Nina Childress — Hypertrichosis

Nina Childress · 1153 – Gravity (Shelley), 2022, Öl, Kette, Medaille, Nägel auf holografischem Stoff auf Panel, 62,5 x 57 cm © ProLitteris

Nina Childress · 1153 – Gravity (Shelley), 2022, Öl, Kette, Medaille, Nägel auf holografischem Stoff auf Panel, 62,5 x 57 cm © ProLitteris

Besprechung

Spleens verbinden sich mit Esprit in der Schau der fabelhaften Malerin Nina Childress im Musée des Beaux-Arts La Chaux-de-Fonds. Alles dreht sich darin um die verblüffenden Schnitt­stellen zwischen Kopf-, Gesichts- und Körperhaaren sowie der Essenz des malerischen Mediums.

Nina Childress — Hypertrichosis

La Chaux-de-Fonds — Was ist die Geschichte der Malerei anderes als Abklatsch von Haaren und Borsten? Haben Maler:innen nach der Pinselerfindung nicht nur noch  anekdotisch mit anderen Übertragungsmöglichkeiten von Farbe auf Fläche experimentiert? In figürlicher Kunst sind zudem Haare und Tuchfalten auch Orte der individuellen Stilentfaltung. Weiter reissen sie im Bild wie im realen Leben ein Kommunikationsfeld auf, in dem zwischen Biologie und sozialer Repräsentation verhandelt wird und magische Vorstellungen eine Rolle spielen. Haare verkörpern als selbst posthum noch wachsende Körperteile die Vitalität selbst.
Die während ihres Kunststudiums in Paris als kreischende Sängerin der Punkgruppe Lucrate Milk auftretende Nina Childress (*1961) entwickelte in ihrer zunehmend an Bedeutung gewinnenden Malerei eine Schwäche für Föhnfrisuren und Dauerwellen, verlängerte Wimpern und verdichtete Brauen, ja sogar die zur Schau gestellten Körperhaare in der Pop- und Jugendkultur der 1960er- und 1970er-Jahre. Manchmal schliesst sie sogar Locken der von ihr obsessiv und mit unendlicher Zuneigung gemalten Stars, Groupies und Fans dieser Epoche wie Reliquien in ihre Werke ein, die schon wegen der oft metallenen und fluoreszierenden Farben etwas Auratisches besitzen. Dass Haare plötzlich als ein Kernthema von Childress erkannt werden, ist der Autobiografie zu verdanken, welche Fabienne Radi ergänzend zum Werkkatalog 1981–2021 der Künstlerin verfasst hat. Ein ganzes Kapitel findet sich darin zu den bisher 32 Frisuren der gebürtigen Kalifornierin, die sich in jungen Jahren, wegen ihrer aus den Haaren ragenden Riesenohren, hässlich fand. Die welsche Schriftstellerin zeichnet denn nun auch das Texttrio ‹Cils, poils, cheveux (et extensions)› in der Gratiszeitung zur (fast) gleichnamigen Schau in La Chaux-de-Fonds.
Durch die Assoziation zwischen Haarigem und Malerei stellt Childress die Frage neu, weshalb dieses von den Avantgarden wiederholt totgesagte Medium weiter fasziniert. Durch die letztlich austauschbaren Versionen «bad» und «good» des gleichen Motivs setzt sie grundsätzlich zu einem Befreiungsschlag gegenüber dieser auch leidvollen Geschichte an. Ins MBAC hat sie in diesem Sinne auch sechs Kollegen:innen von Franz Gertsch (1930-2022) bis Caroline Tschumi (*1983) eingeladen, die – nicht zuletzt erkennbar an ihrer Haarbildung – unterschiedlichste Pole der Figuration darstellen. Ist nach Childress alles einerlei in der Malerei? Doch nicht ganz. Dass sie radikal aus dem Leben wächst, ist für sie zentral. 

Until 
23.04.2023
Exhibitions/Newsticker Date Type City Country
Nina Childress — Cils Poils Cheveux 06.11.2022 to 23.04.2023 Exhibition La Chaux-de-Fonds
Schweiz
CH

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