Post-mierda dell’ artista — Das Projekt L’Art’Trine in Benin

Kifouli · WC Mimin, 2021

Kifouli · WC Mimin, 2021

Marius Dansou · A, B, C, D, Etc…= ONE, 2020

Marius Dansou · A, B, C, D, Etc…= ONE, 2020

Sœur Henriette · Parlons-en, 2021

Sœur Henriette · Parlons-en, 2021

Sophie Négrier  · Fuel Mi, 2021

Sophie Négrier  · Fuel Mi, 2021

Post-mierda dell’ artista — Das Projekt L’Art’Trine in Benin

Cotonou — Nur zwei Jahre vor seinem frühen Tod landete der italienische Künstler Piero Manzoni einen Coup: Er füllte seine Fäkalien in eine Weissblech-Dose und bot sie als Kunstwerk an. 30 Gramm ‹Mierda dell’ artista› konnte man damals zum äquivalenten Goldpreis erwerben: $ 37, wie jetzt seine Galerie Hauser & Wirth erinnert. Im Juni letzten Jahres wurde Nummer 82 dieser Künstler-Edition im italienischen Online-Auktionshaus Sotheby’s für € 200’000 verkauft. 

Was vor sechzig Jahren Italien schockierte, floriert heute im europäischen Kunstmarkt – in der westafrikanischen Republik Benin geht es der Kunst derweil um konkrete Post-Fäkalia: Finanziert vom SchweizerischenKooperationsbüro in Benin haben sich dreissig bildende Künstlerinnen und Künstler mit der Gestaltung von Trockentoiletten beschäftigt. Wem das zu banal für die Kunst erscheint, der sollte sich neben Kunstgeschichte mit der sanitären Realität der Welt befassen. 2,4 Milliarden Menschen, so UNICEF, hatten 2017 keinen Zugang zu Toiletten. In Benin fehlt einem von zwei Haushalten jegliche Einrichtung, um das, was hinten rauskommt, hygienisch zu entsorgen. Angesichts der knappen Ressource Wasser und eines unterentwickelten Abwassersystems bietet sich die Trockentoilette als ökologische Alternative an.

Das dachte der Schweizer Unternehmer Dominique Bourquin. 2019 verliess er Lausanne und eine dort mehr schlecht als recht geführte Boutique für afrikanische Kunst. Dass diese just 1961, im Jahr von Manzoni’s Coup, eröffnet worden war, ist vielleicht nur kolonialhistorische Ironie. Bourquin folgte seiner Frau, die sich als Ärztin ohne Grenzen verdient machte. Zunächst an Investitionen im Holzhandel interessiert, entdeckte er vor Ort bald den eklatant sanitären Mangel. 

Der Kunstliebhaber und Unternehmer entwickelte sodann die Idee, seine beiden Leidenschaften zu verbinden, um das, was der Mensch gemacht hat, kreativ zu entsorgen. «Die Trockentoilette ist günstig und leicht einzurichten, eine mögliche Lösung unter anderen, um das sanitäre Problem in Benin in den Griff zu bekommen. Um sie durchzusetzen, schien mir eine Verbindung von Entwicklungsprogramm und Kunst ideal. So wird die Latrine Gegenstand künstlerischer Erfindungskraft und mithin leichter zugänglich», sagt Bourquin.

Weckt der werbesprachliche Titel ‹L’Art’Trine› Misstrauen, zeigt ein Blick auf die Organisation die Ernsthaftigkeit des Vorhabens. Für einen Monat lud Bourquin dreissig Kunstschaffende nach Cotonou in eine Künstlerresidenz, um die kubischen Holzkisten mit Klobrille im Inneren zu bearbeiten. Am 6. Mai wurde die aus dem Residenz-Aufenthalt hervorgegangene Ausstellung im örtlichen Hotel Maison Rouge als Auktion eröffnet. Mit Originalkunstwerken für die gute Sache: Das eingenommene Geld ging an die belgische NGO Protos / Join For Water. Partner der Aktion, arbeitet sie seit 1994 vor Ort und wird nun weiter an der Entwicklung und dem Einsatz der hölzernen Helfer wirken. «Hauptziel war es, die Trockentoilette als Zwischenlösung für ländliche Gegenden ins öffentliche Bewusstsein zu bringen», erklärt Bourquin, «nach diesem Abend kann ich sagen: Wir haben das Ziel erreicht». 

Mit viel Humor haben erfolgreiche Beniner Toiletten entworfen, wie der bedeutende Maler Dominique Zinkpé, der aufwändig aus dem Holz der Toiletten-Kiste kleine Skulpturen geschnitzt, einen prächtigen roten Thron gestaltet hat. Zinkpé ist wichtiger Initiator für Kunst in Benin, beispielsweise auch des künstlerischen Programms im Kunstzentrum Le Centre. Sœur Henriette, mit bürgerlichem Namen Henriette Marie Goussikindey, hat mit singulärer Formensprache das nützliche Holzobjekt in eine fröhliche Kongregation gezeichneter Gesichter verwandelt. Der engagierte Maler Tchif fasst die hölzerne Box der Kompost-Toilette schwarz mit geometrischem Muster im Deckel. Auch ein politisches Statement für Tchif, der die weit gereiste Sammlung afrikanischer Gegenwartskunst ‹Africa My Name’s Job› gegründet hat. Marius Dansou, Bildhauer und Betreiber des wichtigen Kunst-Treffpunkts Le Parking erklärt zu seinem Beitrag, der dem Toiletten-Besitzer einen Spiegel vorhält: «Anfangs sah ich eine Verbindung zu den Themen, mit denen ich mich befasse, wie der Vielfalt der Menschen. Ich fand es amüsant, etwas beizutragen, das auf die Allgemeinheit des Problems verweist. Schliesslich braucht es nicht viel, damit uns klar wird, was wirklich wichtig ist, im Leben.» Zum mobilen Recycling-Bike hat der Bildhauer Benjamin Deguenon die Toilette umgebaut, die nun als Fahrrad auch andere Abfälle transportieren kann. Rasant kommt schließlich der Entwurf der in Benin lebenden französischen Künstlerin Sophie Negrier daher: sie hat unter Verwendung eines Motorrades die Klo-Kiste in einen Feuerstuhl verwandelt.

 

J. Emil Sennewald in Zusammenarbeit mit Julien Tohoundjo.

 

‹L’Art’Trine›, Hotel Maison Rouge, Cotonou, 6.–8.5.2021, Katalog online unter 

https://www.onart.media/wp-content/uploads/2021/05/Catalogue-de-lexposition-LArtTrine.pdf

Werbung