ROC, Espace dAM, ARC – Women-friendly

Lavinia Raccanello, ‹Spanische Militantin›, 2018. Partielle appropriation einer Illustration aus dem Buch Emile Témine u. a., ‹Espagne 1900-1985›, 1985, S. 55, aubewahrt im Centre international de Recherches sur l’Anarchisme/CIRA, Lausanne. 

Lavinia Raccanello, ‹Spanische Militantin›, 2018. Partielle appropriation einer Illustration aus dem Buch Emile Témine u. a., ‹Espagne 1900-1985›, 1985, S. 55, aubewahrt im Centre international de Recherches sur l’Anarchisme/CIRA, Lausanne. 

ROC, Espace dAM, ARC – Women-friendly

Romainmôtier – Im und um das älteste, während der Reformation jedoch unterdrückte Männerkloster der Schweiz wird am nächsten Sonntag koordiniert von der Association Romainmôtier contemporain ROC eine Veranstaltung stattfinden, welche sich mit der Bedeutung des Geschlechts in verschiedenen Feldern der Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur beschäftigt. Der Titel verschweigt dabei die Tatsache nicht, dass nicht mit einem Penis geboren zu werden, nach wie vor eine der grössten Herausforderungen ist, um eine selbstbestimmtes und im Intimen wie auch öffentlich erfülltes Leben zu führen. 

Vor allem aufgefordert zur Teilnahme sind alle, denen Fragen, Einwände und Bemerkungen zu Männern, Frauen und den verschiedenen Baustellen zwischen ihnen auf der Zunge liegen: So hat die durch das Migroskulturprozent betrieben Künstlerresidenz ARC nicht weniger als 30 auf die eine oder andere Art und Weise zum Thema kompetente Menschen dazu eingeladen, dem Publikum unter vier Augen Red und Antwort zu stehen! Der sich häufig mit der Vaterschaft beschäftigende Kulturjournalist und Romanautor Fred Valet gehört ebenso dazu wie die nicht zuletzt das Frauenbild immer wieder neu ergründende Malerin und Zeichnerin Elisabeth Llach, die in einer Ordensgemeinschaft lebende Krankenschwester Madeleine ebenso wie der sich zu seinem Intersex bekennende Gesundheitsspezialist der Lesbenorganisation Schweiz/LOS Sylvan Berrut. Dazu Juristen/-innen, Soziologen/-innen, Historiker/-innen. Immer steht, wie es die Kurzbiografien auf der Internetseite verdeutlichen, jedoch ein individuelles Schicksal hinter dem Engagement. 

Der Tag wird dabei abgeschlossen werden durch eine Projektion des Stummfilms ‹Loulou› von Georg Wilhelm Pabst von 1929 und zwar in der von Zensuren berfeiten Form mit  musikalischer Life-Begleitung durch das Big Eyes Trio. Von zwei verschiedenen Romanheldinnen von Franz Wedekind plus der umworbenen, aber sich bis in das Alter von 35 Jahren nicht auf Männer einlassenden Intellektuellen Lou André Salomé inspiriert, ist die Darstellung der Loulou immer noch eine frappierende Herausforderung für jedes Nachdenken über unsere Geschlechtlichkeit. Unschudig polymorphpervers, würde man heute sagen, gerät sie zwischen den schizophrenen Codes einer korrupten und dekadenten Gesellschaft unvermeidlich in eine Abwärtsspirale.
Bis Mitte Dezember zu sehen wird jedoch die Ausstellung von Lavinia Raccanello (*1985) sein, die bereits am Samstag daneben eröffnet, nämlich im bemerkenswerten vom Kunsthistoriker Alberto de Andrès und vom Cembalist Patrick Missirlian in Romainmôtier à fond perdu betriebenen Espace dAM zwischen aktueller Kunst und alter Musik. Zurzeit in Schottland lebend und arbeitend, stellt die italienische Künstlerin ihr bildnerisches Schaffen radikal in den Dienst eines anarchistischen Verständnis von Menschenwürde, nicht zuletzt indem sie sich auch mit konkreten von diesem Universum unterfüttertem Widerstand gegen verschiedene Formen von Totalitarismus auseinandersetzt und zwar in der Vergangenheit und der Gegenwart. Ihre Installation im dAM ist dabei aus der von ihr am Centre international des Recherches sur l’Anarchisme/CIRA kürzlich in Lausanne geführten Suche nach den Frauen geronnen, die während der Spanischen Republik 1931-1936 und des Frankismus 1939-1977 im Land selbst, der Schweiz und in Italien den Faschismus bekämpften. So hat sie ihre Gesichter auf Abbildungen in Büchern in Form von Puzzlesteinchen vergrössert und rot eingefährt, um ihnen ein individuelles wie kollektives Gedächtnis zu schaffen, aber dieses auch in unser allgemeines Bewusstsein einzugravieren. Im Mittelalter und in der Neuzeit galt Rot als die Farbe des Gedächtnisses, weshalb etwa besonders Gravuren auf Grabplatten und Grabsteinen dieser Epochen sehr häufig rot eingefärbt worden sind. Geheimes Wissen bedingt ihre Kunst jedoch nicht. In der Art und Weise, wie die Künstlerin Formen und Inhalten in ein Verhältnis setzt, leuchtet vielmehr eine Einfachheit und Klarheit auf. Dies hat an und für sich schon etwas Verblüffendes und Wohltuendes an sich inmitten der politischen Ambiguität, wie sie manche der teuer verkauften Kunstwerke heute nicht nur im Gefühl vieler Menschen auszeichnet, sondern auch aus den scharfen Analysen mutiger Kunst- und Kulturhistoriker hervorgeht. Lavinia Raccanello versteht denn auch ihre Werke nicht als «Setzungen», sondern als «Vorschläge». 
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Lavinia Raccanello 01.09.201816.12.2018 Ausstellung Romainmôtier
Schweiz
CH

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