Philippe Deléglise — Ordnende Energien

Philippe Deléglise,
 A Li Po, 3 figures 1/2, 2015, Aquacryl auf Papier,
 64 x 57 cm

Philippe Deléglise, Un rêve de Li Po II, 2017, Öl auf Leinwand, 168,5 x 150 cm

Philippe Deléglise — Ordnende Energien

Genf — Philippe Deléglises (*1952) Arbeiten seit 2001 rufen unvermittelt Albrecht Dürers berühmtes bald 500 Jahre altes Diktum in das Gedächtnis: «Denn wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur, wer sie herausreissen kann, der hat sie.» So war Deléglise bestimmt nicht der erste, der die Kunst in den bereits erstmals 1787 vom deutschen Physiker und Astronomen E. F. F. Chladni der Öffentlichkeit vorgestellten Klangfiguren erahnt hat. Zu beobachten, wie sich feiner Sand auf in Schwingung versetzten Metallplatten zu einem organischen Muster von Stegen und Löcher formt, gehört zu den Sternstunden jedes Unterrichts und jeder Ausstellung, worin es um Naturphänomene geht. Deléglise erfand zwischen 2001 und 2007 jedoch verschiedene Methoden, diese bezaubernden Gestalten in ihrer ganzen Kraft auf eine noch leere «Oberfläche-Unterlage» zu bannen, die er zunehmend mit dem Tohuwabohu vor jeder Schöpfung gleichzusetzen begann. Mit der Aufnahme in ihrem Schoss einer ihr ein Stück weit bereits inhärenten Ordnung hatte sich der ursprünglich oft kollektiv und politisch agierende Multimedien-Kunstschaffende damals bereits seit Jahren in einem ländlichen Atelier mit dem Durchspielen geometrischer Anleitungen intensiv beschäftigt, in Auseinandersetzung mit den Praktiken und Theorien verschiedener abstrakter Kunstschaffender der Hochmoderne von Kandinsky und Klee bis Agnes Martin und Roman Opalka. 

Deléglise zeichnete, filmte oder fotografierte die chladnischen Klangfiguren jedoch nicht noch einmal mehr, wie es die vielen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen von niemandem anderen als Dürer und anderen Persönlichkeiten seiner Epoche gelernt hatten, die zum Teil das Bedeutsame des Sichtbahren zu ihrer Repräsentation nicht nur bereits durch ein Raster betrachtet und vermessen hatten, sondern auch die camera obscura zu Hilfe nahmen. Er machte sich vielmehr genial die Metallplatten des Geschehens mit den üblichen Hilfsmitteln wie Säure und Schmiere als klassische Druckstöcke zu Nutze, nicht ohne mehr und mehr auch Überlagerungen chladnischer Klangfiguren durch verschiedenartige Vibrationsquellen auf einmal zu erzeugen. 

Sind in der gegenwärtigen Ausstellung von Déleglise in der Galerie Anton Meier im Eingangsraum auch einige der Mappen der einfarbigen oder mehrfarbigen Drucke dieser Experimente zwischen 2001 und 2007 zu sehen, gehört die Schau vor allem den Gemälden und Aquarellen, die der Kunstschaffende in den letzten zehn Jahren nach der Vorlage dieser Mappen in Angriff genommen hat. Auf die Transparenz seiner geometrischen Arbeiten der neunziger Jahre zurückkommend, hat er die Muster vor allem illusionistisch in die dritte Dimension entfaltet. So bringt er schier unendliche, sich gegenseitig rätselhaft durchdringende Raumformationen hervor, in dem er einzelne sich entsprechende Teile entweder an verschiedenen Stellen oder auch über die ganze Fläche hinweg durch eine Farbe und damit eine Energie miteinander in Bezug setzt, ungefähr so wie es die chinesischen Gelehrten in ihrem Geist tun, wenn sie über Landschaften, Felsen und Bäumen, Steinen und Ästen meditieren – daher der Titel der Ausstellung ‹Die Träume von Li Po›. Besonders faszinierend sind dabei die Aquarelle, in denen sich die Farbflüssigkeiten an den dichteren Stellen oft nicht mehr kontrollieren liessen, sondern sich erst ineinander ausgebreitet und dann zu zotigen Pigmentkonzentrationen verdichtet haben. Wie sich Flüssigkeiten oder auch Gase bei ihrem Zusammenkommen genau verhalten, ist dabei bis heute ein Rätsel. Es kann zwar immer wieder ähnlich, aber nie ganz und gar gleich beobachtet, geschweige denn repetiert werden. So beginnt in diesen Arbeiten Deléglise auf Papier nichst anderes als die Auflösung der von ihm erst von der Natur empfangenen und dann kulturell entwickelten Ordnungen wieder zu drohen und enthüllt damit die Fragilität beider. Das Werk Déleglises hat grundsätzlich einen apotropäischen Charakter.

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Philippe Deléglise 01.03.201821.04.2018 Ausstellung Genève
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