Ansichten — Konkrete Poesie auf einem romanischen Grabmal

Louis Boudan für den Antiquar François-Roger de Gaignières, Grabmal für Mathilde von Flandern (gest. 1083), Abbaye-aux-Dames, Caen, 1698/1702, Oxford, Bodleian Library

Louis Boudan für den Antiquar François-Roger de Gaignières, Grabmal für Mathilde von Flandern (gest. 1083), Abbaye-aux-Dames, Caen, 1698/1702, Oxford, Bodleian Library

Fokus

Nur Flüstertöne spielte mir das Mobiltelefon zu: «Je suis ­devant le tombeau de Mathilde. C’est maaagnifiiique! Maintenant, je compreeends!» – raunte mir eine Freundin zu, die grad vor dem Grabmal von Mathilde von Flandern in der ­Abbaye-aux-Dames in Caen stand.

Ansichten — Konkrete Poesie auf einem romanischen Grabmal

Ja, was hat es mit dieser trapezförmigen Platte auf sich? Sie besteht aus mit Kohle versetztem Kalkstein, der aus der flandrischen Heimat einer normannischen Herzogin und späteren englischen Königin stammt. Wieso hat mich dieses Frauengrabmal so berührt, mehr als alle anderen, die ich in den Kirchen der Vormoderne als Spielplätze und manchmal auch Schlachtfelder von Identitäten studiert habe? Tatsächlich reisst die Reihe der von diesem ­Monument Ergriffenen in der 1059/1060 gestifteten Abbaye-aux-Dames in Caen nur in der Zeit ab, als das Grabmal durch eine gotische Nekropole überhöht und zugleich darunter verborgen war. Es kam erst wieder zum Vorschein, als die Calvinisten 1562 gegen diese Form des Totenkults Hand anlegten. Schon der Chronist Orderic Vitalis (gest. 12. Jh.) schrieb das von ihm als «lieblich» bezeichnete Epitaph buchstabengetreu ab. Das Gedicht ist mit einem Schwung formuliert und gesetzt, der in auffälligem Kontrast zur Strenge der mittelalterlichen leo­ninischen Versregeln wie auch der geometrischen Anordnung steht. Die Schrift bewegt sich von der Mitte des Kopfendes in an- und abschwellender Dichte und ­Dicke der Buchstaben entlang der Ränder und dann entlang der Mittelachse hinunter und wieder herauf. Im Wortlaut verbindet sich die knappe, klare Sprache von Urkunden durch unerwartete Wendungen zu einem dialektischen Porträt der Stifterin. So erfahren wir etwa: «Den Fürst von Flandern hatte sie zum Vater und zur Mutter Adele» oder «Für sich selbst arm an verschwendeten Reichtümern; für die Armen reich.» Die Abtei war beim Tod von Mathilde von Flandern 1083 eines der damals modernsten Administrationszentren, das Dutzende von normannischen und englischen Dörfern, Weinbergen, Salzfeldern, Fischgründen und Handelshäusern vernetzte, und zugleich ein Leuchtturm der Poesie. Die in Konstanz lehrende Mediävistin Gabriela Signori trug dabei schon länger Indizien zusammen, wonach selbst die von der literarischen ­Elite um den Ärmelkanal damals so bewunderte Dichterin Muriel (gest. vor 1113) nicht vornehmlich in der Wilton Abbey, sondern in Caen gewirkt hatte. Leider ist keines ihrer Werke überliefert. Aber könnte nicht eines der Grund jenes aufgeregten Anrufs meiner Freundin gewesen sein? Auf alle Fälle dürfte das Epitaph für die ­Reine-Duchesse Mathilde auf eine der Frauen zurückgehen, die in der dank zahlreicher werdenden Historikerinnen zwar allmählich besser erforschten, aber doch noch unterbewerteten vortrefflichen Schreibstube der Abbaye-aux-Dames die Feder führten.

Katharina Holderegger, Kunsthistorikerin, Kritikerin, Kuratorin, lebt mit ihrer Familie am Genfersee, dissertiert mit ‹Monument und Geschlecht› an der Universität Bern.

 

→ Ansichten: Ein Bild, ein Text – Autor/innen kommentieren eine visuelle Vorlage ihrer Wahl.

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