MAMC Saint-Etienne Métropole – Die Schenkung Liliane und Michel Durand-Dessert

‹Double Je – Donation Durand-Dessert & Collections MAMC›, Musée d’art moderne et contemporain Saint-Etienne Métropole, 2021 (Ausstellungsansicht mit Werken von Jannis Kounellis, Gerhard Richter und Alighiero Boetti). Foto: Aurélien Mole/MAMC de Saint-Etienne Métropole

‹Double Je – Donation Durand-Dessert & Collections MAMC›, Musée d’art moderne et contemporain Saint-Etienne Métropole, 2021 (Ausstellungsansicht mit Werken von Jannis Kounellis, Gerhard Richter und Alighiero Boetti). Foto: Aurélien Mole/MAMC de Saint-Etienne Métropole

‹Double Je – Donation Durand-Dessert & Collections MAMC›, Musée d’art moderne et contemporain Saint-Etienne Métropole, 2021 (Ausstellungsansicht mit Werken von Gerhard Richter). Foto: Aurélien Mole/MAMC de Saint-Etienne Métropole

‹Double Je – Donation Durand-Dessert & Collections MAMC›, Musée d’art moderne et contemporain Saint-Etienne Métropole, 2021 (Ausstellungsansicht mit Werken von Gerhard Richter). Foto: Aurélien Mole/MAMC de Saint-Etienne Métropole

‹Double Je – Donation Durand-Dessert & Collections MAMC›, Musée d’art moderne et contemporain Saint-Etienne Métropole, 2021 (Ausstellungsansicht mit Werken der olmekischenZivilisation). Foto: Aurélien Mole/MAMC de Saint-Etienne Métropole
 

‹Double Je – Donation Durand-Dessert & Collections MAMC›, Musée d’art moderne et contemporain Saint-Etienne Métropole, 2021 (Ausstellungsansicht mit Werken der olmekischenZivilisation). Foto: Aurélien Mole/MAMC de Saint-Etienne Métropole

 

‹Double Je – Donation Durand-Dessert & Collections MAMC›, Musée d’art moderne et contemporain Saint-Etienne Métropole, 2021 (Ausstellungsansicht mit Werken von Michel Parmentier und François Ristori). Foto: Aurélien Mole/MAMC de Saint-Etienne Métropole

‹Double Je – Donation Durand-Dessert & Collections MAMC›, Musée d’art moderne et contemporain Saint-Etienne Métropole, 2021 (Ausstellungsansicht mit Werken von Michel Parmentier und François Ristori). Foto: Aurélien Mole/MAMC de Saint-Etienne Métropole

‹Double Je – Donation Durand-Dessert & Collections MAMC›, Musée d’art moderne et contemporain Saint-Etienne Métropole, 2021 (Ausstellungsansicht mit Werk von Christian Boltanski). Foto: Aurélien Mole/MAMC de Saint-Etienne Métropole

‹Double Je – Donation Durand-Dessert & Collections MAMC›, Musée d’art moderne et contemporain Saint-Etienne Métropole, 2021 (Ausstellungsansicht mit Werk von Christian Boltanski). Foto: Aurélien Mole/MAMC de Saint-Etienne Métropole

MAMC Saint-Etienne Métropole – Die Schenkung Liliane und Michel Durand-Dessert

Saint-Etienne Métropole/F – Saint-Etienne liegt weiss der Himmel nicht am Weg. Selbst von Genf ist die Stadt in der gebirgigen Region zwischen Lyon, Clermont-Ferrand und Valence nur innerhalb von drei, vier Stunden zu erreichen. Gezielt verwandelt sie sich jedoch zurzeit von einem Minen- und Industrie- zu einem Innovations- und Designzentrum, wovon vor allem das Musée d’art et d’industrie de Saint-Etienne/MAI erzählt. Auch für Liebhaber und Liebhaberinnen der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts  lohnt sich jedoch ein Besuch in der Stadt. Vor allem auf Initiative von Bernard Ceysson, der von 1967 bis 1986 das MAI leitete, konnte 1987 weiter ein Musée d’art moderne et contemporain de Saint-Etienne Métropole/MAMC eröffnet werden, dessen Erstleitung er nach einer Blitzpassage im Centre Pompidou in Paris dann auch bis 1998 wahrnahm.

Bestechende Museumsarchitektur
Schon architektonisch ist dieses Museum eine Sensation. Von Didier Guichard entworfen, beruht der Bau nicht nur radikal auf dem Quadrat. Von der Verschalung und Befensterung bis zu den Böden und Wänden im Empfangsbereich wird einem dieses Kompositionsprinzip auch auf Schritt und Tritt transparent gemacht. Man kommt sich deshalb darin wie vom All Over eines Gemäldes oder einer Skulptur irgendwo zwischen dem französischem Impressionismus und dem amerikanischem Minimalismus aufgesogen vor. Bereits vor dem Besuch von Ausstellungen oder auch Projektionen oder Performances beginnt man geistig vom Grossen und Ganzen zu Details und vice versa zu tanzen, wie es diese nicht mehr traditionellen Bildhierarchien wie Mitte-Rand, oben-unten oder links-rechts gehorchende Kunst unentwegt erfordert.

Bedeutende Museumssammlung
Dank einer klassischen, das Ausstellungsprogramm konsequent einem Sammlungskonzept unterwerfenden Museumsarbeit gelang es dem MAMC+ in den letzten 35 Jahren darüber hinaus, das nach dem Centre Pompidou in Paris grösste Ensemble moderner und zeitgenössischer Kunst in Frankreich aufzubauen. Neben den in der Regel eine aktuelle Positionen mit historischen Darstellungen konfrontierenden Wechselausstellungen* in 14 der 23 im Gegensatz zur Hülle ruhigen Säle unterschiedlicher Dimension und Proportion kann das MAMC+ denn auch mittlerweile seine Bestände in den restlichen neun Sälen jährlich von Grund auf neu in Szene setzen. 

Die Schenkung Michel und Liliane Durant-Dessert im Fokus
Noch bis zum 18. September findet sich in diesem Rahmen eine Schenkung in den Vordergrund gerückt, wie sie sich Museumsprofessionelle kaum exzellenter und grosszügiger erträumen könnten. Es handelt sich um die 187 Gemälde und Skulpturen plus Dutzende von Arbeiten auf Papier, die Michel und Liliane Durand-Dessert dem MAMC kürzlich frei von Auflagen überschrieben haben. Das Gelehrtenpaar – sie hatte zu dem vom Surrealismus verehrten Dichter I. L. Ducasse alias Comte de Lautréamont promoviert, er zu den humoristischen Zeichnungen von Marcel Duchamp – lebte zwar in Paris, wo es von 1975 bis 2004 eine Galerie führte. Aber es war ihm ein Anliegen, mit seiner Geste einmal mehr auf die Bedeutung der Museen moderner und zeitgenössischer Kunst auch in der Provinz hinzuweisen.

Schon über drei Jahrzehnte vor der Überschreibung ihrer Privatsammlung haben Michel und Liliane Durand-Dessert dem MAMC tatsächlich zwei bedeutende Werke zukommen lassen. Die Motivation war damals gewesen, auf die nach wie vor mangelnde Anerkennung von zwei Strömungen in Frankreich hinzuweisen, die für sie indes zum Zeitbesten zählte. Die Skulptur ‹L’occhio di Dio›, 1969, von Luciano Fabro verkörperte dabei die von Germano Celant seit 1967 unter der Bezeichnung «arte povera» vertretenen Künstler, die sich gegen die künstlerische Hegemonie der Vereinigten Staaten wie auch deren Konsumgesellschaft auflehnte. Das Gemälde ‹Schädel›, 1983, von Gerhard Richter vertrat dagegen die neue nicht mehr entweder abstrakte oder figurative, sondern bewusst unterschiedlichen Kategorien untersuchende Malerei des zwischen der DDR und der BDR aufgeteilten Deutschlands. 

Konzeptkunst
Grundsätzlich galt das Engagement des Paars in der Galerie wie zunächst auch der Privatsammlung dem sich zwischen Westeuropa, den Vereinigten Staaten und Korea und Japan formierten Archipel der Konzeptkunst, der sich alsbald auch im MAMC zu einem Schwerpunkt entwickeln sollte. Der Kurator der gegenwärtigen Sammlungspräsentation der Institution Alexandre Quoi arbeitete deshalb vor allem die Optimierungen wie auch die einige der intellektuellen Perspektiven heraus, die sich durch die Einverleibung der Schenkung von Michel und Liliane Durand-Dessert in die übrigen Bestände des MAMC ergeben. Entstanden ist ein über 350 Werke einschliessender Parcours, der bis zuletzt mit unerwarteten Wendungen aufwartet. 

Die an den Anfang gestellten Blöcke zur arte povera und zur neuen Malerei im deutschsprachigen Raum durchsetzte Alexandre Quoi mit Werken aus dem 18. Jahrhundert, die bereits die Erforschung der Abgründe menschlichen Denkens im 19. und 20. Jahrhundert durch Biologie und Psychologie ankündigen. So folgen die Fabriken und Häfen als Ort auch innerer Verwandlung und Entgrenzung evozierenden Installationen von Jannis Kounnellis die ‹Carceri d’invenzione› von G. P. Piranesi. Dem ‹Schädel›, 1983, von Gerhard Richter ist dagegen ein naturwissenschaftlicher Gipsabguss dieses an unsere Endlichkeit erinnernden Teils des Skeletts vorangestellt ist. 

Die internationale Konzeptkunst kippt dagegen von einem Raum mit Gemälden, die jedoch gerade ihren Objektcharakter behandeln, in eine Sektion, in der Artikulationen diametral entgegengesetzter Plastizität aufeinander treffen. Die im Anschluss daran in Vitrinen ausgebreitete Brief- und Editionskunst zeugt wiederum vom Optimismus der Sechziger, Siebziger Jahre, grosse Kunst könne immer überall stattfinden und hinfinden. 

Ein weiter Horizont
Alexandre Quoi liess es sich jedoch auch nicht nehmen, auch die anderen Sammelinteressen von Michel und Liliane Durand-Dessert wenigstens zu streifen, die Kunst aus Schwarzafrika, dem Himalaya und dem präkolumbianischen Mittelamerika galten. So ist die letztere Gruppe, der sich das Paar seit seiner Schliessung der Galerie mehr und mehr fokussiert auf die olmekische Kultur am mexikanischen Golf (1600–400 v. u. Z.) hauptsächlich gewidmet, in der Mitte der Sammlungspräsentation des MAMC gleich einer nach wie vor privaten Enklave erstmals in ihrem ganzen Umfang zu sehen. 

Nach einem weiteren Block zu Figuren der von 1969 bis 1972 bestehenden Gruppe Support/Surface in Frankreich schärft Alexandre Quoi zum Schluss auch noch überraschend das Bewusstsein dafür, wie viele Kunstschaffende der Pionierjahre der zeitgenössischen Kunst (Sigmar Polke, Christian Boltanski) sich für oft nicht anders als die Kunst der Stämme und alter Zivilisationen anonyme Amateurphotographie interessiert haben und entsprechende Sammlungen angelegt und ausgewertet haben.

Dialog als Prinzip
Um in die Details der Geschichte wie auch das Universum von Michel und Liliane Durand-Dessert abzutauchen, muss man zum Katalog ‹Futur antérieur› der Ausstellung im Musée de Grenoble von 2004 unter der Leitung von Guy Tosatto zurückkehren. Notabene durch Titel der Ausstellung „Double Je“, der auf den Plakaten, Einladungskarten und Programmheften einem Gemälde von John Hilliard vorgeblendet ist, gibt Alexandre Quoi jedoch auch gewisse Schlüssel zum Verständnis der ungewöhnlichen Virtuosität als Sammler von Michel und Liliane Durand-Dessert. Sie scheinen im Vertrauen auf einer Dialogfähigkeit des Menschen zu liegen, zwischen Individuen wie auch Kollektiven und dabei ganzer Kulturen, so weit sie geografisch und chronologisch auch immer voneinander entfernt sein mögen. 

 

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