One month after being known in that island — Alte neue Welt

Minia Biabiany, Toli Toli, 2018, Videoinstallation, geflochtener Bambus, Holz, Faden, Video, 5 min

Minia Biabiany, Toli Toli, 2018, Videoinstallation, geflochtener Bambus, Holz, Faden, Video, 5 min

Minia Biabiany, Toli Toli, 2018, Video, 5 min

Minia Biabiany, Toli Toli, 2018, Video, 5 min

Madeline Jiménez Santil, The construction of the strange, 2020, Wandbild

Madeline Jiménez Santil, The construction of the strange, 2020, Wandbild

One month after being known in that island — Alte neue Welt

Basel — Das eigene kulturelle Erbe künstlerisch zu verarbeiten, fordert Verletzlichkeit und zugleich die Stärke, diese zu zeigen. Die Ausstellung erzählt in eindrucksvoller Komplexität, die sich aus starken Einzel-Positionen zusammensetzt: von individuell verarbeiteter Geschichte einer Region, die sich in Europa zu grossen Teilen noch im Unbewussten bewegt.

In Kooperation mit der Caribbean Art Initiative eröffnen die neuen Räumlichkeiten der Kulturstiftung Basel H. Geiger (KBH.G) eine Show, in der uns die Werke von insgesamt elf karibischen Künstlerinnen und Künstlern vorgestellt werden. Die Arbeiten beleuchten hinterlassene Narben einer durch die Kolonialherrschaft zerrütteten Gesellschaft. Die verwendeten künstlerischen Mittel und Medien sind ebenso vielseitig wie jede der über 700 Karibischen Inseln.
Ausgangspunkt einer zusammenhängenden Auseinandersetzung ist der Friede von Basel (1795), der die heutige Struktur der karibischen Regionen stark geprägt hat. Die Arbeit von Ramón Miranda Beltrán bietet hierfür den Auftakt. Eine Holzbank lädt zum stillen Dialog ein. Auf ihr sitzend und von einer Bildprojektion angeleuchtet, wird der Besuchende zur Lesefläche von Artikeln aus dem Basler Friedensvertrag zwischen Frankreich und Preussen bzw. Spanien. Die Künstlerin Elisa Bergel Melo visualisierte in Form von auf einem Podest angeordneten, beweglich-erscheinenden, weiss-lasierten Holzstücken eine ganze Reihe an Inselumrissen, die auf der dahinter, an der Wand platzierten, Fotografie wiederum als Leerstellen auf dem Papier erscheinen. Die monumentale Malerei José Morbáns etwas weiter hinten im Raum zeigt mit der Darstellung einer Riesenwelle die Schattenseite des traumhaften Natur-Paradieses Karibik auf. Gehen wir weiter, betreten wir die poetische Installation der auf Guadeloupe und in Mexico-City lebenden Künstlerin Minia Biabiany. Durch die körpergrossen, hand-geflochtenen, vom Boden bis zur Decke reichenden zaunartigen Bambus-Wände schauen wir auf durch das Muster fragmentierte Videoaufnahmen: Es ist eine Darstellung des bekannten Kinderlieds «Toli Toli». Die Arbeit hinterfragt die französisch-europäisch geprägte Identität in Guadeloupe und stellt, durch die alte Tradition des Flechtens, eine Geschichte der Narrative dem Schweigen, das die politische Situation noch immer umhüllt, gegenüber. Nelson Fory Ferreira setzt historischen Statuen in performativen Interventionen einen Afro auf den Kopf. Madeline Jiménez Santil sensibilisiert mit ihrer vergänglichen, im Aussenraum installierten Wandarbeit und den im Ausstellungsraum sich zum Teil auf dem Boden befindenden, sinnlichen, reizenden Objekten für Brüche im Menschsein. Ausserdem mit ihren Arbeiten vertreten sind: Christopher Cozier, Sharelly Emanuelson, Tessa Mars, Tony Cruz Pabón und Guy Régis Jr.

Die Ausstellung schafft eine Brücke zur grossen weiten Welt und lädt Europa ein, sich darüber bewusst zu werden, wie dessen Kolonialherrschaft in der Geschichte gewirkt hat – und die von Kolumbus 1492 entdeckte «Neue Welt» bis in die heutige Situation hinein beeinflusst.

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