Jean-Frédéric Schnyder — King Kong auf Kunstreise

Jean-Frédéric Schnyder, Ausstellungsansicht Galerie Eva Presenhuber, Zürich, 2019. Foto: Stefan Altenburger

Jean-Frédéric Schnyder, Ausstellungsansicht Galerie Eva Presenhuber, Zürich, 2019. Foto: Stefan Altenburger

Jean-Frédéric Schnyder, CHIQUITA, 2012 – 2014, Bananenschachtel, Heftklammern, 6.5 x 29 x 23 cm, Courtesy Galerie Eva Presenhuber, Zurich / New York. Foto: Stefan Altenburger

Jean-Frédéric Schnyder, CHIQUITA, 2012 – 2014, Bananenschachtel, Heftklammern, 6.5 x 29 x 23 cm, Courtesy Galerie Eva Presenhuber, Zurich / New York. Foto: Stefan Altenburger

Jean-Frédéric Schnyder — King Kong auf Kunstreise

Zürich — Wer die Einzelausstellung des bekannten Schweizer Künstlers Jean-Frédéric Schnyder (geb. 1945) bei Eva Presenhuber betritt, fühlt sich zunächst wie ein Riese im Puppenhaus. Oder wie King Kong, konfrontiert mit einem aus Karton nachgebildeten Empire State Building. 

Die rund 160 Bilder, Öl auf Sperrholz, welche längs der weissen Wand in einem fortlaufenden Fries gehängt  sind, tragen treffenderweise den Namen ‹Kleine Bilder›. Bemerkenswert bescheiden erscheinen einem Schnyders Werke, die weder durch grosse Dimensionen noch durch hochwertige Materialien nach Aufmerksamkeit schreien. Erst allmählich fällt auf: Die Motive wirken seltsam vertraut! Tatsächlich ist jedes der ‹Kleinen Bilder› ein Wink mit dem Zaunpfahl. Obwohl sie alle in derselben Pixel-Optik gemalt wurden und sich somit auf das heutige, digitale Zeitalter beziehen – möglicherweise auch auf virtuelle Welten – sind es Referenzen an vergangene Epochen: Ein Totenschädel erinnert an barocke Vanitasmotive während Blumen und Stillleben mit Weinglas und Krug an die Moderne des 19. Jahrhunderts, an Cézanne und Matisse, denken lassen. Sonnenuntergänge lassen sich als Verweis auf die Schweizer Maler Felix Vallotton oder Ferdinand Hodler lesen, wobei letzterer bereits Inspiration für frühere Werkgruppen von Schnyder bot. Die Bilderreihe scheint ein zusammenhängender umfangreicher Abriss der Kunstgeschichte: Von Ornamenten und verkehrten Hakenkreuzen über Claude Monets impressionistische Studien bis hin zu Gerhard-Richter-ähnlichen Motiven unterteilt in Werkgruppen, die beispielsweise den Titel ‹kleine Bilder (A)› oder ‹kleine Bilder (Anhang A-Z)› tragen. In Pixeln wiedergegeben wirken die einzelnen figürlichen Motive kindlich, beinahe banal oder kitschig. Eine Kritik an der heutigen, technoiden Welt? Eine Warnung vor einer Zukunft, in der Kunst zweidimensional-digital funktioniert und das Leben zunehmend virtuell, über Bildschirme gesteuert wird?

Die im Raum verteilten Kartonobjekte auf weissen Sockeln unterstreichen die Frage nach Wert und Wertverlust im Verlauf der (Kunst)geschichte: Hier eine Gruppierung aus altertümlichen Kathedralen mit Kuppeln und Türmchen, dort eine Siedlung aus lauter identischen Einfamilienhäuschen, dazwischen das Empire State Building. 

Der Karton – ein alltägliches, wertloses Material – katapultiert die verschiedenen Baustile in eine gegenwärtige, konsumorientierte Zeit und stellt sie einander gegenüber. Gleichzeitig entledigt das braune Material die barocken und gotischen Kathedralen ein Stück weit ihres Zaubers, der ja eben gerade dem Marmor, den Verzierungen und den Vergoldungen zu verdanken wäre. Auch die Einfamilienhäuser lässt der Karton steril und trist wirken.

Nostalgie macht sich breit und ein ernsthaftes Nachdenken über Zeitlichkeit, Materialität und Zukunft setzt ein. Was auf den ersten Blick wie ein Spielzimmer erschien, entpuppt sich als konzeptuelles Gesamtkunstwerk. Die Tiefe und das Spiel mit der Frage nach Schein und Sein zeigt sich nicht zuletzt an der Arbeit CHIQUITA, die aus einer Kartonschachtel und einer Metallkette, hergestellt aus den Heftklammern der Kartonbox, besteht. Die Metallkette ist so in der Kartonbox positioniert, als wäre sie ein wertvolles glitzerndes Schmuckstück. In der vorhandenen Konstellation aber scheint das Wertvollste das zu sein, was abwesend ist: Die Bananen, die sich einst in der Kartonschachtel befanden – während das hier zurückbleibende Kunstwerk im Grunde aus einem gefakten Schmuckstück und einem Stück Karton besteht. Die Bananenschachtel setzt eine weitere Assoziationskette in Gang: Stichworte wie Umzug oder Bananenrepublik fallen ein. 

Die Arbeit zeigt auf wunderbare Weise, wie das Konzept, auf dem ein Kunstwerk basiert, es zu dem macht, was es ist, und dass der wahre Wert der Sache in der Vorstellung und Idee liegt, die das Objekt erwecken kann. Schliesslich ist das Werk von Schnyder, der 1993 die Schweiz an der Biennale in Venedig vertrat, mehrdeutig – zwischen Humor, Symbolismus und Politik angesiedelt und verleitet zum kritischen Hinterfragen der Kunstszene und Gesellschaft generell.

Eva Vögtli: CAS ‹Schreiben in Kunst und Kultur›, ZHdK, 2019

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Jean-Frédéric Schnyder 01.09.201905.10.2019 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Künstler/innen
Jean-Frédéric Schnyder
Autor/innen
Eva Vögtli

Werbung