Gastateliers — Lahore Connection

Walled City, Lahore. Foto: Dagmar Reichert

Walled City, Lahore. Foto: Dagmar Reichert

HarSukh Cultural Centre, Lahore. Foto: Dagmar Reichert

HarSukh Cultural Centre, Lahore. Foto: Dagmar Reichert

Fokus

Pakistan ist für die meisten Kunstinteressierten im Westen ein weisser Fleck. Nun bieten verschiedene Initiativen neue Möglichkeiten für Atelieraufenthalte und ermöglichen vertiefte Einblicke in ein Land mit einer überaus reichen Kultur und einer sich dynamisch entwickelnden Gesellschaft.

Gastateliers — Lahore Connection

«Pakistan? Ist das nicht zu gefährlich?» Leider kommt dieses vielfältige muslimische Land mit fast 200 Millionen Einwohner/innen bei uns meist erst in die Medien, wenn es über Gewalt zu berichten gilt. Und es stimmt, immer noch gibt dieser Staat für Militär mehr aus als für Bildung und schon lange sollte man bestimmte Regionen Pakistans nicht bereisen. Generalisierungen sind aber vor allem eines: Auslassungen. Sie übersehen die ungeheure Leistung unzähliger kritischer und engagierter Menschen, die sich in Pakistan für ihr Land und ihre Gesellschaft einsetzen. Darunter auch viele Kunstschaffende: von Menschen in ländlichen Regionen, die eine reiche Tradition mündlich überlieferter Dichtung lebendig halten, über Musiker/innen aus verschiedenen sufistischen Schulen oder der Bhangra-Musik bis zu Angehörigen meist reicherer Gesellschaftsschichten, die, ausgebildet an modernen Kunsthochschulen, Themen aus Südasien ins Weltkunstsystem tragen. Namen, die wir bei uns kennen, wie den des verstorbenen Qawwali-Musikers Nusrat Fateh Ali Khan oder der bildenden Künstler/innen Salima Hashmi, Bani Abidi, Rashid Rana oder Waqas Khan, sind nur ganz wenige aus dem faszinierenden Kulturschaffen des Landes. Als Möglichkeit, dieses kennenzulernen und daraus Arbeiten zu entwickeln, bieten ­einige pakis­tanische Kulturorganisationen mehrmonatige Atelieraufenthalte für internatio­nale Kunstschaffende. Ein Beispiel ist das seit wenigen Jahren bestehende Kulturzentrum HarSukh am Rand der Metropole Lahore, eigentlich der Wohnsitz einer kulturengagierten, wohlhabenden Familie mit Wurzeln im Sufismus. Mehrere ihrer Mitglieder sind Musiker, Dozent/innen für Tanz oder bildende Kunst, und auf der Bühne von HarSukh finden regelmässig Konzerte statt. Neben Ateliers und Wohnungen für Gäste betreibt die Familie auch eine angeschlossene Bio-Landwirtschaft und eine Schule für ca. achtzig Kinder aus umliegenden Dörfern. Auch die Gastkünstler/innen sind eingeladen, mit den Kindern der Schule zu arbeiten. Von HarSukh fährt man ca. eine Stunde ins wirbelnde Zentrum von Lahore. Diese Distanz mag ein Nachteil sein, andererseits ermöglicht sie den Rückzug an einen ruhigen Ort und mag Schweizer Kunstschaffenden erlauben, die Codes der sehr unterschiedlichen sozialen Gruppen der Stadt schrittweise kennenzulernen und sich trotz der Medien-Stereotype über Pakistan dort sicher zu fühlen. Die in HarSukh ansässigen Künstler/innen verfügen über ein ausgedehntes Netzwerk und helfen mit Kontakten und in praktischen Belangen.

Dagmar Reichert, Dozentin ZHdK, Geschäftsführerin artasfoundation. dagmar.reichert@artasfoundation.ch

→ Weitere Informationen zu Optionen in Lahore und Karachi über Andrea Saemann (andrea.saemann@bluewin.ch) und Dagmar Reichert. Residencies Pro Helvetia siehe Ausschreibungen: (→ S. 116 in dieser Ausgabe)

Author(s)
Dagmar Reichert

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