Johann Heinrich Füssli — Spektakuläre Leidenschaft

Johann Heinrich Füssli · Lady Macbeth, schlafwandelnd, um 1783, Öl auf Leinwand, 221 x 160 cm. Foto: RMN-Grand Palais (Musée du Louvre), Hervé Lewandowski

Johann Heinrich Füssli · Lady Macbeth, schlafwandelnd, um 1783, Öl auf Leinwand, 221 x 160 cm. Foto: RMN-Grand Palais (Musée du Louvre), Hervé Lewandowski

Besprechung

Er ist ein ganz besonderer Shakespeare-Interpret, ein Maler mit eigenwilliger Erfindungskraft und ein fantastischer Geschichtenerzähler, bei dem sich die Form dem Ausdruck unterordnet, bei dem sich alles zu Drama pur gestaltet: Füssli – wild und ­mitreissend.

Johann Heinrich Füssli — Spektakuläre Leidenschaft

Basel — Er war schon ein toller Typ, dieser Henry Fuseli, dieser «wilde Schweizer», der mit seiner Kunst zwar nicht reich wurde, aber erfolgreich, und der die Gemüter noch heute berührt. Ein Bewegungskünstler, ein Gefühlsmagier und fantasievoller Inszenator ist er, und wenn das Kunstmuseum Basel nun den Akzent auf ‹Drama und Theater› legt, so hat das seine guten Gründe. Johann Heinrich Füssli (1741–1825) schafft seinen Gestalten eine Bühne auf der Leinwand, und in seinen theatralischen Momentaufnahmen – die das Vorher und das Nachher vereinen, die zugleich vergangenheitsschwer und zukunftsträchtig sind, die Augenblicke der Erkenntnis und auch Visionen zusammenführen –, in Füsslis Darstellungen prägnanter Augenblicke also pulsieren die Empfindungen, wehen Schicksale und werden Geschichten erzählt von Göttern, Helden und Menschen. Unverkennbar treten diese auf mais- und senfgelb, dann auf mauve und violett gestrichenen Wänden auf. Und die Gemälde, bei denen das Helle aus dem Dunkel hervordringt und die Farben in der Regel nur Akzente setzen, leuchten: lauter Produkte eines grossartigen Augenmenschen, der das Licht bühnenprofimässig zu steuern weiss. In acht Kapiteln tauchen wir ein in die Welt des vielseitigen und hoch gebildeten Zürchers, der schon als Knabe Talent zeigte, aber erst nachdem er nach London gezogen war und von dort aus in die «grosse Kunstschule» Italien reiste, zum Maler und berühmt wurde – mit einer ersten Version des ‹Nachtmahrs›, 1781. Eine 1810 enstandene Version dieses kühnen schöpferischen Einfalls wird in Basel gezeigt. Sie ist eine von insgesamt 69 irrlichternden Erfindungen aus der Zeit von 1779 bis 1824, in denen Füssli, ein Intellektueller mit viel Fantasie und Sensualität, «grelle Schlaglichter auf die psychischen Extremzustände der menschlichen Existenz» wirft (Alexander Honold im aufschlussreichen Katalog). So entführt uns der Künstler in die Welt von Literatur und Theater, von Shakespeares ‹Hamlet›, ‹Sommernachtstraum› und ‹Macbeth› oder Miltons ‹Paradise Lost›; in die Welt von Homer, Sophokles und Vergil, der nordischen oder schlichtweg von Füssli selbst erfundenen Mythen. Und überall – wir brauchen gar nicht so genau zu wissen, in welcher Geschichte wir uns befinden – werden wir gepackt von den Verrenkungen, Spannungen, Verflechtungen der Körper: Eros in all seinen Bedeutungen. Eigenartige Imaginationen voller Sturm und Drang, klassizistisch hier, romantisch dort. Hoch explosiv.

Until 
10.02.2019

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