Ubuntu, un rêve lucide

Six continents, ou plus, Ausstellungsansichten Palais de Tokyo, 2021. Foto: Aurélien Mole

Six continents, ou plus, Ausstellungsansichten Palais de Tokyo, 2021. Foto: Aurélien Mole

Six continents, ou plus, Ausstellungsansichten Palais de Tokyo, 2021. Foto: Aurélien Mole

Six continents, ou plus, Ausstellungsansichten Palais de Tokyo, 2021. Foto: Aurélien Mole

Hinweis

Ubuntu, un rêve lucide

Paris — Inmitten dekolonialen Umgebungslärms könnte man «zu bunt» statt «Ubuntu» hören. Und wäre mittendrin im kosmogonischen Konzept, mit dem Kuratorin Marie-Ann Yemsi die neue Ausstellungssaison ‹Sechs Kontinente oder mehr› im Palais de Tokyo eröffnet. Ähnlich schwer übersetzbar wie das deutsche Wort Heimat umfasst der Begriff aus den Bantu-Sprachen den Ort des Einzelnen in seiner Gemeinschaft: «Ich bin, weil wir sind.» Ein solches Wir durchlaufen konstruktive Verschiebungen, wie sie im Traum geschehen. Der madegassische Künstler Joel Andrianomearisoa fasst das auf der Fassade des Kunstzentrums so: «Ici, nous portons tous les rêves du monde.» Gesprochen bedeutet das ebenso, dass alle Träume der Welt getragen werden wie dass wir alle die Träume der Welt tragen. Yemsi, der es «um Öffnung aufs Allgemeinmenschliche, nicht um kontinentale Identitäten» geht, setzt auf Ubuntu als «Menschlichkeit in Gegenseitigkeit». Mit acht grossen Gemälden von Meleko Mokgosi aus der seit 2013 erstellten Serie ‹Democratic Intuition›, jüngst auf der ART Basel Unlimited gezeigt, nutzt Yemsi die Wucht, mit der diskursive Kunst den Betrieb erobert. Allerdings besteht sie darauf, mitnichten «eine Ausstellung afrikanischer Kunst», sondern mit den 19 eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern, darunter Nolan Oswald Dennis, Frances Goodman, Richard Kennedy, Grada Kilomba oder Turiya Magadlela, eine Schau zu liefern, die «auf je eigene Weise Ubuntu als Schaffens­prinzip, Resonanzfigur oder Fragehorizont» anbietet. Dass solche der europäischen Ideengeschichte durchaus nicht fremden, gleichwohl oft verdrängten Denkformen solidarischer Reziprozität von der Zeitschrift Le Point zur «neuen Weisheit aus Afrika» verkitscht werden, ist ärgerlich. Die Kunstdebatte arbeitet sich derzeit aus überkommenen Kolonial-Ideen und Schuldgefühlen heraus – und zwar mit Afrikas Philosophie (und nicht «Weisheit») als konstruktivem Bestandteil. «Die Ausstellung ist ein Anfang», sagt Yemsi, «sie zeigt, wie wir Menschheit gemeinsam bilden und die Welt humanisieren können.» Bisweilen ein wenig wie ein Nachhilfekurs in Weltentwürfen mittels Kunst, mal partizipativ (Kudzanai Chiurais ‹Library of Things We Forgot to Remember›), mal bunt (Michael Armitages postimpressionistische Aneignungen), gelingt der Ausstellung eines gut: die Dringlichkeit gemeinsamer Arbeit am Weltganzen erfahrbar zu machen, Kunst als Sinnproduzentin zu platzieren – jenseits exklusiver Weltkunst-Ghettos.

Until 
20.02.2022

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