Pandemie und wie weiter? — Batia Suter

Atelieransicht von Batia Suter, Amsterdam. Foto: B. Suter

Atelieransicht von Batia Suter, Amsterdam. Foto: B. Suter

Batia Suter im Gespräch mit J. Emil Sennewald, Screenshot, 2020

Batia Suter im Gespräch mit J. Emil Sennewald, Screenshot, 2020

Pandemie und wie weiter? — Batia Suter

Fortsetzung der Interview-Serie, die in der Juni-Ausgabe des Kunstbulletin begann und auf Distanz Nähe versuchte zum künstlerischen Prozess, zu persönlichen und professionellen Aussichten auf auf eine mögliche Zukunft. Gemeinsamer Nenner der Stellungnahmen war die Anerkennung eines grundlegenden Wandels im Kunstbetrieb – der auch fällig wäre. Während nach Lockerung der Ausgangsbeschränkungen und allfälligen Urlaubsreisen die Infektionszahlen wieder steigen, zeigen sich die Konsequenzen gewünschter Verdrängung, forcierter Wiederherstellung des Gewohnten. Andere Aussichten sind nötig, die nicht auf ein Danach hoffen, sondern mit dem Gegenwärtigen kreativ und engagiert umzugehen wissen. Da sie solche bietet, wird die Serie in loser Folge weiter hier veröffentlicht, um zum Nachdenken anzuregen darüber, was wird, mit der Kunst. 

Aufdecken, Einhüllen

Sennewald: In Deiner Arbeit geht es oft um Muster und um Wiedererkennungs- bzw. Verschiebungsphänomene, die Bildern durch ihre Geschichte anhaften. Hinter Dir sehe ich zum Beispiel einen Vorhang mit einem Foto. Meinst Du, es wird eine Veränderung des Bildersehens geben, wenn wir uns wieder mehr von den Bildschirmen lösen können?

Suter: Ah ja, hinter mir der Vorhang ist eine alte Arbeit. Sie zeigt eine Scheiterbeige, also einen sorgfältig aufgeschichteten Holzstapel. Diese Beigen gibt es überall in der Schweiz, ich habe sehr viele fotografiert, sie dann zu dieser «Superbeige» als Bild montiert und auf Stoff gedruckt. Die Übertragung ins Bild macht auf diese kunstvolle Form aufmerksam, die man im Alltag kaum noch wahrnimmt. Da gibt es einen Bezug zur Pandemie-Situation: Die Ausgangsbeschränkungen führten dazu, dass die Leute etwas mit den Händen machen, ins Analoge zurückfinden. Es gab eine Rückbesinnung auf das Kleine, das Haptische, das Nahe. Viele machen jetzt, was sie schon immer tun wollten, brechen aus Mustern aus. Das finde ich sehr anregend und wichtig. In meiner Arbeit, speziell in der aktuellen Sammlung von Abbildungen verschiedener Decken, geht es um Muster. Ich sammele Decken, die seit etwa Anfang des 19. Jahrhunderts in den Haushalten auftauchen. In Holland gibt es eine starke Kultur der gemusterten Decke. Ich will entdecken, wo das her kommt, wie es die symbolische Kraft erhalten konnte, die es in der Kultur hat. Da geht es viel um kollektiv unbewusste Prozesse, darum, wie diese alltäglich uns umgebenden Muster Einfluss auf Empfindungen und Ansichten nehmen, ohne dass wir es bemerken, ohne dass wir die Geschichte der Muster kennen. Diese aufzuspüren und wieder auseinander zu nehmen ermöglicht mir, die Wirkung durch die Geschichte hindurch spürbar zu machen. Wenn man nur ein Foto hat, dann ist das einfach ein altes Ding. Wenn man aber sehr viele Bilder miteinander in Beziehung setzt, dann kann erfahrbar werden, wie etwas einmal erlebt wurde, als würde man die Vergangenheit in die Gegenwart ziehen. Hier liegt der Bezug zum Jetzt. Decken sind als Rettungsdecken zum Beispiel sehr präsent in den Medien. Der Zwang zum Häuslichen macht dieses Objekt plötzlich ganz aktuell. Die Sammlung ist auch eine digitale Arbeit: ich sammele ja die Bilder, die von Leuten ins Internet gestellt werden. Dann restauriere ich aus viele Low-Res-Fotos ein optimales Bild eines bestimmten Deckentyps. Dabei kommen Strukturen zum Vorschein, die unbewusste wirken. Da gibt es eine Verwandtschaft zwischen Bild und Decke: letztere ist mit ihrem Muster ja auch ein Bild, in das man sich einhüllen kann. Mit was wir uns umgeben und wie mündig wir werden beim Umgang mit all diesen Mustern und Strukturen, das ist, denke ich, eine Aufgabe für die Zukunft.
Amsterdam, 18. Mai 2020
https://www.batiasuter.org

 

J. Emil Sennewald, Kritiker und Journalist, unterrichtet an der Kunsthochschule ésacm in Clermont-Ferrand und der F+F Schule in Zürich, berichtet seit über 15 Jahren über Kunst aus Frankreich. emil@weiswald.comwww.weiswald.com

Autor/innen
J. Emil Sennewald
Künstler/innen
Batia Suter

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