Inventing Nature

Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger · Pflanzen dichten, 2021. Foto: Bruno Kelzer

Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger · Pflanzen dichten, 2021. Foto: Bruno Kelzer

Sylvia Bächli · Floréal, 1998, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Sylvia Bächli · Floréal, 1998, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Hinweis

Inventing Nature

Karlsruhe — Alte Kulturen wussten symbolsprachlich um die Bedeutung der Phytosphäre, der Welt der Pflanzen. Sie sprachen vom Baum des Lebens oder vom Weltenbaum Yggdrasil. Erst im Zeitalter des Anthropozäns, in einer vollständig säkularisierten und durchökonomisierten Welt sinkt vegetabile Natur in Form von Monokultur und Plantagenwesen zu blossem Menschenwerk – einem Zerstörungswerk – herab. Zur Strafe dafür, dass wir uns die Welt allzu buchstäblich untertan gemacht haben, laufen wir Gefahr, unsere Lebensgrundlagen zu verspielen. Umgetrieben nicht zuletzt von dieser dystopischen Sorge, hat die Ausstellung ‹Inventing Nature› der Kunsthalle Karlsruhe ihr Thema – das Verhältnis der Kunst zur Pflanzenwelt – in diesen grösseren Zusammenhang eingebettet. Mehr als 150 Kunstwerke aus über 500 Jahren, von der Renaissance bis zur unmittelbaren Gegenwart, umkreisen unser Verhältnis zur Pflanzenwelt im Wandel der Zeit. Das Museum schöpft dafür aus seiner eigenen exzeptionellen Sammlung, greift zugleich aber auf Leihgaben von Museen und Galerien zurück – etwa auf ein Bronzebäumchen von Su-Mei Tse im Besitz der Galerie Tschudi in Zuoz. Aus dem Fotomuseum Winterthur fanden Werke von Gregory Crewdson und Beat Züst den Weg in die Ausstellung. Geboten werden auch zahlreiche Leihgaben von Künstlern, so die eigens für die Schau entstandene, zauberhaft-verspielte Installation ‹Pflanzen dichten› von Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger, ein Meisterwerk. Das Künstlerduo aus Uster im Kanton Zürich nimmt den Titel der Schau ernst. Was da in einer künstlichen Landschaft fröhlich wuchert und quietschbunt rankt, ist ein hybrider Mix aus Naturgebilden, Plastik und Metall – und das raumgreifende Werk ein ebenso sensibles wie phantasievolles Plädoyer für Symbiosen und Diversität anstelle von Monokulturen, vor dem Hintergrund des Artensterbens.
Berückend die Vielfalt der Ausstellung, welche die unterschiedlichen Epochen nicht getreu der Chronologie trennt, sondern in sachlich-thematischen Bezüge zusammenführt: Ein Objektkunstwerk von Tobias Rehberger findet nahe einem Werk Redons seinen Platz, ein barockes Stillleben von Clara Peeters unweit eines Gemäldes von Anselm Feuerbach – oder einer Fotografie von Sean Scully. Natur buchstäblich neu erfinden auch der deutsche Fotokünstler Robert Voit in seinem ‹Alphabet neuer Pflanzen› oder, als Dystopie, die Finnin Ilkka Halso in ihrem fotografischen ‹Museum of Nature›; im kleineren, zeichnerischen Massstab auch Silvia Bächli in entzückenden Gouachen ihrer Langzeitserie ‹Floréal›. Hinreissend!

Until 
31.10.2021
Exhibitions/Newsticker Date Type City Country
Inventing Nature 24.07.2021 to 31.10.2021 Exhibition Karlsruhe
Deutschland
DE

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