Éric Baudelaire — Der bittere Ewigkeitsgeschmack gegenwärtiger Blumen

A Flower in the Mouth, 2021, Videostill © ProLitteris

A Flower in the Mouth, 2021, Videostill © ProLitteris

A Flower in the Mouth, 2021, Videostill © ProLitteris

A Flower in the Mouth, 2021, Videostill © ProLitteris

A Flower in the Mouth, 2021, Videostill © ProLitteris

A Flower in the Mouth, 2021, Videostill © ProLitteris

A Flower in the Mouth, 2021, Videostill © ProLitteris

A Flower in the Mouth, 2021, Videostill © ProLitteris

Foto: Marco Abram / Locarno Film Festival

Foto: Marco Abram / Locarno Film Festival

L’Homme à la fleur, 2021, C-print, 90 x 71 cm © ProLitteris

L’Homme à la fleur, 2021, C-print, 90 x 71 cm © ProLitteris

Fokus

In Installationen, Fotografien, Publikationen und dokufiktionellen Spielfilmen durchforscht Éric Baudelaire Handlungsräume, die sich zwischen Imaginärem, Realem und Symbolischem auftun. Ein politisches, poetisches Werk. Zeitgemäss verhandelt er in der Kunst Halle Sankt Gallen anhand von Blumen den Todesaufschub und den Preis der Schönheit. 

Éric Baudelaire — Der bittere Ewigkeitsgeschmack gegenwärtiger Blumen

Das Atelier von Éric Baudelaire liegt am Canal de l’Ourcq, dessen malerisches Flanierufer eines der nordöstlichen Problemviertel von Paris durchzieht, mitten im gentrifizierten Umbruch. Direkt an einer Hubbrücke in einem umgebauten Speicher, wo einst über den Kanal herangeschiffte Waren lagerten, entsteht heute, zwischen Bücherregalen, Kaffeemaschine und Computern – «eigentlich sehr wenig», erklärt der französische Künstler lächelnd. «Das meiste geschieht auf Reisen, beim Drehen, in Schneideräumen und bei Ausstellungen.» Er sei Feldforscher, das Atelier brauche er zum Nachdenken, Organisieren, Planen. Und um sich Zeit zu nehmen zum Gespräch.

Dauer und Weile
‹Tu peux prendre ton temps› erhielt 2019 den Marcel Duchamp-Preis. Der knapp zweistündige Film zur dreiteiligen Installation entstand während vier Jahren Arbeit mit Jugendlichen im Vorort Saint-Denis. Sie zeigen einfühlsam und geduldig ihr Leben, den Eindruck der Realitäten und Bilder der Welt «da draussen». An ihr ist der Künstler mit Abschluss in Politikwissenschaft interessiert. Er gibt nicht vor, sie abzubilden, produziert nicht wieder Bilder, die in Bezug auf das Gezeigte «zu spät kommen». Vielmehr geht es ihm um «ein Projekt zur Gegenwartszeit». Seit 2010 entstehende Langfilme zeigt er mit Erfolg auf Filmfestivals. Für Ausstellungen macht er sie zu räumlichen Elementen. So faltete Baudelaire seinen Film ‹Also known as Jihadi› 2017 im Centre Pompidou Paris in den Ausstellungsraum aus. Auch hier untersucht er, was Bilder verdecken, wie sie funktionieren, statt vergeblich der in Bildern flüchtigen Präsenz nachzujagen. «Oft bleiben Elemente einer Arbeit lange liegen, um zu einer Form zu gelangen, welche die Bilder transformiert, sublimiert», erzählt er, «Zeit ist ein Antidot gegen den Überkonsum der Bilder. Dauer zu spüren, geradezu zu erleiden, ist wichtig.» Sie ist sein Werkzeug: Forschungen, Vorbereitungen und Dreharbeiten, jedoch auch Ausstellungsbesuche, Filmprojektionen, Publikationen, Diskussionen oder Vorträge dehnen zeitlich und räumlich, was zu erfahren ist.

«Während ich hier nachdenke, nehmen über drei Milliarden kleiner Kameras Bilder auf – alle Aspekte und Ansichten unseres Lebens verändern sich angesichts der Bilder,  werden wie ausgewischt, ein Moment verwischt den anderen, wie ein Bild das andere wegwischt … man könnte sagen, die Menschheit verschwindet in dem Masse, in dem sich fortgesetzt die Bilder auslöschen.» Éric Baudelaire in seinem Pariser Atelier, 20.11.2020

Anstoss zu seinem neuesten Film ‹A Flower in the Mouth› gab ein Artikel der New York Times über den Blumenmarkt im niederländischen Aalsmeer. Auf einer Grundfläche von 999’000 Quadratmetern versteigert hier und an drei anderen Standorten die Genossenschaft FloraHolland täglich über 44 Millionen Blumen von rund 10’000 internationalen Lieferanten mit einem Jahresumsatz von € 1236 Milliarden. Die Pandemie machte dem Vanitassymbol barocker Stillleben den Garaus: 400 Millionen Blumen wurden 2020 vernichtet. «All das ist schrecklich und faszinierend, schön und monströs», sagt Baudelaire, der entfernt zu Charles Baudelaires Familie gehört, dem romantischen Autor von ‹Les Fleurs du Mal›. Ihm gehe es um die Objektivierung der Blumen, so der Künstler, die sie Bildern ähnlich mache, ihre Industrialisierung interessiere ihn noch vor ihrer kultureller Ladung.
Also reiste er vor Ort, besuchte Plantagen, filmte wie der französische Ethnologe und Kameramann Jean Rouch «mit suchender Kamera» Produktionsrealitäten: «Für einen Farbtupfer auf dem Wohnzimmertisch werden weltweit Tausende ausgebeutet, Plantagen mit Pestiziden beregnet, riesige Mengen CO2 verursacht – das Bild der Blume zeigt das nicht.» Dennoch klagt Baudelaire nicht an. Mit der Kamera beobachtet er begleitend, aktiviert ähnlich wie der amerikanische Künstler und Kritiker  Allan Sekula oder der deutsche Filmemacher Harun Farocki das poetische Moment der bildnerischen Form.

Zwischen Text und Bild
‹Death Passed My Way and Stuck This Flower in My Mouth›, der Titel der Ausstellung in der Kunst Halle Sankt Gallen, ist ein Zitat aus dem Einakter ‹Der Mann mit der Blume im Mund›. 1923 liess der sizilianische Schriftsteller Luigi Pirandello einen an einem blumenförmigen Karzinom sterbenden Mann die Welt ansehen. «Er ist Beobachter, um den Tod aufzuschieben, das ist für mich das Zentrale dieses Stücks», so Baudelaire. «Geschmack hat nur die Vergangenheit, die in uns weiterlebt. Die Lust zu leben kommt uns von dorther, von den Erinnerungen, an die wir gefesselt sind», solche Zitate aus Pirandellos Stück wirken wie eine Engführung von Baudelaires künstlerischem Programm: Fiktion und Realität, Präsenz und Erinnerung, Bilder und Texte bündelt er mit zähneknirschendem Humor zum Zeitporträt – im postmodernen Bewusstsein von deren Selbstreferenzialität. Sie mit dunklem Witz zu bearbeiten, zeigt, «was durch Bilder verhandelbar wird: die Gewalt der Welt».

Den Schlamassel zurechtlegen
Diese Gewalt künstlerisch angreifbar zu machen, bedeutet auch, sich selbst auszusetzen, zeichnet sie doch den Prozess aus, dem der Autor im Umgang mit Bildern verhaftet ist. In einem Text von 2018 erinnert Baudelaire an Beckett, der einmal angesichts der Weltlage schrieb, ein unüberschaubarer Haufen aus Realem, Fiktivem, Imaginärem sei entstanden. Beim Scherbenhaufen der Moderne gehe es nun darum, den Schlamassel so zurechtzulegen, dass er neue, ungesehene Formen erzeugt. Baudelaire will in diesem Sinn den Bezug zur Zeit neu denken, ausgehend von den Formen, die sich zurechtlegen. Seine jüngsten Werke sind ein Reigen um Tod, Aufschub, Präsenz und Abwesenheit, Ich und Welt unter dem Eindruck selbstverschuldeten Vergehens, und sie versuchen eben das: die Welt neu zurechtzulegen. Ergänzend zur mehrteiligen Projektion in St. Gallen wird der Pirandello-Text auf Stoffbahnen abgebildet, in einem anderen Saal evozieren Wachsplatten mit Grafiken von während der Pandemie gesammelten Daten – Rosenpreise, Bitcoin, Anzahl Suchanfragen zu «loneliness» – die ökonomischen Datenströme, wie sie die Blumenversteigerungen durchlaufen. Mit ästhetischen Resonanzen sollen «die Formen immer ermöglichen zu bedenken, wie sie entstanden sind». Baudelaires künstlerisches Anliegen sind Handlungsmöglichkeiten. Nicht gegen, inmitten von Bildern, Texten, Objekten, inmitten ambivalenter Schönheit, die den Geschmack des Todes auf den Lippen trägt.

J. Emil Sennewald ist Kritiker und Korrespondent in Paris. Er unterrichtet Philosophie an Kunsthochschulen in Clermont-Ferrand und Zürich. emil@weiswald.com

→ ‹Éric Baudelaire – Death Passed My Way and Stuck This Flower in My Mouth›, Kunst Halle Sankt Gallen, bis 28.11. ↗ www.k9000.ch

Until 
28.11.2021

Éric Baudelaire (*1973, Salt Lake City) lebt in Paris

Einzelausstellungen (Auswahl)
2022 ‹When There Is No More Music to Write›, Spike Island, Bristol
2019 ‹Faire avec›, Centre Régional d’Art Contemporain Occitanie, Sète
2017 ‹Après›, Centre Pompidou, Paris
2014 ‹Framework›, Fridericianum, Kassel; ‹The Secession Sessions›, Bergen Kunsthall
2012 ‹The Anabasis of May and Fusako Shigenobu, Masao Adachi and 27 Years without Images›, Gasworks, London

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2021 ‹When the Present is History›, Museum of Contemporary Art, Thessaloniki
2020 ‹Resisting Images, Images Responding›, Coalmine, Winterthur
2019 ‹Prix Marcel Duchamp›, Centre Pompidou, Paris
2017 ‹Concrete Truth – Art and the Documentary›, ISCP, New York
2016 ‹Territories and Fictions, Thinking a New Way of the World›, Museo Reina Sofía, Madrid
 

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