Werkschau Kanton Zürich 2022 — Lara Dâmaso

Lara Dâmaso, 2022

Lara Dâmaso, 2022

Lara Dâmaso, 2022

Lara Dâmaso, 2022

Werkschau Kanton Zürich 2022 — Lara Dâmaso

Es sei die Verbindung von Stimme und Körper, die sie im Moment besonders interessiere, erklärt Lara Dâmaso. Sie sitzt am kleinen Holztisch in der Ecke des Studios unter der Dachschräge. Wenn sie erzählt, bewegt sich ihr Oberkörper mit und ihre Hände malen Bilder in die Luft. Das Studio in der Gessnerallee ist einer ihrer Arbeitsorte für die nächsten fünf Wochen; sie probt hier an einem Tanzstück, das sie als Hauskünstlerin koproduziert. Am Nachmittag wird sie am Schnittplatz eines Freundes weiterarbeiten. Ein Studio zu finden, das ihren Ansprüchen gerecht wird, sei schwierig, sagt sie und lächelt. Unsere heissen Füsse hinterlassen dunkle Spuren auf dem Tanzboden. 

Tanz gehört schon lange zu Lara Dâmasos Leben und Arbeit, der ursprüngliche Plan einer Ballett-Karriere löste sich bald zugunsten der freien Kunst auf. Hier sucht sie immer wieder Momente der Verletzlichkeit; exponiert das Weiche unter der Oberfläche – und begegnet so dem Publikum auf Augenhöhe. Ihre Pieces seien strukturale Improvisationen, erzählt sie. Lara Dâmaso bestimmt die Regeln und lässt dann ihrem Körper freien Lauf. Mit dieser offenen Choreografie entsteht aus dem Wechselspiel von Struktur und Improvisation etwas Neues. Dabei ist es ihr wichtig, achtsam zu sein und zuzuhören. Die Künstlerin erklärt Bewegung als eine Form von Kommunikation – mit sich selbst, mit der Umgebung und deren Geschichte, mit den Zuschauer:innen. 

In Lara Dâmasos Arbeitsalltag gebe es nicht wirklich eine Routine, aber meistens bestehe sicher ein Teil davon aus Körperarbeit und ein anderer aus Lesen. Schon während ihres Studiums der Medienkunst in Leipzig suchte sie das Körperliche in der Theorie und hinterfragte die hegemoniale Wertung von Emotion und Ratio. Sie interessiert sich nach wie vor dafür, was als Wissen zählt, wer vermitteln darf, was oder wer Raum einnimmt und wie damit gebrochen werden kann. Wer darf laut sein und wer nicht? Das sei auch eine der Ausgangsfragen für ihre Videoarbeit Saudade. Lara Dâmaso kommt auf das eigene Aufwachsen in der Schweiz mit portugiesischen Eltern zu sprechen, dem Lärm Zuhause und der lauten Stimme ihrer Mutter. Sie lernte früh, dass Ausdruck, Stimme und Lautstärke kulturell konnotiert und in ihrer Familie mit einer Sehnsucht nach der alten Heimat verbunden sind. In ihrer Videoarbeit lässt sich Lara Dâmaso selbst von «Saudade» treiben, diesem diffusen Fern- oder Heimweh nach der Zukunft; es gibt in keiner Sprache eine präzise Übersetzung. Anstatt aber im selbstmitleidigen Lamento des portugiesischen Fado zu versinken, hinterfragt die Künstlerin dessen kolonialen Kontext, emanzipiert sich von traditionellen Strukturen und formt eine eigenständige Gegenposition. Sie sucht in den algarvischen Felsen die Beziehung zu ihrem Heimatland, spielt mit dem Klang der Stimme, dem Klang der Steine und dem des Meers. Es entsteht eine musikalische Komposition und ein intimer Tanz zwischen Mutter und Mutterland, Wurzeln und Entwurzelung, Echo und Vibration – und der Verbindung von Körper und Stimme. 

Ava Slappnig studiert Kulturpublizistik (MA Art Education) an der Zürcher Hochschule der Künste und ist seit 2021 als Redaktorin bei der Medienagentur INTR und als freie Kulturjournalistin tätig.

 

 

 

 

Künstler/innen
Lara Dâmaso
Autor/innen
Ava Slappnig

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