Neo Geography I/II

Yuri An, ‹A House to Sell›, 2016

Jeehee Park, ‹Untitled›, 2017

Siegfried Giedion, ‹Building in France›, layout, gta Arhcives / ETH Zürich (Nachlass Sigfried Giedion)

Neo Geography I/II

Neuchâtel, Seoul — Das Centre d'art contemporain/CAN belebt zurzeit eine erstaunliche Episode intellektuellen Austausches zwischen der Schweiz und Südkorea wieder. So schwamm sich die koreanische Architekturgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zuletzt über die Orientierung an dem bedeutenden Schweizer Architekturtheoretiker Sigfried Giedion (1888-1968) vom imperialen Blick der japanischen Architekturgeschichte frei, welche die Gebäude und die Städte in Korea zu Beginn des 20. Jahrhunderts als erste inventarisiert und interpretiert hatte. Das Modell Giedions eines mobilen und ängstlichen Subjekts in Konfrontation mit Architektur, zu dem diesen die foto- und kinematografischen Blickwinkelveränderungen angeregt hatten, ermöglichte es nämlich dem nicht weniger wichtigen koreanischen Architekturtheoretiker Ahn Young Bae (*1932) zugleich die durch die japanische Besetzung verursachten Brüche in der Baugeschichte seines Land heraus zu arbeiten wie der nationalen Identität in der Art und Weise, Räume zu gestalten und zu benutzen, eine neue Basis zu geben. 

Gastkuratiert von Kyung Roh Bannwart und Adeena May sind in einer ‹Neo Geography I› genannten Ausstellung im CAN nun je drei jüngere koreanische und schweizerische Künstler vereint, die sich angeregt von den Fragen, die durch diesen Ideentransfer berührt werden, mit der Artikulation von Räumen heute beschäftigen. Wo sie dabei anknüpften und hinzielen könnte fast nicht unterschiedlicher sein. Alle aber loten sie dabei letztlich Grenzen, Widersprüche und Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Aspekten von Architektur aus. Wie stark sich Selbstverständnisse im öffentlichen Raum mitunter an der Erfahrung von Fremdheit reiben, thematisieren etwa Yuri An wie auch Tatiana Rihs (*1977): Ersteres jedoch mit Tapeten und Videos, die sich auf die chinesische Provinz Yanbian beziehen, in der sehr viele koreanische Leute ohne jegliche architektonische und linguistische Resonanz in den öffentlichen Kulissen leben, letztere mit Arbeiten, in der mit einer 3D-Kamera an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Stunden gefilmte Bilder ineinander verschachtelt sind, die mehr die Überwältigung des Individuellen durch das Kollektive bis sogar in die privaten und intimen Räume hinein zu Bewusstsein bringen. Jehee Park (* 1984) wiederum interessiert sich für die simultane Zirkulation von Sachen und Menschen in unserem gebauten Lebenraum, während Chloé Delarue (* 1986) – futuristischer gewendet – mehr diejenige von Technologie und Biologie thematisiert. Hwayeon Nam (*1979) hingegen treibt mit einem Stoss von Postkarten, die er vom gleichen Ort in Berlin gesammelt hat, ein überbordendes Vermehrungs- und Verfremdungsspiel, das die Spuren der Geschichte im Raum zu Gesicht bringt, jedoch nicht nur dort, wo er sich tatsächlich befindet, sondern wo auch immer irgendwelche Bilder von ihm hinkommen. Matthias Sohr (*1980) schliesslich kreist um die Beziehungen zwischen dem Sichtbaren und Verborgenen, dem Zugänglichen und Versperrten von Architektur, indem er die Infrastruktur des CAN selbst mit Apparaten für Alte, Kranke und Behinderte einsetzenden Interventionen freilegt.

Der Ausstellung im CAN wird unter dem gleichen Kuratorium mit den gleichen Kunstschaffenden eine zweite Staffel unter dem evidenten Titel ‹Neo Geography II› im Post Territory Ujeongguk in Seoul folgen.

Ausstellungen Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Neo Geography II 03.11.201723.11.2017 Ausstellung Seoul
Südkorea
KR
Neo Geography 16.09.201715.10.2017 Ausstellung Neuchâtel
Schweiz
CH

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