Alberto Venzago — Alles mit Leidenschaft

Alberto Venzago · Zugedröhnte Kinderprostituierte auf dem Weg ins Hotel, Manila, Philippinen, 1993

Alberto Venzago · Zugedröhnte Kinderprostituierte auf dem Weg ins Hotel, Manila, Philippinen, 1993

Alberto Venzago · Kriegswitwen trauern am Grab, Dezful, Iran, 1983

Alberto Venzago · Kriegswitwen trauern am Grab, Dezful, Iran, 1983

Besprechung

Dieser Mann kann viel, und er kann Verschiedenstes, macht sich ein Bild, macht Bilder: Alberto Venzago. Über Jahre hat er weltweit Magazine beliefert, als freier Fotograf oder im Auftrag unterwegs. Dem auch als Filmemacher ausgezeichneten Zürcher widmet das Museum für Gestaltung eine grosse Retrospektive.

Alberto Venzago — Alles mit Leidenschaft

Zürich — Schon auf den ersten Blick wird klar: Das ist einer, der etwas zu sagen hat, der sich mit grosser Intensität und engagierter Neugier an die Arbeit macht, um das, was er sieht, zu verstehen und es anderen verständlich zu machen: beste Reportagefotografie, die ohne grosse Erklärungen funktioniert. Diese beispielhaften Bilder aus vertrautem und fremdem, verborgenem oder totgeschwiegenem Leben, in denen es immer irgendwie um Schicksal geht, dem von Einzelnen, von Gruppen, ganzen Natio­nen, machen den grossen Teil von Alberto Venzagos (*1950, Zürich) Schau aus. Der Fotograf, Filmemacher und leidenschaftliche Geschichtenerzähler hat rund 450 Bilder aus den weit über 100’000 in seinem Archiv ausgewählt. Der Schwerpunkt liegt auf Fotografien der 1980er- und 1990er-Jahre: lauter Zeugnisse eines Weitgereisten, beobachtend, mittendrin. Gleich im ersten von vierzehn Kapiteln gerät man in den Sog politischer Konflikte und kriegerischer Auseinandersetzungen. Sechzig zu einem Tableau vereinte Aufnahmen zeigen, wie die DDR ihr dreissigjähriges Bestehen feiert, Lech Wałęsa in Danzig die Kommunion erhält, wie die Systeme ins Wanken geraten; zeigen das Rote Telefon in Washington, Todesschwadronen in El Salvador, Bürgerwehr und Massenbeerdigung in Südafrika. Manches davon ist Geschichte, das ­meiste wirkt bis in die Gegenwart. So wie im zweiten Kapitel der Golfkrieg im Iran, den Venzago in dynamischen und erhellend kontrastreichen Bildern thematisiert.
Sich Zeit nehmen gehört zu Venzagos Markenzeichen. Im Iran waren es ­Monate, für die Yakuza, eine Art japanische Mafia, fünf Jahre, bis er so «unsichtbar» wurde, dass er überall dabei sein und eine Vielzahl eindrucksvoller Aufnahmen machen konnte. Oder sein Sicheinlassen aufs Dunkle, Magische: Voodoo in Benin, Venzagos erster Film, danach auch Fotografien – packend, bis ins Innerste vorstossende N­ähe. Dunkles auch im Kapitel ‹Kinderprostitution in Manila›, einem Essay mit konkreten Folgen für die deutsche Rechtsprechung. Überhaupt: Concerned Photography. Venzago ist Kameramann von ‹Invisible Crimes›, 2007, der den Opfern des Bürgerkriegs im Kongo Gesicht und Stimme verleiht; ebenso später von ‹Jagdzeit›, der den Walfang in der Antarktis dokumentiert. Gegen Ende der opulenten Schau und nach kunstvollen Blicken auf die Natur erwartet einen ein buntes Kaleidoskop von Kultur- und Szenestars, von Schweizer Lebensrealität in vielen Lagen: Man spürt, dass da einer unterwegs ist, der die Menschen liebt als einer von ihnen. 

Until 
02.01.2021
Exhibitions/Newsticker Date Type City Country
Alberto Venzago 01.08.2021 to 02.01.2022 Exhibition Zürich
Schweiz
CH
Author(s)
Angelika Maass
Artist(s)
Alberto Venzago

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