Tami Ichino – Poesie und Philosophie der Nähe

Tami Ichino, ‹Vue vers le haut (Appui)›, 2018, Acrylfarbe auf Leinwand, 180 x 130 cm

Tami Ichino, ‹Vue vers le haut (Appui)›, 2018, Acrylfarbe auf Leinwand, 180 x 130 cm

Tami Ichino, ‹Grimpante›, 2017, Acryl auf Leinwand, 230 x 180 cm

Tami Ichino, ‹Grimpante›, 2017, Acryl auf Leinwand, 230 x 180 cm

Tami Ichino, ‹Silent Vibration›, 2018, Acryl auf Leinwand, 110 x 80 cm

Tami Ichino, ‹Silent Vibration›, 2018, Acryl auf Leinwand, 110 x 80 cm

Tami Ichino – Poesie und Philosophie der Nähe

Genf – Die Gemälde von Tami Ichino (*1978, Fukuoka) schwingen zwischen streng komponierten und höchst lyrischen Elementen hin und her. Die Japanerin, die 1998 alleine nach Europa aufgebrochen ist, an der Ecole nationale des Beaux-Arts in Lyon und an der Villa Arson in Nizza Malerei studierte und heute in Genf lebt und arbeitet, leitet in ihnen die Aufmerksamkeit auf alltägliche Dinge, in denen sie poetisches und philosophisches Potential erblickt. Trotz der grossen Formate, auf denen diese scheinbaren Lappalien monumentalen und spektakulären Charakter annehmen, sind deren Oberflächen mit dem Haarpinsel oft extrem fein wie in der flämischen Buchillumination ausdifferenziert und zwar stets auf der Basis einer Palette, die sie, angeregt von Johannes Ittens Farblehre, auf die Grundfarben Rot, Blau und Gelb und die Extreme Schwarz und Weiss beschränkt hält. Das besondere an ihren Bildern ist jedoch vor allem, dass man das Exponierte, das sich entweder von unten in das Bildviereck mit neutralem Hintergrund erhebt oder in dessen Mitte wie ein Himmelskörper schwebt, in einer Bewegung wahrnimmt, die in die Tiefe und in die Höhe geht und so trotz des Hyperrealismus wieder weg vom Sichtbaren führt. 

In ihrer dritten Einzelausstellung in der Galerie gowen contemporary (vorher Galerie Faye Fleming & Partner) beschäftigt sich Tami Ichino dabei über Mineralisches, Pflanzliches und Organisches auch mit einer unsichtbaren Welt, Geräuschen und Tönen. Als erstes fallen riesige Bildern auf, in denen eine Mondsichel hoch über den vom Wind gestreiften Blättern einer japanischen Eiche prangt. Tami Ichino nimmt darin Bezug auf Theorien wonach die Bildung des Monds, der ein Sechstel der Erdmasse umfasst, die Drehung der Erde entschleunigt hat, was erst eine relative Ruhe und Stille auf ihr und so auch das freie Zirkulieren von Geräuschen und Tönen ermöglicht hat. Delikate Bilder von sich je nach Halbkugel im Uhrzeiger- oder Gegenuhrzeigersinn spiralförmig um Stützen herum in die Höhe windenden Kletterpflanzen lassen die generelle Einwirkung kosmischer Kräfte auf alles, was uns umgibt, erahnen. Sie verweisen jedoch auch auf das Verhältnis, das Tami Ichino mit ihrer blinden Tochter hat, die mehr Stützen braucht als ein unbehindertes Kind, an denen sie sich hochwinden kann. Auf weiteren Bildern hat Tami Ichino schwarze Klavierpartituren, die sie mit ihrer Tochter einübt, mit farblichen Echos versetzt und damit die Musik, die sich nach und nach aus den stumpfen Zeichen freisetzt, in eine visuelle Sprache übersetzt.

Bilder von Muscheln führen schliesslich über die Illusion, das Meer in ihnen rauschen zu hören, zum menschlichen Ohr selbst, dem sie sich über Skulpturen nähert, die aufgrund ihrer ebenso feinen Bemalung wie aus den Leinwänden gesprungen wirken. So beschäftigt sie sich in Gruppen kleinster Trommeln metaphorisch mit der Membran, von welcher Geräusche und Töne vom Körper abgenommen werden, während sie in spiralförmigen Konstruktionen mit an das All anklingender Bemalung auf deren Aufgliederung in der Gehörschnecke für die Verarbeitung im Gehirn kreist. 

 

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Tami Ichino 14.09.201827.10.2018 Ausstellung Genève
Schweiz
CH
Autor/innen
Katharina Holderegger Rossier
Künstler/innen
Tami Ichino

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