Vídeo nas Aldeias

Filmvorführung von Vídeo nas Aldeias 1986, Courtesy VNA. Foto: Beto Ricardo

Filmvorführung von Vídeo nas Aldeias 1986, Courtesy VNA. Foto: Beto Ricardo

Hinweis

Vídeo nas Aldeias

Winterthur — Klangvolle Sprachen vermischen sich: Manche sind laut, manche sind leise und singend, keine davon kann ich verstehen. In der Ferne erklingen rituelle Gesänge und Rhythmen. An der Wand steht: «Die Weissen [...] stahlen die Aufnahmen, die sie von uns gemacht hatten und kehrten nie wieder mit ihnen zurück.» (Ariel Ortega)
Ich befinde mich in der Ausstellung ‹Vídeo nas Aldeias› (dt. Video in Dörfern) im Ausstellungsraum der Coalmine und werde zunächst von sensorischen Reizen überflutet. Gezeigt wird ein Überblick über das 35-jährige Schaffen des gleichnamigen brasilianischen Kollektivs von indigenen und nichtindigenen Filmemacherinnen und Filmemachern. Für die Werkauswahl arbeitete die Kuratorin Annette Amberg eng mit dem Gründer des Kollektivs Vincent Carelli und dessen Tochter Rita zusammen. Gezeigt werden elf Filme in Originalsprache mit englischen Untertiteln. Während der Filmproduktion bringen Mitglieder von VNA das gewonnene Material zurück in die Dörfer und verhandeln die Bilder im Kollektiv. Die Ausstellung fordert unsere Seherwartung an «indigene Bilder» heraus und unterwandert sie durch Pluralität.
Die klare Szenografie bringt schliesslich Ruhe in die drei Ausstellungsräume. An jedem Röhrenfernseher befindet sich links und rechts ein Lautsprecher. Diese wirken wie Ohren und symbolisieren mir: Jetzt ist es Zeit zuzuhören! Ein Fernseher ist tiefer platziert als die anderen: Vier Kinder der Ikpeng-Gemeinschaft aus Brasilien schicken hier eine Videobotschaft an Kinder der Sierra Maestra in Kuba. Ich kann mir vorstellen, wie sich Kinder vor den Fernseher im verschneiten Winterthur drängen.
An ‹Yãkwa − The Banquet of the Spirits›, 1995, von Virginia Valadão beeindruckt mich sowohl das hier gezeigte, titelgebende Ritual als auch dessen ästhetische Umsetzung im Film. Die Aufnahmen und das siebenmonatige Ritual selbst wurden vom IPHAN und der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Die Bedeutung dieser Bilder für die Gruppe der Enawenê-Nawê wird durch den folgenden Film von Rita und Vincent Carelli deutlich. Sie kehren 2020 im Prozess der Archivierung mit dem Filmmaterial ins Dorf zurück. Dabei sahen die Bewohnerinnen und Bewohner nicht nur verstorbene Familienangehörige wieder, sondern hörten auch ein verlorenes rituelles Lied ihrer Vorfahren. Die Gegenüberstellung der beiden Filme zeigt, wie sich die indigene Gemeinschaft verändert hat. Beim gemeinsamen Filmabend fragen die Kinder ungläubig: «This is us?»
Die Ausstellung schliesst mit dem Film ‹Já me transformei em imagem›, (2008, ‹I’ve Already Become an Image›) von Zezinho Yube. Hier wird konkret angesprochen, was in vielen Filmen subtil mitschwingt: die negativen Folgen für die indigene Bevölkerung seit dem ersten Kontakt zu den Weissen. Der Filmemacher verbindet die konfliktreiche Geschichte der Huni Kuin aus Peru mit der Reflexion über das politische und kulturelle Potenzial des Filmbilds. Im Raum befindet sich ein Knopf, den ich mir nicht nur für jeden ausgestellten Film, sondern manchmal auch für das Weltgeschehen Wünsche: «Für Neustart Knopf drücken».
Wer die Ausstellung besucht, tut gut daran, sich zwischendurch im Café zu stärken und viel Zeit mitzubringen − die Filme haben insgesamt eine Spielzeit von 6,5 Stunden. Sollte Ihre Zeit nicht reichen: Kommen Sie wieder, der Eintritt ist gratis. Einige der gezeigten Filme und weitere von Carelli kuratierte Filme können online im Rahmen des Festivals Culturescapes 2021 angeschaut werden.

Claudia Heim (Schreiben über Kunst, MA Kulturpublizistik ZHdK)

Until 
22.01.2022
Exhibitions/Newsticker Date Type City Country
Vídeo nas Aldeias 19.11.2021 to 22.01.2022 Exhibition Winterthur
Schweiz
CH

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