Sammlerstücke — Das Werkzeug eines Künstlers?

Römisches Chirurgenbesteck (in modernem Etui), 1.–3. Jh., Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte. Foto: SKKG

Römisches Chirurgenbesteck (in modernem Etui), 1.–3. Jh., Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte. Foto: SKKG

Fokus

Zur Kunstsammlung Bruno Stefanini gehört auch ein historisches Chirurgenbesteck, das, in einer knapp A4-grossen ­Kiste fein säu­­berlich aufgereiht, seinem Alter entsprechend zerbrechlich wirkt. Es stammt aus römischer Zeit, aus dem ersten bis dritten Jahrhundert nach Christus. 

Sammlerstücke — Das Werkzeug eines Künstlers?

Das Werkzeug eines Chirurgen dient dem medizinischen Eingriff in den menschlichen Körper zur Heilung von Krankheiten. Schon im alten Rom operierten Ärzte mit feinem Besteck, wie dem aus der Sammlung der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte. Die präzise Arbeit ging ihrer Zeit voraus und legte doch einen Grundstein für die Heilkunst der nachfolgenden Jahrhunderte. Heilkunde hat eine lange Tradition. Schon immer gehörten zu den Aufgaben der Chirurgie die Blutstillung bei Verletzungen und die Behandlung von Knochenbrüchen, ausserdem die Versorgung von Wunden. Alte Funde zeigen, dass, aus heutiger Sicht, bereits damals erstaunlich fortschrittliche Apparate entwickelt wurden: Skalpelle und Instrumente – beispielsweise um Mandeln, Warzen oder Abszesse zu entfernen. Das Sammlungsbesteck enthält auch einen Haken, der für das Offenhalten von Wunden verwendet wurde.
Die Vorstellung der Kunst des Heilens lässt sich aber noch weiter aufspannen – denn heutzutage gibt es auch chirurgische Eingriffe, die vor allem ästhetischen Zielen, der Schönheit dienen – dem vermeintlich klassischen Bereich der Künstlerinnen und Künstler. Im November 2012 fand in Berlin eine Tagung statt, auf der sich Fachleute der Kulturwissenschaft mit der Frage befassten, ob der plastische Chirurg einem bildenden Künstler gleiche. Seine Möglichkeiten sind schliesslich beinahe unbegrenzt und können Menschen sogar ein neues Gesicht geben.
Neben ästhetischen Überlegungen stellen sich dabei auch ethische Fragen: Wie soll ein «normales», vielleicht sogar «harmonisches», oder «ausgewogenes», «schönes» menschliches Gesicht aussehen, damit es gesellschaftlich oder mindestens von einzelnen Personen akzeptiert wird?
Bis heute finden wir in Anatomiebüchern die Proportionslehre Leonardo da Vincis (1452–1519), die, ähnlich wie die Phrenologie (gr. «phren», Zwerchfell als Sitz der Seele, «logos» Wort, Lehre) von der äusseren Form des Körpers auf seine seelischen Zustände schliesst. Leonardo da Vincis anatomische Studien entstanden – trotz Verbot – heimlich, vor allem durch das Sezieren von Leichen. Für seine malerischen Werke untersuchte er den menschlichen Körper bis in sein Innerstes, um seine Verhältnisse und Bewegungsabläufe besser verstehen zu können. Mit seiner Forschung ging er sogar so weit, dass er, als erster Mensch überhaupt, ein Kind im Mutterleib (ab-)zeichnete. Ein Chirurgenbesteck kann also in vielerlei Hinsicht das Werkzeug eines Künstlers sein, wenn wir unserer Fantasie freien Lauf lassen.

Valeska Marina Stach, freie Künstlerin und Autorin in Basel. valeskamarinastach@gmail.com

→ Sammlerstücke: Autor/innen kommentieren ein ausgewähltes Werk aus der Sammlung der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte ↗ www.skkg.ch

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