Werkschau Kanton Zürich 2022 — Johanna Müller

Johanna Müller. Foto: Reto Fürst

Johanna Müller. Foto: Reto Fürst

Johanna Müller, Filmplakat, 2022

Johanna Müller, Filmplakat, 2022

Johanna Müller, behind the scene, 2022

Johanna Müller, behind the scene, 2022

Werkschau Kanton Zürich 2022 — Johanna Müller

Johanna Müller (*1990, Bürgeln) lebt in Winterthur

Ein Blick in die Arbeitswelt von Johanna Müller ist ein Blick auf das Aufeinandertreffen verschiedener Welten und ein Einblick in ein komplexes System aus Überlagerungen von virtuellen und analogen Räumen, Wegen und Beziehungen. Dabei ist die Frage nach der Orientierung in einem solchen System von zentraler Bedeutung. Die Künstlerin untersucht die Wechselwirkungen zwischen Internetraum und User. Ihre künstlerische Herangehensweise beschreibt sie als eine Art des Flanierens, wobei sie als «Internetflaneurin» ziellos und schwankend im World Wide Web unterwegs ist. Sie erschafft ein neues Verhältnis zu dem, was in unserem Alltag schon längst zu einem undurchsichtigen Etwas verschmolzen ist. Dass ich sie per Zoom in Paris erreiche, wo sie zurzeit im Rahmen eines Atelierstipendiums des Kantons Zürich – an einem grossen Schreibtisch sitzend – arbeitet, sei kein Zufall. Paris sei schliesslich die Geburtsstadt der literarischen Denkfigur des Flaneurs.

Johanna Müller interessiert sich für die ganze Welt, sagt sie mir und blickt dabei strahlend in die Zoom-Kamera. Sie erforscht die Phänomene, die ihr online begegnen, fischt Fragmentarisches aus dem wirren Sammelsurium im Netz, dekonstruiert das gefundene Material aus Social Media, Games & Co. und erschafft daraus etwas Neues. Dabei dekonstruiert sie klassische, lineare Erzählmuster. Gewöhnliche Szenen und alltägliche Mechanismen verschwinden hinter der Vielzahl ihrer Zerrbilder, die in eigenwilligen Collagen kombiniert werden.

Vor allem dem Medium Video gilt die Aufmerksamkeit der Künstlerin, die ihren Lebensunterhalt mit einer 40%-Anstellung als Dozentin am Institut für Ergotherapie in Winterthur zusätzlich finanziert. Filme schaffen ihrer Ansicht nach durch das Erzeugen einer bestimmten Atmosphäre Erfahrungen, die eine fiktive Geschichte zur Projektionsfläche für die eigene werden lassen können. Die Künstlerin arbeitet vor allem mit sich selbst, als Figur vor der Kamera und als Cutterin am Bildschirm. In einer ersten Phase verwebt sie ihr Gesammeltes zu neuen Systemen; sie legt unzählige Mindmaps an, inspiriert von aktuellen Trends, Internethypes und zeitgenössischen Debatten. Erst beim Editieren in Adobe Premiere, beim assoziativen Verbinden der einzelnen Elemente, ordnen sich diese zu einem Ganzen, zu einem Assoziationsfeld.

Bei ihrer neuesten Arbeit Who the f*** is Karen? (don‘t show feelings), die an der Werkschau 2022 ausgestellt wird, nimmt die Künstlerin das Internetphänomen der Karen (Meme) auf, welches ursprünglich aus den USA stammt und für spezifische Verhaltensmuster der weissen Mittelschicht steht. Karen nutzt ihr weisses Privileg, um ihren eigenen Willen durchzusetzen. Johanna Müller spielt im 15-minütigen Video eine Rolle, die stellvertretend für den Mangel an Kontrolle über den eigenen Zustand in einer komplexen Welt stehen kann. Neben Musik und Gestik erzählen hinzugefügte Untertitel von einem Gespräch zwischen Karen und einem fiktiven X, der eine Therapeutenrolle zu übernehmen scheint. Selbst wenn wir Karen nicht kennen, können wir die Erzählung dennoch auf unsere individuelle Weise lesen. Dies ist der Künstlerin wichtig. 

Valeska Marina Stach studierte Bildende Kunst. Aktuell absolviert sie ein Masterstudium in Literarischem Schreiben an der Hochschule der Künste Bern, seit 2019 ist sie als freie Autorin in Basel tätig.

Künstler/innen
Johanna Müller
Autor/innen
Valeska Marina Stach

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