Galerien in Zürich — Ein Schaufensterbummel

Denis Savary · Ithaca, Ausstellungsansicht Galerie Maria Bernheim, Zürich, 2021. Foto: Annik Wetter

Denis Savary · Ithaca, Ausstellungsansicht Galerie Maria Bernheim, Zürich, 2021. Foto: Annik Wetter

Slawomir Elsner · aus der Serie ‹Just Watercolors (076)›, 2020, Aquarell auf Papier, 167,6 x 165 cm

Slawomir Elsner · aus der Serie ‹Just Watercolors (076)›, 2020, Aquarell auf Papier, 167,6 x 165 cm

Till Rabus · Acrobatic still life 3, 2020, Öl auf Leinwand, 130 x 85 cm

Till Rabus · Acrobatic still life 3, 2020, Öl auf Leinwand, 130 x 85 cm

Galerien in Zürich — Ein Schaufensterbummel

Zürich — Obwohl die Galerie Lullin + Ferrari an der Limmatstrasse – wie alle anderen auch ‒gerade geschlossen ist, lohnt es sich, vor dem Schaufenster innezuhalten. Eine Malerei von Slawomir Elsner aus der Serie ‹Just Watercolors› ist zu sehen. Das blaue Monochrom war titelgebend für die aktuelle Ausstellung ‹Le Grand Bleu›, die spielerisch auf den gleichnamigen Film von Luc Besson aus den 1980ern verweist, in dem die unergründliche Tiefe des Meeres – vermengt mit der Identitätsfindung eines jungen Tauchers – eine zentrale Rolle einnimmt. Auch Franziska Furter referiert auf den Film mit einem Schriftband mit Glasperlen, das nun als langgezogene Welle von der Decke hängt. Vor diesem Schaufenster packt uns unweigerlich Nostalgie. Erinnerungen werden wach an das gefühlt weit entfernte Leben vor der Pandemie. Dieses «Davor» – hat es das wirklich mal gegeben? Auf diese Frage scheinen auch Pascale Wiedemann und Daniel Mettler anzuspielen, wenn sie gemalte und fotografierte Sujets hinter einer opaken Schicht aus Paraffin beinahe unkenntlich machen. Dennoch: Jetzt sind wir hier. Und leisten wir dem Zitat von Besson Folge, können wir vielleicht auch in das Werk von Slawomir Elsner eintauchen, als ob es das Meer wäre: Indem wir tief hineinblicken, bis es gar nicht mehr blau erscheint und wir rund herum alles vergessen.

Eine andere Szenerie erwartet uns an der Rämistrasse vor dem Fenster der Galerie Lange + Pult: Es ist ein fragil-absurdes Gleichgewicht, das uns hier begegnet. Kopfüber balanciert ein Krebs auf einem senkrecht aufgestellten Teller; eine Zitrone steht auf einer Walnuss, deren Schale sich schon vom Fruchtfleisch gelöst und spiralförmig in die Luft gezogen hat, als ob eine unsichtbare Hand sie halten würde. Till Rabus (*1975, Neuchâtel) spielt in seinen fotorealistischen Malereien mit den Gesetzten der Schwerkraft, mit trügerischen Vanitas-Symbolen: Die Fliege ist zwar da, doch die Blumen sind aus Plastik. Er ahmt die Welt detailgetreu nach – um sie im nächsten Moment zusammen mit unseren Erwartungen ad absurdum zu führen. Neugierig machen wir einen Schritt auf diese skurrilen Welten zu, denn ja, irgendwas fasziniert uns. Wir fühlen uns hingezogen – aber auch angewidert von Ketchup und Mayonnaise, die sich mit ihrer glänzenden Viskosität vor unseren Augen ausbreiten, sich schichten, eine Orgie von Assoziationen bilden. Die Begegnung mit Till Rabus’ Malereien bleibt ein Wechselspiel. 

Nicht minder ambivalent lässt uns der Blick durch das Fenster von Maria Bernheim zurück: Wir erhalten freie Sicht auf Puppenhäuser. Auf das Kamin im vermeintlichen Wohnzimmer, auf die florale Tapete eines möglichen Schlafzimmers. Leer stehen sie vor uns – die perfekte Projektionsfläche. Hier und da finden sich Referenzen aus Film, Literatur und Kunstgeschichte wieder: Eine Tapete, die an ‹Nude Descending a Staircase› von Marcel Duchamp erinnert, eine weitere, die auf ‹The Yellow Wallpaper› der amerikanischen Autorin Charlotte Perkins Gilman anspielt. Unwillkürlich werden wir in diese Einfamilienhäuser hineingezogen und stellen uns vor, wie sich das Leben darin gestalten würde. Wir lassen unserer fast schon kindlich gewordenen Fantasie freien Lauf, fangen an, unser Narrativ zu weben. Doch die Illusion hält nicht lange an. Irgendwas stimmt nicht mit diesen drei Puppenhäusern, mit dieser idyllischen Welt, die uns Denis Savary (*1981, Granges-près-Marnand) in seiner Ausstellung ‹Ithaca› präsentiert. Die Häuser sind verzerrt, ihre Wände schief aneinandergebaut; Treppen, die an unlogischen Orten beginnen, um anschliessend ins Nichts zu führen. Und unser Blick folgt ihnen dennoch, steigt jede einzelne Stufe hinauf, bis es nicht mehr weitergeht, bis er irgendwo ansteht. Und mit jedem Schritt wird das heimelige Gefühl immer unheimlicher.

Lullin + Ferrari, ‹Le Grand Bleu› in ‹The Window›, bis auf Weiteres
Lange + Pult, Till Rabus, bis 6.3.
Maria Bernheim, bis 27.2.

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Denis Savary 15.01.202127.03.2021 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Till Rabus: Acrobatic Still Life 15.01.202106.03.2021 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Le Grand Bleu 12.12.202027.02.2021 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Giulia Bernardi
Künstler/innen
Denis Savary

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