Keren Cytter

Keren Cytter, Something Happend, 2007 (Videostill), Courtesy Galerie Nagel Draxler und Pilar Corrias Gallery

Keren Cytter, Something Happend, 2007 (Videostill), Courtesy Galerie Nagel Draxler und Pilar Corrias Gallery

Keren Cytter, Fashions, 2019 (Videostill), Courtesy Galerie Nagel Draxler und Pilar Corrias Gallery 

Keren Cytter, Fashions, 2019 (Videostill), Courtesy Galerie Nagel Draxler und Pilar Corrias Gallery 

Keren Cytter

Winterthur — Er führt vor, wie man sie würgen, sie an den Haaren ziehen soll. Ihr Gesicht bleibt unsichtbar; keine Schreie, dafür eine beruhigende Melodie im Hintergrund. Ihr Kopf bewegt sich auf und ab, geführt von seiner Hand. «Auf und ab. Auf und ab», sagt seine Stimme aus dem Off. Ich bin angewidert, möchte wegschauen, weglaufen. Es ist diese Tutorial-Ästhetik, die sexuelle Gewalt normalisiert, die mich so schauert. Ganz anders scheint es der Protagonistin von Karen Cytters Videoarbeit zu gehen, die besagte Szene im Fernsehen schaut. «Niemand hat sie dazu gezwungen, sie macht sicher gutes Geld damit», sagt die junge Frau. Und es schauert mich noch mehr.

Keren Cytter (*1977, Tel Aviv) legt in ‹Fashions›, ebenfalls Titel ihrer Einzelausstellung, ein abscheulicher Kosmos offen: aus degenerierten Beziehungen, Diskriminierung und Misogynie. Doch davon ist die Protagonistin sichtlich unbeeindruckt, blickt nur gelangweilt umher. Warum auch nicht?, mag sie sich wohl denken, schliesslich ereignen sich die wahren Probleme sowieso woanders: Im Fernsehen ist von Homophobie in Tschetschenien die Rede, von Organhandel in China. Die Berichterstattung bleibt in diesem bürgerlichen Wohnzimmer unkommentiert, ist man doch mit anderen Dingen beschäftigt. Liebeskummer zum Beispiel. Denn der Nachbar, in den die Protagonistin Hals über Kopf verliebt ist, hat sie noch nicht bemerkt. Als sie ihm endlich im Treppenhaus begegnet, lässt sie ihre Jacke unter ihre nackten Schultern fallen, himmelt ihn an. Doch alles umsonst. Denn er wendet sich – immerhin nach einem kurzen, musternden Blick – von ihr ab und kehrt ihr den Rücken zu. «Was ist das?», fragt sie, als ihr das grosse, mit Strass versehende Hakenkreuz auf seiner Jacke auffällt. «It’s fashion.»

Es sind groteske Bilder, die uns Cytter vor Augen führt. Sie kombiniert Popmusik mit rohem Fleisch, das in dicke Scheiben geschnitten wird, währenddessen das Blut von der Theke tropft. Eine verstörende Ästhetik, die mit der eingeschriebenen Brutalität an Splatterfilme erinnert, was auch in älteren Arbeiten wie ‹Something Happened› wiederzufinden ist. Auch hier ist das Narrativ nicht minder verstörend, was durch die Tonsequenzen akzentuiert wird, die Keren Cytter asynchron zu den Lippenbewegungen der Charaktere verlaufen lässt.

‹Fashions› thematisiert Schweigen, Ignoranz und blinde Flecken. Wie sich beispielsweise Sexismus, sofern normalisiert, unbemerkt in die Populärkultur einnistet, wie ein Geschwür heranwächst, und schliesslich gesellschaftstauglich wird.

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Keren Cytter 12.09.202015.11.2020 Ausstellung Winterthur
Schweiz
CH
Autor/innen
Giulia Bernardi
Künstler/innen
Keren Cytter

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