» erscheint, liest man aus dem Blickwinkel der Empore: «Alles ist nicht so. SCHLIMM»/ «Всё не так. СТРАШНО». Zudem werden weitere Variationen möglich: 

«Alles» ist nicht so schlimm. «Все» – не так страшно.

Alles. Ist nicht so schlimm. Всё. Не так страшно.

Alles ist nicht so rasch. Все не так раш.

Alles ist nicht so, Russia Все не так, раш.

Die tröstende Behauptung ist nichts als ein Bündel alternativer Möglichkeiten, deren Optimismus von subjektiven Lebenserwartungen und Standpunkt der Betrachter abhängt. 

Alle früheren Gemälden Bulatovs zeigten ein aus vielen Vorzeichnungen gewonnenes Ergebnis, das eine subjektive Wahrheit hinter einer objektivierten Bildsprache präsentierte. Es ging in der Regel um die Wahrheit der individuellen Freiheit, die für den im totalitären Staat gross gewordenen Künstler ihre einzig mögliche Form ist. Wenn die frühsowjetische Theoretiker des Produktivismus in den Zwanzigerjahren durch die Abwendung von der Staffeleikunstals individueller Schaffensform eine neue Freiheit der kollektiven sozialen Partizipation gewinnen wollten, erleben die Künstler der spätsowjetischen Generation ihren individuellen EXIT durch das Gemälde. Zentralperspektivische Flucht kristallisierte sich beim Bulatov zum Emblem der Freiheitserfahrung, die in jedem einzelnen Fall neu gesucht und gefunden werden sollte. Das Gemälde «ŽIVU-VIŽU»/ «[Ich] LEBE - [Ich] SEHE» (mehrere Versionen in den Achtziger- und Neunzigerjahren) führt diese Freiheits-cogito-Struktur deutlich vor Augen.

Etwas anderes findet in der Serie ‹НАСРАТЬ› statt. Neu lässt der fünfundachtzigjährige Künstler eine Pluralität von alternativen Endvarianten des «Exits» aufscheinen, von denen allerdings keine den realen Austritt aus einer beengten Realität bereitet. Die klaustrophobischen Einzelperspektiven verketten sich im Fluchtpunkt des Wortes «scheiss darauf». Das hin und wieder auftauchende schwarze Quadrat signalisiert die russische Tradition des Alogismus (als Kunst- und Denkrichtung braucht Alogismus keine Einführungszeichen?), der Malevitsch zufolge, jeden zweckmässigen «gesunden Verstand» ablehnt. 

Die autobiografische Geschichte der Gemäldeserie erzählt Bulatov in einem Interview im russischen Onlinemagazin ‹Meduza›. (3) Während seiner Reise nach Samarkand 1957 lernte er – damals noch als Kunststudent – einen Archäologen kennen, den Grafen Sergej Nikolaevitsch Jurenev, der nach Jahrzehnten Stalinlager in Mittelasien zurückgeblieben war. Dieser erwies sich als ein intelligenter, ruhiger, liebevoller Mensch, der trotz seinem harten Schicksal eine sanfte und freundliche Umgangsart bewahrte. Trotz dem Altersunterschied freundeten sie sich an. Sergej Nikolaevitsch erlaubte Bulatov, sich frei in seiner Wohnung zu leben, nur eine mit einem weissen Vorhang abgedeckte Wandnische durfte er sich nicht nähern: Dort sei sein heiliger Ort. Wenn sein Leben unerträglich werde, erklärte Jurenev, knie er sich nieder, bete und finde Erleichterung. Bulatov berichtete dann, wie er am letzten Abend vor seiner Abreise seinen Freund bat, ihm sein Heiligtum zu zeigen: «Er stand auf, öffnete den Vorhang. Dort an der Wand stand mit Bleistift geschrieben: nasrat`. Nur ein Wort. Das hat mich absolut erschüttert – ich habe mir alles Mögliche vorgestellt, aber dies konnte ich nicht erwarten. Und heute, wenn mir eine abscheuliche Situation die Atmung blockiert und es unerträglich wird, wird es für mich zur einzigen Lösung. Die eigene Sache gut zu tun und auf das, was rund herum passiert, zu scheissen.»

Worauf man scheissen muss, sind sich die beiden Künstler einig. Sie erklären es in ihren Videointerviews auf der Homepage des Museums: auf die Manipulation der Propaganda, auf die Reize des Extremismus, auf die wachsende Agressivität der Communities. Der Anschluss an den Streit vermindert die Quantität des Friedens, wie der scheinbar gutwillige Ausschluss Russlands aus der demokratischen europäischen Gemeinschaft die Macht Putins mehrfach bekräftigte. Wenn man es nicht ändern kann, ist es besser, etwas zu ignorieren – so die Einstellung, welche die auch zu Sowjetzeiten nicht kollaborierenden sowjetischen Bürger verinnerlicht haben. Die Verantwortung des Künstlers sah Erik Bulatov schon immer darin, seinen perspektivisch begrenzten Anteil der Welt möglichst klar und ehrlich zum Ausdruck zu bringen:

«Ein wichtiger Faktor ist die Verantwortung. Auch Ehrlichkeit ist sehr wichtig. Die Verantwortung für den Ort, wo du stehst: Du musst keinen anderen Ort beanspruchen und dich des Ortes nicht schämen, wo du stehst, wo du der Formel ‹Ich lebe – Ich sehe› entsprechen musst. Ich habe das Gemälde gemalt, mit dem Wunsch zu sagen: ‹Ich schwöre, nicht wegzuschauen und nicht zu lügen›. Und versuche dem zu entsprechen.» (4)

Die ideologiekritische Haltung, die in den Interpretationen der Werke von Bulatov oft im Vordergrund stand, war ein wohltuender Effekt seiner «Grundlagenforschungen» am Bild - einer Neufindung des konstruktiven Systems der Werte und Kräfte auf einem Bildfeld. Dieser Effekt ist laut Bulatov unumgänglich, sobald der Künstler seiner Zeit zur Sichtbarkeit verhilft. «Jetzt betrifft es mich aber persönlich, in meinem Bewusstsein ist es jetzt so: scheiss drauf. [...] Das ist meine letzte Aussage. Ja, ich werde keine Worte mehr äussern. ‹Nasrat`› ist mein letztes Wort. Es ist wie mein Testament.» (5) Im Gegensatz zu allen früheren mit Öl auf Leinwand gemalten Worten gehört das serielle ‹Nasrat’› nicht mehr der Hand des Malers. Ob die ersten industriell produzierten Aussagen Bulatovs mit ihrer Ladung des persönlichen Schmerzes eine sozial-politische Ignoranz bedeuten ((Gleichgültigkeit??)), bleibt den Kritikern zu beurteilen. 

Natalia Ganahl studierte Kunstgeschichte in Zürich, Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft in Moskau und Rostow-am-Don. Im Jahr 2018 verteidigte sie ihre Dissertation zum Thema ‹Archäologie der Zentralperspektive in der Sowjetzeit›.nganahl@access.uzh.ch

(1) Im Gegensatz zu den in der Autonomie des Kunstwerks verharrenden anderen Gruppierungen der linken Künstler, erforderte der marxistische Ansatz des Produktivismus ab 1920 mit dem ganzen System der Kunst zu brechen, das auf Privatbesitz, der Trennung von Produktion und Verbrauch und dem privaten Geschmacksurteil beruhte. Sie betrieb eine radikale Kritik des Gemäldes als Dispositiv der individuellen Kunstpraxis und des von der gesellschaftlichen Produktion entfremdeten Subjektes.

(2) Vladimir Rajevskij, ‹Eto moe poslednee slovo›. Interview mit Erik Bulatov und Andrej Molodkin in: Meduza 26.032019, https://meduza.io/feature/2019/03/26/eto-moe-poslednee-slovo-ono-ot-menya-kak-zaveschanie (zugriff 08.04.2019)

(3) Ebd. Meduza 26.03.2019

(4) Erik Bulatov, Gorizont, Vologda 2013, 194-195.

(5) Ebd. Meduza 26.03.2019

Institutionen Land Ort
B.P.S. 22 Belgien Charleroi
Ausstellungen/Newsticker Datumabsteigend sortieren Typ Ort Land
‹Der schwarze Horizont›, Erik Bulatov und Andrej Molodkin 09.02.201915.05.2019 Ausstellung Charleroi
Belgien
BE
Künstler/innen
Erik Bulatov
Andrej Molodkin
Autor/innen
Natalia Ganahl

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