Mamco — Zersetzung der Avantgarde, Entwicklung des Starsystems

‹Die Welt als Labyrinth›, Mamco 2018 (Ausstellungsansicht). Foto: Annik Wetter

‹Die Welt als Labyrinth›, Mamco 2018 (Ausstellungsansicht). Foto: Annik Wetter

‹Art & Entertainment›, Mamco 2018 (Ausstellungsansicht). Foto: Annik Wetter

‹Art & Entertainment›, Mamco 2018 (Ausstellungsansicht). Foto: Annik Wetter

‹Art & Entertainment›, Mamco 2018 (Ausstellungsansicht). Foto: Annik Wetter

‹Art & Entertainment›, Mamco 2018 (Ausstellungsansicht). Foto: Annik Wetter

Mamco — Zersetzung der Avantgarde, Entwicklung des Starsystems

Mamco — Das Mamco zeigt diesen Frühling zwei ambitionierte und nicht zuletzt auch in ihrer Kombination sehr anregende Schauen. So konfrontiert es die nach dem Zweiten Weltkrieg die Avantgarde zu einem Paroxysmus führenden Lettristen und Situationnisten mit Kunstschaffenden, die sich etwas später gerade der diesen letzten Modernisten besonders suspekten Medienwelt annahmen.

Die erste von einem weit über das Mamco hinaus führenden Kollektiv erarbeitete Schau zum Lettrismus und Situationismus besticht durch ihr Streifen in selten in Museen behandelten Bewegungen, obschon sich viele Kunstschaffende nach wie vor auf ihre zentralen Theoretiker wie Isidor Isou oder Guy Debord berufen. Aufgrund der Antizipation der Jugendrevolte 1968 sind sie auch nach wie vor gesellschaftlich relevant. Gerissen spielt der Titel ‹Die Welt als Labyrinth› dabei gleich auf den wesentlichen Grund dieser musealen Unterbewertung an. Damit bezeichneten nämlich die Pariser Situationnisten ein im Keim ersticktes Projekt für das Stedelijk Museum 1960, wollten sie dieses doch ikonoklastisch und institutionsfeindlich ausräumen und durchbohren, nicht ohne das Publikum zu einer debordschen ‹dérive› in der Stadt wegzuschicken. Die radikale Ablehnung aller Tradition führte darüber hinaus jeweils schnell zu konkreten Aktionen nicht förderlichen Ausschlüssen und Spaltungen in den verschiedenen Szenen. 

Die den ganzen 3. Stock des Mamco einnehmende Ausstellung setzt sich deshalb vor allem aus Momenten zusammen, in denen sich Kunstschaffende zum Preis ihres Ausschlusses oder Austretens aus den Bewegungen doch an eine plastische Form wagten. Grosse Säle sind so den expressiven Skulpturen gewidmet, die das von Asger Jorn 1953 gegründete und 1954 in den Keramikateliers von Alba aktiv gewordenen Mouvement pour un Bauhaus Imaginaire produziert hat, sowie der 1957 von Giuseppe Pinot-Gallizio entwickelten industriellen Malerei und seiner damit bei einer Ausstellung in Paris 1958/1959 ausgeschlagenen Höhle der Antimaterie. Und weiter finden auch die ätherischen Goldblattmalereien Ralph Rumneys oder die verwischten Buchstabenmalerein Gil Wolmans eine ausführliche Behandlung. Trotz der nur lückenhaften Rekonstruktion vermittelt jedoch wohl das ausnahmsweise vom harten Kern der Pariser Situationnisten 1963 in Dänemark realisierte Projekt ‹Destruction of RSG-6› aber vielleicht doch den erschütterndsten Eindruck der revolutionären Ansätze der Bewegungen. So führte der Parcours unter anderem von einer Atmosphäre wie in einem Bunker nach einem Nuklearkrieg zu mit den Bildern damaliger Staatshäupter wie de Gaulle und Adenauer beklebten Zielscheiben, auf die man schiessen konnte.

Mit Sinn für Dialektik nimmt sich die zweite Schau ‹Art & Entertainment› hingegen der Entwicklung des Verhältnisses der Kunst zu der notabene von Guy Debord als Hüterin der Interessen der Mächtigen kritisierten ‹Société du Spectacle› nach 1968 an. So wird durch Werke von Warhol über Koons, Huyghe und Parreno bis zu Nicolas Garait-Leavenworth deutlich, wie seit 2000 den Kunstschaffenden, die sich enthusiastisch oder kritisch mit den Medien beschäftigen, plötzlich Musik-, Film- und Modestars gegenübertreten, welche radikale Kunst als salonfähig gewordene Plattform nutzen. 

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Die Welt als Labyrinth 27.02.201806.05.2018 Ausstellung Genève
Schweiz
CH

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